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VW-Abgas-Skandal Bei Volkswagen macht sich verhaltener Optimismus breit

Es war ein Stimmungstest unter Auto-Käufern: Bei der Leser-Wahl Auto-Trophy räumte VW groß ab - trotz Abgasskandal. Auch Analysten fassen wieder Hoffnung, bei der Aktie ging es bergauf.

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Auto-Trophy Abschlussbild Quelle: PR

Das Cruise Center Altona ist ein Ort zum Träumen. Vor wenigen Tagen brach von hier aus die „Magellan“ zu einer Kreuzfahrt in die Karibik auf, am 8. Januar wird hier an der Norderelbe die Queen Elisabeth 2 Anker werfen. Es riecht nach Fisch und Tang, noch stärker nach Abenteuer und Urlaub, auch wenn in dem stylischen Gebäude am Elbufer an diesem Tag keine Reisenden einchecken, sondern Spitzenmanager der Autoindustrie: Unter dem Thema „World's Best Cars“ prämiert die im Bauer-Verlag erscheinende "Autozeitung" die Gewinner einer internationalen Leserwahl – die besten Autos des Jahres in zwölf Klassen, dazu das beste Design, die beste Marken, das innovativste Fahrzeug, aber auch die Marke mit dem besten Qualitätsimage.

Die Wahl barg jede Menge Spannung, aber auch Sprengstoff. Denn die Verleihung der so genannten Auto-Trophys stand dieses Jahr, na klar, ganz im Zeichen des VW-Abgasskandals: Abgegeben wurden die insgesamt 74.921 Stimmen im Oktober, als die Tricksereien und Betrügereien an Dieselfahrzeugen aus dem Konzern längst Schlagzeilen machen. Die Wahl war insofern auch ein Stimmungstest, ein Seismograph, wie es Chefredakteur Volker Kordt formulierte: Würde der VW-Konzern abgestraft – oder haben die Berichte über manipulierte Abgaswerte die Autofahrer in Deutschland wie im Ausland kalt gelassen?

Die lange Liste der Offenbarung
VW Passat US-Version, Modelljahrgang 2016 Quelle: PR
Betroffen: Seat Ibiza (falsche Werte bei CO2-Zertifizierung angegeben) Quelle: PR
Auch bei den Benzinern gibt es Probleme, und zwar mit dem CO2 Quelle: PR
Betroffen? Skoda-Modelle online prüfen. Quelle: PR
Skoda Yeti Quelle: PR
Weltweit sind bei Skoda rund 1,2 Millionen Fahrzeuge von der Abgas-Thematik betroffen. Quelle: PR
Skoda Octavia Quelle: PR

Von den Vorständen des Volkswagen-Konzerns, die in der Abenddämmerung vor dem Hamburger Kreuzfahrtterminal aus ihren Dienstwagen klettern, sehen einige aus, als könnten sie einen Urlaub gut gebrauchen: Bald acht Wochen ist es her, dass im fernen Amerika Cynthia Giles von der US-Umweltbehörde EPA den VW-Abgasskandal lostrat. Seitdem steht der Konzern Kopf, ging die Aktie auf Talfahrt, wurden einige Manager gefeuert, etliche mehr beurlaubt. Es gab Beförderungen und Versetzungen, Hausdurchsuchungen und Mitarbeiterversammlungen, Anhörungen und allerlei unangenehme Gespräche, mit Ministern und Behördenleitern, die mit Milliardenstrafen für den Konzern drohten, mit Steuernachzahlungen und Schadenersatzforderungen.

Vor allem aber gab es jede Menge Überstunden, für die Manager, aber noch mehr für die Ingenieure: Seit Ende September laufen auf den Prüfständen in Wolfsburg und auf der Teststrecke im nahen Ehra-Lessien Dieselautos beinahe im Dauerbetrieb. Erst galt es, die Ursachen für die auffälligen Schadstoffwerte zu ermitteln. Dann mussten die technischen Maßnahmen entwickelt werden, mit denen in den kommenden Monaten rund elf Millionen Autos in aller Welt nachgebessert werden sollen.

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    Diese Zulieferer sind besonders abhängig von Volkswagen
    ThyssenKrupp Quelle: dpa
    LEoni Quelle: dpa
    Rheinmetall Quelle: dpa
    ZF Friedrichshafen Quelle: dpa
    Continental Quelle: dpa
    US-Zulieferer Delphi Automotive Quelle: dpa Picture-Alliance
    Elring-Klinger Quelle: dpa

    Das alles hat an den Kräften und Nerven gezehrt. Audi-Chef Rupert Stadler sieht jedenfalls bei seinem Eintreffen in Hamburg deutlich blasser aus als sonst, auch der frischgebackene VW-Marketingvorstand Jürgen Stackmann war schon besser drauf. Bernhard Maier, seit Anfang November Vorstandschef von Skoda, muss sich in seiner neuen Rolle wie in seiner neuen Heimat Tschechien erst noch zurechtfinden. Am lockersten gibt sich im Kreuzfahrtterminal noch Eckhard Scholz drauf, der Vorsitzende des Markenvorstands von VW Nutzfahrzeuge. Dabei sind auch rund 1,8 Millionen Fahrzeuge aus seiner Produktion vom Abgasskandal betroffen: „Da hilft kein Abtauchen  – da müssen wir jetzt durch“, lautet seine Devise. Freddy Quinn hätte an der Stelle vermutlich das Lied vom unerschütterlichen Seemann angestimmt.

