VW-Abgasaffäre Hat Volkswagen auch beim CO2 geschummelt?

Die Probleme für VW reißen nicht ab: Mit den "Unregelmäßigkeiten" bei CO2-Angaben erhält die Abgasaffäre eine neue Dimension – auch wenn es offenbar keine technische Manipulation war. Die wichtigsten Fakten im Überblick.

Die Probleme für den VW-Konzern reißen nicht ab. Quelle: dpa

Wo hat Volkswagen jetzt geschummelt?

Am Dienstagabend hat der Konzern selbst mitgeteilt, man habe bei internen Untersuchungen "Unregelmäßigkeiten bei CO2-Werten" festgestellt. Demnach könnten nach dem derzeitigen Kenntnisstand rund 800.000 Fahrzeuge des Konzerns betroffen sein, unter anderem von den Marken VW, Audi, Seat und Skoda. Die Untersuchungen im Zuge der Abgasaffäre um manipulierte Stickoxid-Werte haben also erste Ergebnisse gebracht – wenn auch nicht die, die VW sich sicher erhofft hat.

Damit hat die Abgasaffäre eine neue Dimension erreicht – und geht soweit von der ursprünglichen Manipulation weg, dass es fast als zweiter Fall bezeichnet werden könnte. Bisher drehte sich die Affäre ausschließlich um NOx, also um als Umweltgift wirkende Stickoxide, die die Atemwege des Menschen und die Natur belastet. Die jetzt eingeräumten Probleme bei den CO2-Werten sind neu und technisch eine andere Baustelle.

Wie hat VW geschummelt?

Das ist noch nicht klar – und auch ob man überhaupt von "schummeln" sprechen kann. Eine behördliche Untersuchung gibt es bislang nicht, es gibt nur die Aussage des Unternehmens selbst. VW schreibt, man habe festgestellt, dass es "bei der Bestimmung des CO2-Wertes für die Typzulassung von Fahrzeugen zu Unregelmäßigkeiten" gekommen sei. Welcher Natur diese Unregelmäßigkeiten sind, teilte Volkswagen nicht mit. Lediglich dass die Angaben für den Kohlendioxidausstoß – und damit auch den Spritverbrauch – von der Motorabteilung offenbar zu niedrig angesetzt waren. Mit diesen Werten haben die betroffenen Modelle dann ihre Typzulassung bekommen. Und nach den dort angegebenen Werten richtet sich in zahlreichen Ländern die Kfz-Steuer.

Der VW-Abgas-Skandal im Überblick

Ob es aber um ein "Defeat Device" wie bei der NOx-Manipulation geht oder um eine andere Unregelmäßigkeit – der NEFZ erlaubt zahlreiche Modifikationen, bei denen VW die Grenzen zu weit ausgelegt haben könnte – ist noch nicht vollständig klar. Wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schreibt, handle sich nach Einschätzung der internen Revision "nicht um einen technischen Defekt oder einen Eingriff in die Software, sondern schlicht um betrügerische Angaben". 

Warum sind den Prüfbehörden die falschen Werte nicht aufgefallen?

Diese Frage konnte das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA), das in Deutschland für die Abnahme neuer Automodelle zuständig ist, zunächst einmal nicht beantworten. „Das ist jetzt zu klären. Da befinden sich die Kollegen in einer Phase des Erkenntnisgewinns“, sagte ein Sprecher. Die Messungen des CO2-Ausstoßes würden von sogenannten technischen Diensten durchgeführt. Dazu gehören unter anderem TÜV und Dekra. Von welchem Dienstleister die Gutachten zu den betroffenen Modellen erstellt wurden, konnte der Sprecher nicht sagen.

Welche Motoren sind dieses Mal betroffen?

Im Rahmen der gerade laufenden Überprüfungen aller Prozesse und Abläufe bei Dieselmotoren sei aufgefallen, dass bei der CO2-Zertifizierung einiger Fahrzeugmodelle zu niedrige CO2- und damit auch Verbrauchsangaben festgelegt wurden. Das sagt VW offiziell – nach Informationen der WirtschaftsWoche hat aber ein Whistleblower den Fall intern bekannt gemacht.

Auch beim EA288 – also dem aktuell eingesetzten Nachfolger des Skandalmotors EA189– soll es die Unregelmäßigkeiten geben. "Betroffen sind ganz überwiegend Fahrzeuge mit Dieselmotoren", so die Mitteilung. Ganz überwiegend heißt aber nicht ausschließlich: Während die Benziner in dem Stickoxid-Skandal als unbelastet galten, ist bei der CO2-Unregelmäßigkeit auch mindestens ein Otto-Motor betroffen. Vor dem Bundestag sagte Verkehrsminister Alexander Dobrindt, dass auch 98.000 Benziner betroffen seien.

Dem Vernehmen nach handelt es sich dabei um eine Variante des beliebten 1.4 TSI-Motors, allerdings nur die Ausführung mit Zylinderabschaltung. Diese Variante des intern EA211 genannten Motors ist nicht so weit verbreitet wie die Basis ohne die ACT-Zylinderabschaltung. Pikant ist der Fall dennoch – gerade die Zylinderabschaltung sollte besonders sparsam und umweltfreundlich sein. Im Jahr 2013 wurde der EA211 mit ACT noch als "Engine of the Year" in der Klasse zwischen 1,0 und 1,4 Litern Hubraum ausgezeichnet.

