VW-Abgasaffäre "Wir haben Mist gebaut"

Katerstimmung bei Volkswagen: Der Konzern hatte zu einer großen Party in New York geladen – doch die Abgasaffäre und der damit verbundene Aufschrei in den USA trifft den deutschen Autobauer ins Mark.

Ein Mann guckt unter die Motorhaube eines VW Quelle: REUTERS

Es war als großes Fest geplant. Doch der Kater war schon vor der Party da. Vor Wochen hatte Volkswagen für Montagabend zu einer Party in New York geladen. Damals schien die Welt in Ordnung und VW wollte seinen neuen 2016er Passat in prächtigem Ambiente präsentieren – zur Livemusik von Rockstar Lenny Kravitz.

Tatsächlich ließ sich der US-Rocker nicht lumpen und heizte den Gästen mit Blick auf die Skyline von New York ein; so richtig wollte bei Volkswagen-Amerika-Chef Michael Horn und den anderen VW-Offiziellen keine Freude aufkommen.

In wenigen Worten brachte Horn die Misere des Autobauers auf den Punkt. "Wir haben Mist gebaut", sagte er am Abend.

Die EPA

Der 21. September wird als Horror-Tag in die VW-Annalen eingehen. Am diesem Montag stürzte die VW-Aktie brutal ab, nachdem die Umweltschutzbehörde EPA dem Konzern vorwarf, bei 482.000 Diesel-Fahrzeugen in den USA die Abgasvorschriften mit Software-Tricks vorsätzlich umgangen zu haben - und das Unternehmen Manipulationen einräumte. Binnen Stunden verlor der Autobauer rund 15 Milliarden Euro an Börsenwert. Und die Kosten der Affäre werden steigen.

Stimmen zum Abgas-Skandal bei VW

Im ärgsten Fall droht allein deswegen eine Strafzahlung für die Manipulationen in Höhe von 18 Milliarden Dollar. Mittlerweile hat sich das US-Justizministerium mit strafrechtlichen Ermittlungen gegen den VW-Konzern eingeschaltet, berichten US-Medien unter Berufung auf Ministeriumsinsider.

Glauben die Ermittler, bei VW liegt noch mehr im Argen, könnte der Autobauer sogar für mehrere Jahre und Beobachtung der US-Behörden gestellt werden. Daimler hat bereits Erfahrung mit einem solchen "Monitorship". Der Hersteller wurde zwischen 2010 und 2013 beaufsichtigt, nachdem Korruptionsfälle bekannt worden waren.

Anleger könnten den Konzern wegen Schadenersatzforderungen vor Gericht bringen und Autofahrer eine Sammelklage einreichen. Zwingen die US-Behörden Volkswagen dazu, die betroffenen Modelle zurückzurufen, fallen weitere Kosten an. Rund 500.000 Fahrzeuge von der Straße zu holen, ist nicht gerade preiswert.

Gewinnwarnung bei VW

Die Folge: Die Affäre zwingt Europas größten Autobauer zu einer Gewinnwarnung. Deshalb würden im dritten Quartal rund 6,5 Milliarden Euro „ergebniswirksam zurückgestellt“, teilte VW am Dienstag mit. Und der Skandal weitet sich offenbar aus. Wörtlich heißt es in einer Mitteilung der Wolfsburger: „Auffällig sind Fahrzeuge mit Motoren vom Typ EA 189 mit einem Gesamtvolumen von weltweit rund elf Millionen Fahrzeugen.“

Selbst VW-Chef Martin Winterkorn, dessen angekündigte Vertragsverlängerung am Freitag bei einem Aufsichtsrat-Treffen auf der Tagesordnung steht und andere Top-Manager können sich ihrer Posten nicht mehr sicher sein. Branchenbeobachter bezweifeln, dass die systematischen Täuschungen in der Führungsetage unbemerkt geblieben sind. Für den Mittwoch hat das Präsidium des Aufsichtsrats eine Krisensitzung einberaumt.

"Wir werden jetzt, glaube ich, in den nächsten Tagen und Wochen ... die Details erfahren, wer, wann, wo welche Entscheidungen getroffen hat, wer dafür verantwortlich ist", sagte Olaf Lies, VW-Aufsichtsratsmitglied und niedersächsischer Wirtschaftsminister am Dienstag im Deutschlandfunk. "Und ich bin mir sicher, daraus wird es dann am Ende auch personelle Konsequenzen geben”.  VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh hatte ebenfalls gefordert, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden müssten - zugleich aber vor Vorverurteilungen gewarnt.

Ruinierter Ruf

Wie hoch auch immer die finanziellen Belastungen für VW werden. Mit seinem Ruf bezahlt der Konzern bereits jetzt. Die Deutschen sind – in den Augen der US-Amerikaner – die besten Ingenieure der Welt, sie sind umweltbewusst, über die Mülltrennung in Deutschland staunen sie regelrecht, und ehrlich. Alle drei Charaktereigenschaften, seit Jahrzehnten im Bewusstsein der USA, stehen nun zur öffentlichen Disposition.

„Volkswagen hat betrogen“, schreibt die „USA Today“. Auch in „New York Times“, „Washington Post“ oder „Wall Street Journal“ wird groß und kritisch über den deutschen Autokonzern berichtet. „Der Imageschaden dürfte ebenso groß sein wie der finanzielle Schaden“, sagt Carl Tobias, Rechtsprofessor an der „Richmond School of Law“ im Gespräch mit WirtschaftsWoche Online.

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