    Die vergleichsweise gute Laune von Scholz erklärt sich später mit dem Ergebnis der Leserwahl in der Kategorie „Bester Van“ – die Trophäe gab es für den neuen VW Multivan. Auch die Mienen seiner Kollegen hellten sich rasch auf: Audi-Chef Stadler konnte gleich fünf Preise mit nach Ingolstadt nehmen – für den A1, den A3, R8 und Q7 und das beste Design weltweit. Stackmann nahm einen Preis für den neuen VW Tiguan in Empfang, Skoda-Chef Maier zum Einstand gleich zwei für den neuen Octavia und die beste Importmarke des Jahres. Und gefreut hat sich Maier sicher auch über gleich drei Preise für den Porsche 911 – vor seiner Berufung nach Tschechien war Maier bei der Sportwagenmarke fünf Jahre lang für Marketing und Vertrieb verantwortlich.

    VW-Manager geben sich zuversichtlich

    In Summe – und einen Preis für den Seat Alhambra als besten Import-Van eingerechnet – kam der VW-Konzern auf 13 goldene Trophäen: Das war Balsam für die Seelen der Manager, die in den vergangenen Wochen einigen Spott ertragen mussten. Der prestigeträchtigste Titel „Beste Marke weltweit“ ging zwar an Mercedes. Und dass bei insgesamt 26 Kategorien mit Tiguan und Multivan nur zwei Volkswagen-Produkte aufs Siegertreppchen kamen – geschenkt: Im Jahr zuvor, noch völlig unbelastet von Skandalen, hatte VW mit dem neuen Passat sogar nur ein einziges Siegerauto.

    Audi-Chef Stadler denn auch verhaltenen Optimismus, die Diskussionen mit den US-Umweltbehörden über die Software zur Steuerung der Abgasanlage bei Fahrzeugen mit einem Sechszylinder-TDI-Motor schon bald beenden zu können: „Unsere Haltung scheint drüben gut angekommen zu sein“, berichtete er über Gespräche, die er am vergangenen Wochenende persönlich in den Staaten geführt hatte. „Wir werden das heutige Thema abarbeiten“, kündigte er an – das Wörtchen Abgasskandal mochte er nicht in den Mund nehmen.

    Die Abgas-Tests in Deutschland und Europa

    Auch bei seinen Kollegen von VW hatte sich die Stimmung zu später Stunde spürbar aufgehellt. Stackmann („Unsere Händler haben schon fröhlichere Momente erlebt“) ist zuversichtlich, dass sich die Stimmung im Verkauf in den kommenden Wochen deutlich heben wird, sobald alle Details der geplanten Rückrufmaßnahmen bekannt gegeben sind.

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      Die kritischen Dieselmotoren der Skandal-Baureihe EA189 mit 2.0 Litern Hubraum werden eine neue, leistungsfähigere Software für die Steuerung von Motor und Abgasnachbehandlung erhalten, die Maschinen mit 1,6 Litern Hubraum darüber hinaus einen so genannten Strömungstransformator zur Beruhigung der Luftströme im Luftfilterkasten – die Abgasrückführung kann damit laut VW präziser gesteuert, der Ausstoß von Stickoxiden unter die gesetzlichen Grenzwerte gesenkt werden. Nach eingehender Prüfung hat der Konzern dieser technischen Lösung am Mittwoch zugestimmt.

      Auto



      Offen ist jetzt nur noch, wie die Dreizylinder-TDI-Motoren mit 1,2 Liter Hubraum repariert werden können. Die technische Lösung für diese Fahrzeuge soll in den kommenden Tagen präsentiert werden. Aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass die für 2016 geplanten Rückrufaktionen den Konzern deutlich weniger kosten dürften als man in Wolfsburg ursprünglich befürchtet hatte. Und da sich weder der Verbrauch der Fahrzeuge noch die Fahrleistungen verschlechtern sollen, werden auch die Schadenersatzforderungen von betroffenen Kunden eingegrenzt werden können.

      In einer neuen Studie schätzt Arndt Ellinghorst, Auto-Analyst bei Evercore ISI in London, dass der Skandal den Volkswagen-Konzern im besten Fall „nur“ rund 16,3 Milliarden Euro kostet – und vorausgesetzt, dass es in den kommenden Wochen keine weiteren bösen Überraschungen gibt. Möglicherweise, wenn VW die Käufer in Scharen davon laufen und rund 325.000 Dieselautos in USA zurückgekauft werden müssten, könnte sich die Schadensumme auch auf rund netto 25 Milliarden Euro erhöhen: „Das wäre schmerzvoll, aber nicht das Ende für den Konzern“.

      Evercore ISI empfahl deshalb am Mittwoch, die VW-Aktie wieder zu kaufen. Als Kursziel wurden 200 Euro genannt. Die Aussicht auf die technische Lösung hat der VW-Aktie am Mittwoch bereits Schwung verliehen: Die Papiere stiegen um bis zu 4,1 Prozent auf 120,70 Euro und notieren damit wieder so hoch wie zuletzt am 22. September - wenige Tage nach Bekanntwerden des Abgasskandals.

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