Wie teuer wird die aktuelle Manipulation?

Volkswagen beziffert die "wirtschaftlichen Risiken" auf rund zwei Milliarden Euro. Allerdings spricht der Konzern selbst von einer "ersten Schätzung". Was noch kommt und ob sich die CO2-Unregelmäßigkeit innerhalb weniger Tage ebenso ausweitet wie der Stickoxid-Skandal, ist wohl selbst der Chefetage in Wolfsburg noch nicht ganz klar. Bei der aktuell genannten Summe und 800.000 betroffenen Fahrzeugen wären das rund 2500 Euro pro Auto, mit denen VW kalkuliert. Ein nicht unerheblicher Teil dieser Summe könnte für Steuernachzahlungen draufgehen. Die Kfz-Steuer richtet sich in Deutschland nach dem CO2-Ausstoß. Wenn diese, wie geschehen, verfälscht wurden, muss auch die Steuer neuberechnet werden, die im Normalfall der Fahrzeughalter zahlen muss.

Die Bundesregierung will hingegen VW dazu zwingen, die Nachzahlung zu übernehmen. "Wir arbeiten an einer Gesetzgebung, die dafür sorgt, dass nicht der Kunde durch diese Mehrkosten belastet wird, sondern der Volkswagen-Konzern", sagte Verkehrsminister Alexander Dobrindt. Die höhere Steuer sei auch rückwirkend fällig.

Das neue Who is Who im VW-Konzern
Stefan Knirsch Quelle: Audi
Hinrich Woebcken Quelle: dpa
Neuer Generalbevollmächtigter für die Aggregate-Entwicklung: Ulrich EichhornVolkswagen hat einen neuen Koordinator für die Aggregate-Entwicklung auf Konzernebene. Der WirtschaftsWoche bestätigte Ulrich Eichhorn, dass er im Frühjahr zu VW zurückkehrt. Der 54-Jährige kommt vom Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA), wo er die Verantwortung für die Bereiche Technik und Umwelt inne hatte. Zuvor war Eichhorn neun Jahre lang Entwicklungsvorstand bei der VW-Tochter Bentley. Eichhorn wird nicht Mitglied des Vorstands, sondern berichtet als Generalbevollmächtigter direkt an VW-Chef Matthias Müller – ähnlich wie der neue Chef-Stratege Thomas Sedran. Quelle: Presse
Der neue Generalbevollmächtigte für Außen- und Regierungsbeziehungen: Thomas StegEs ist kein Wechsel der Funktion, sondern der Zuordnung: Thomas Steg ist seit 2012 Generalbevollmächtigter des Volkswagen-Konzerns für Außen- und Regierungsbeziehungen. Bislang war dieser Bereich Bestandteil der Konzernkommunikation. Jetzt ist das Team um Steg als eigenständiger Bereich in das Ressort von VW-Chef Matthias Müller zugeordnet, an den Steg persönlich berichtet. Der diplomierte Sozialwissenschaftler wird zusätzlich das Thema Nachhaltigkeit verantworten. „Mit der Bündelung der Konzernzuständigkeiten und der neuen Zuordnung des Themas Nachhaltigkeit trägt Volkswagen dessen wachsendem Gewicht Rechnung“, teilte der Konzern mit. Steg begann seine berufliche Laufbahn 1986 als Redakteur der Braunschweiger Zeitung. Danach war er Pressesprecher zunächst des DGB Niedersachsen/Bremen, ab 1991 des Niedersächsischen Sozialministeriums und ab 1995 der SPD-Landtagsfraktion Niedersachsen. 1998 übernahm er im Bundeskanzleramt die stellvertretende Leitung des Büros von Bundeskanzler Gerhard Schröder, ab 2002 war er stellvertretender Regierungssprecher, ab 2009 selbstständiger Kommunikationsberater. Quelle: Presse
Der neue VW-Entwicklungsvorstand: Frank WelschKurz nach dem Bekanntwerden von Dieselgate wurde der Entwicklungsvorstand der Marke VW, Heinz-Jakob Neußer, beurlaubt. Bei der Aufsichtsratssitzung am 9. Dezember ernannte das Kontrollgremium Frank Welsch zu seinem Nachfolger. Der promovierte Maschinenbau-Ingenieur ist seit 1994 im Konzern. Über verschiedene Stationen in der Karosserie-Entwicklung, als Entwicklungsleiter in Shanghai und Leiter der Entwicklung Karosserie, Ausstattung und Sicherheit der Marke Volkswagen arbeitete er sich zum Entwicklungsvorstand von Skoda hoch. Diesen Posten hatte Welsch seit 2012 inne.Sein Vorgänger Neußer verlässt den Konzern allerdings nicht, sondern steht laut VW-Mitteilung "dem Unternehmen für eine andere Aufgabe zur Verfügung". Quelle: Volkswagen
Der neue VW-Beschaffungsvorstand: Ralf BrandstätterRalf Brandstätter wird Vorstand für Beschaffung der Marke Volkswagen. Der 47-Jährige folgt in seiner neuen Funktion auf Francisco Javier Garcia Sanz, der die Aufgabe als Markenvorstand in Personalunion zusätzlich zu seiner Funktion als Konzernvorstand für den Geschäftsbereich Beschaffung wahrgenommen hatte. In Zukunft wird Garcia Sanz zusätzlich zu seinen Aufgaben als Konzernvorstand Beschaffung die Aufarbeitung der Diesel-Thematik betreuen. Brandstätter kam 1993 in den Konzern. Seit dem ist der Wirtschaftsingenieur in verschiedensten Posten für die Beschaffung verantwortlich gewesen, zuletzt als Leiter Beschaffung neue Produktanläufe. Zwischenzeitlich war er auch Mitglied des Seat-Vorstands. Seit Oktober 2015 ist Brandstätter auch Generalbevollmächtigter der Volkswagen AG. Brandstätter berichtet wie der ebenfalls neu berufene Entwicklungschef Frank Welsch direkt an VW-Markenvorstand Herbert Diess. Quelle: Volkswagen
Neuer VW-Personalvorstand: Karlheinz BlessingMitten in der größten Krise der Konzerngeschichte bekommt Volkswagen mit dem Stahlmanager Karlheinz Blessing einen neuen Personalvorstand. Der Aufsichtsrat stimmte am 9. Dezember bei seiner Sitzung dem Vorschlag der Arbeitnehmerseite für den vakanten Spitzenposten bei Europas größtem Autobauer zu. Blessing folgt damit auf den bisherigen Personalvorstand Horst Neumann, dieser war Ende November in den Ruhestand gegangen. Der Ernennung war eine lange Suche nach einem geeigneten Kandidaten vorausgegangen. Blessing (58) ist seit 2011 Vorstandsvorsitzender der Stahlherstellers Dillinger Hütte. Zuvor war er Büroleiter des damaligen IG Metall-Vorsitzenden Franz Steinkühler und Anfang der 1990er Jahre Bundesgeschäftsführer der SPD. 1993 ersetzte er als Arbeitsdirektor bei der Dillinger Hütte Peter Hartz, der damals zu VW nach Wolfsburg ging. Blessing sei gut in der IG Metall vernetzt, habe aber auch unternehmerische Erfahrung, hieß es in den Konzernkreisen. Quelle: dpa

