VW-Abgas-Skandal Wie Müller Volkswagen aus der Krise führen kann

Mit Dieselgate hat VW Vertrauen bei Kunden, Aktionären und Mitarbeitern verspielt. Die neue Führungsspitze muss den Neuanfang schaffen – und dafür mit dem alten System Volkswagen brechen.

Neuer VW-Chef Matthias Müller: Mit neuem Führungsstil aus der Krise. Quelle: REUTERS

Wie vier Wochen die Welt verändern können: Anfang September teilte Volkswagen stolz mit, dass der Vertrag von Vorstandsboss Martin Winterkorn bis Ende 2018 verlängert werden soll. Hans Dieter Pötsch, zu diesem Zeitpunkt Finanzvorstand unter Winterkorn, sollte als neuer Aufsichtsratschef die Übergangslösung Berthold Huber ersetzen und fortan seinen bisherigen Chef kontrollieren.

Alles in Ordnung in Wolfsburg. Nach dem öffentlich geführten Machtkampf gegen den Konzernpatriarchen Ferdinand Piëch sollte wieder Ruhe einkehren.

Doch dazu kam es nicht. Die am 18. September bekannt gewordene Abgas-Affäre fegte nicht nur Winterkorn aus Amt und Würden, sie stürzte Volkswagen in die schwerste Krise der rund 80-jährigen Unternehmensgeschichte. Das von Winterkorn jahrelang angestrebte und fast schon erreichte Ziel, Toyota als größten Autobauer der Welt abzulösen, war von heute auf morgen vergessen. Stattdessen befand sich VW auf einmal in einer „existenzbedrohenden Krise“, wie es Pötsch ausdrückte.

Müller stellt alles auf den Prüfstand

Der millionenfache Einbau einer Betrugs-Software weltweit kostete nicht nur einen der erfolgreichsten und bestbezahlten Dax-Manager und einige Untergebene den Job. In der Aufarbeitung der Krise muss der neue Vorstandschef Matthias Müller das ganze System Volkswagen in Frage stellen. Sämtliche Unternehmensziele, die etablierten Hierarchien, die festgelegten Entscheidungswege, der jahrelang gelebte Führungsstil – alles kommt auf den Prüfstand, um einen erneuten Skandal von den Ausmaßen des Dieselgates zu verhindern.

Dabei wird Müller von einem Manager kontrolliert, der über Jahre selbst ein entscheidender Teil des alten Volkswagen-Systems war: Der ehemalige Finanzchef Hans Dieter Pötsch soll der neue Vorsitzende des Aufsichtsrats werden. Trotz aller Bedenken der Arbeitnehmer und des Landes Niedersachsens setzten die Familien Porsche und Piëch Pötsch bei der Präsidiumssitzung in der vergangenen Woche ohne jegliches „Cooling Off“ als neuen Chefaufseher durch. Inzwischen hat auch das Amtsgericht Braunschweig auf Antrag des VW-Präsidiums Pötsch zum Mitglied des Kontrollgremiums ernannt. Ein Bote von VW soll den Beschluss des Gerichtes noch am Vormittag nach Wolfsburg bringen. Dort kann der 20-köpfige Aufsichtsrat Pötsch dann zu seinem neuen Vorsitzenden wählen.

Der VW-Abgas-Skandal im Überblick

Frei von Kritik ist die Pötschs Wahl nicht, die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) forderte unter anderem wegen Pötschs bisheriger Rolle in dem Skandal einen externen Kandidaten. Auch der Medienmanagement-Professor Thomas Breyer-Mayländer von der Hochschule Offenburg sieht den neuen Aufsichtsratsvorsitzenden als „die schwächste Personalie bei VW“. „Ich bin nicht davon überzeugt, dass im Aufsichtsrat mit Herrn Pötsch die endgültige Lösung gefunden ist“, sagt Breyer-Mayländer. „Einem amerikanischen Gericht zu erklären, warum die Person, die die Öffentlichkeit und Aktionäre über Wochen nicht informiert hat, jetzt die Aufklärung kontrollieren soll, wird – freundlich formuliert – eine spannende Aufgabe.“

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