Volkswagen Dieselgate in neuen Dimensionen

Der Abgasskandal zieht Kreise: Verkehrsminister Dobrindt lässt die Dieselautos aller Hersteller testen. In Wolfsburg vernehmen Staatsanwälte derweil über ein Dutzend VW-Ingenieure – offenbar mit ersten Konsequenzen.

Neue Dimensionen im VW-Abgasskandal Quelle: dpa Picture-Alliance

Der Rollenprüfstand der Dekra in Klettwitz? Ausgebucht bis Mitte November. Der Prüfstand im Abgaslabor des TÜV Süd in Heimsheim? Ausgebucht auf Wochen. Der Skandal um manipulierte Abgaswerte von VW-Dieselmotoren stößt in eine neue Dimension vor: Im Auftrag von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt testen alle Prüfkonzerne gerade unter höchster Geheimhaltung für das Kraftfahrtbundesamt das Abgasverhalten von über 50 Dieselautos aller Hersteller. Für den Check wurde ein spezieller Fahrzyklus entwickelt, die Tests selbst finden auf dem Prüfstand sowie im Straßenverkehr statt.

Die in dieser Form einmalige Aktion ist Ausdruck offenkundigen Misstrauens der Politik. Denn sie soll herausfinden, ob die Hersteller Vorrichtungen in die Motorensteuerung eingebaut haben, die den Ausstoß von Schadstoffen nach unten manipulieren. Gleichzeitig soll der Großtest feststellen, um wie viel der Ausstoß im Straßenverkehr über den Messwerten auf dem Prüfstand liegt. Die EU-Kommission plant für die nächste Stufe der Abgasnorm, die 2017 in Kraft tritt, mit einem Faktor von 1,8.

Die Abgas-Tests in Deutschland und Europa

Zwar hält das Kraftfahrtbundesamt Zwischenergebnisse der Felduntersuchung unter Verschluss. Für Dekra-Vorstand Clemens Klinke steht die Schlussfolgerung, die sich aus den Manipulationsmöglichkeiten in der Motorensteuerung ergibt, aber schon fest: Statt bei der regelmäßigen Hauptuntersuchung nur den digitalen Fehlerspeicher im On-Board-Diagnose-System auszulesen, müssten die Schadstoffwerte wieder im Auspuff des Autos gemessen werden. „Nur so lässt sich feststellen, ob etwa ein Rußfilter ordentlich arbeitet“, so Klinke.

Weiterer Top-Manager beurlaubt

Auch im VW-Konzern selbst zieht die Abgasaffäre Kreise. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig befragt aktuell über ein Dutzend Ingenieure aus dem Umfeld des beurlaubten VW-Entwicklungsvorstands und früheren Leiters der Konzern-Aggregateentwicklung, Heinz-Jakob Neusser. Unter ihnen ist auch Falko Rudolph, der Vater des Skandal-Dieselmotors mit der Typbezeichnung EA189. Ermittlungsverfahren laufen allerdings noch keine – mit einer Ausnahme.

Laut einem Bericht der „Bild am Sonntag“ ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen Hanno Jelden, der bislang Leiter der Antriebstechnologie war. Der Top-Manager musste seinen Schreibtisch offenbar schon räumen. Jelden stehe unter Verdacht, die Motor-Software so umprogrammiert zu haben, dass die vorgeschriebenen Grenzwerte auf dem Prüfstand eingehalten werden konnten. Bei der internen Befragung habe Jelden zudem auch nicht verraten, wer in der Vorstandsetage von den Manipulationen gewusst habe.

Der VW-Abgas-Skandal im Überblick

Wie die „Bild am Sonntag“ weiter schreibt, habe Jelden nicht den ehemaligen Konzernboss Martin Winterkorn persönlich informiert – angeblich entlasten interne Revisionsberichte Winterkorn. Er habe erst wenige Tage bevor die US-Umweltbehörde Mitte September den Skandal publik machte von der Schummel-Software erfahren. Zwar wusste Winterkorn offenbar über Probleme bei den Abgas-Werten Bescheid, dass eine illegale Software verwendet wurde, sei ihm hingegen unbekannt gewesen.

Porsche-Betriebsrat Hück lehnt Kürzungen ab

Wie viel VW-Besitzer gegen Europas größten Autobauer mobil machen, lässt sich indes noch nicht absehen. Allein bei der Anwaltskanzlei Dr. Stoll & Sauer in Freiburg sind bisher rund 2000 Anfragen Betroffener eingegangen. Von ihnen drängen diejenigen, die 2013 oder später ein Dieselfahrzeug erworben haben, VW offenbar erfolgreich zur Verlängerung der Gewährleistungsfrist. „In Einzelfällen haben wir bereits beim Händler einen Verjährungsverzicht erwirkt“, sagt Kanzleimitglied Christian Grotz. Gleichzeitig verklage er Volkswagen wegen vorsätzlicher sittenwidriger Schädigung, damit der Konzern für alle Kosten aufkommt.

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Um eine Ausweitung des Skandals und der bei VW geplanten Sparmaßnahmen auf unschuldige Töchter zu verhindern, zieht Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück schon mal eine rote Linie: „Die Boni für die Porsche-Beschäftigten werden nicht angetastet.“ Was „einige Deppen bei VW“ zu verantworten hätten, dürfe nicht zulasten der Belegschaft gehen. Auch Investitionskürzungen lehnt Hück ab: „Es macht keinen Sinn, kerngesunde Töchter krank zu machen.“

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