Wie haben die Märkte auf die neuen Falschangaben reagiert?

Mit einem dramatischen Kursverfall. Die Anleger flüchteten scharenweise aus dem Papier, nachdem der Konzern die Falschangaben bei CO2-Werten bei rund 800.000 Autos eingeräumt hatte. Der Kurs der VW-Aktie rutschte zeitweise um mehr als zehn Prozent ab auf weniger als 100 Euro. Im Frühling war eine VW-Aktie noch mehr als 250 Euro wert.

Was sagt die Politik?

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hat Volkswagen aufgefordert, den Schaden durch die Abgasmanipulationen und -unregelmäßigkeiten ohne Belastungen der Kunden zu lösen. "Dass es (...) eine Irritation bei mir und in meinem Haus gibt, das muss man nicht ausdrücklich betonen", sagte der CSU-Politiker am Mittwoch mit Blick auf die Ausweitung des Skandals. Er habe ein großes Interesse daran, "dass alles umgedreht und angeschaut wird" bei dem Wolfsburger Konzern. "Ich gehe weiterhin davon aus, dass Volkswagen mit seiner Führung alle Anstrengungen unternimmt, den Schaden zu beheben, für Transparenz und Aufklärung zu sorgen." Die Kunden dürften dabei nicht belastet werden.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat die eingestandenen Mängel bei den CO2-Werten von Volkswagen als Beweis für den Aufklärungswillen des Konzerns gewertet. Was aufgedeckt wurde, habe VW selbst ermittelt, sagte der SPD-Vorsitzende am Mittwoch in Berlin. "Das ist ein Beweis dafür, dass sie es ernst meinen." Er glaube nach wie vor nicht, dass der Skandal das Image von "Made in Germany" dauerhaft beschädigen werde, sagte Gabriel.

Nach Auffassung der Grünen hat Volkswagen womöglich gegen Steuergesetze verstoßen. "Es sieht danach aus, dass VW sich durch zu niedrig angegebene CO2-Werte der Steuerhinterziehung schuldig gemacht hat", sagte die Grünen-Steuerpolitikerin Lisa Paus. "Die Finanzbehörden müssen nun gegen VW Ermittlungen einleiten." Dem Staat seien durch die falschen CO2-Abgaswerte und die daraus folgende unzutreffende Festsetzung der Kfz-Steuer womöglich Millionen-Einnahmen entgangen.

Paus wies darauf hin, dass demjenigen, der gegenüber Finanzbehörden oder anderen Behörden "über steuerlich erhebliche Tatsachen unrichtige oder unvollständige Angaben macht", laut Gesetz eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren drohe.

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