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VW-Chef Herbert DiessEin wahrer Elektro-Freund

Viele VW-Manager rätseln noch, welchen Kurs ihr neuer Chef Herbert Diess dem Konzern verordnen wird. Bei aller Ungewissheit steht zumindest eines fest: Diess wird den größten Autokonzern der Welt mit Vehemenz auf Elektromobilität trimmen. Er könnte als Wegbereiter der Elektromobilität sogar Tesla-Chef Elon Musk in den Schatten stellen.Martin Seiwert 19.04.2018 - 06:00 Uhr

VW-Chef Herbert Diess fördert Elektroautos wie den I.D.

Foto: dpa

Wenige Tage erst ist die Wahl von Herbert Diess zum neuen Vorstandschef des Volkswagenkonzerns her. Während die Öffentlichkeit das Thema schon weitgehend abgehakt hat, gehen die Veränderungen für das VW-Management erst so richtig los. Die Wechsel auf den Posten des Chefs und weiterer Vorstände ziehen viele Umbauten und Strategieänderungen auf unteren Management-Ebenen nach sich. Die Unruhe dort ist groß: Wohin mag der neue Chef den Tanker mit seinen rund 600.000 Mitarbeitern steuern?

Bei aller Ungewissheit steht zumindest eines fest: Diess wird den größten Autokonzern der Welt mit Vehemenz auf Elektromobilität trimmen. Anders als bei vielen seiner Kollegen scheinen seine Aussagen über das E-Auto keine Sonntagsreden zu sein. „Diess ist das Elektroauto eine Herzensangelegenheit“, sagt ein Wegbegleiter. „Das war in seiner Zeit bei BMW so und das gilt jetzt umso mehr.“ Sollte Diess den neuen Antrieb bei Volkswagen so konsequent fördern, wie von ihm versprochen, könnte er wie Tesla-Chef Elon Musk zu einem der wichtigsten Wegbereiter des elektrischen Autofahrens werden.

Musk kommt der Verdienst zu, die Technik auf die Agenda der großen Autobauer gebracht zu haben. Diess könnte die nicht minder wichtige Rolle zufallen, die Technik aus dem Luxus-Segment zu befreien und für die Masse der Autofahrer verfügbar zu machen – sie im besten Fall so weit zu entwickeln, dass das E-Auto die günstigere Alternative zu Benziner oder Diesel ist. Tesla will das mit dem Model 3 zwar auch schaffen, doch die Produktionsprobleme bei den Kaliforniern lassen ahnen, dass Volkswagen diese Rolle womöglich viel besser ausfüllen wird. Günstig Teile einkaufen und daraus solide Autos in hohen Stückzahlen bauen, das können die Wolfsburger. Und zwar weltweit, in Europa genauso, wie in den E-Auto-Leitmärkten China und USA.

Herbert Diess

Der fast perfekte Heilsbringer

von Martin Seiwert, Annina Reimann, Sebastian Schaal und weiteren

Diess hat schon als Chef der Konzern-Marke VW – den Posten, das er bis zur Ernennung zum Vorstandschef innehatte – die Marschrichtung klar vorgegeben: Bis 2025 soll VW die weltweit führende Elektroauto-Marke sein. Aber ist das überhaupt möglich bei einem Konzern, der bislang nur den Golf und den Kleinstwagen Up! als E-Variante verkauft? Diese Autos sind quasi elektrisch umgebaute Standard-Autos. Gut gemacht, aber doch eher eine Notlösung, um überhaupt etwas Elektrisches im Portfolio zu haben. Um wie viel weiter sind da Tesla oder Renault-Nissan mit ihren insgesamt sechsstelligen E-Auto-Verkaufszahlen. Und dennoch: Auto-Experten, Marktforscher und Analysten sind sich weitgehend einig: Wenn VW jetzt keine großen Fehler macht und Kurs hält, kann sich der Konzern vor allem durch seine Marktmacht und sein technisches Know-how weltweit an die Spitze setzen.

Eine Recherche früherer Aussagen von Diess über Elektromobilität zeigt: Der Österreicher ist schon seit über zehn Jahren ein Verfechter des Elektroautos. Wie kaum ein anderer Automanager warb er konsequent für das elektrische Fahren und untermauerte das durch milliardenschwere Management-Entscheidungen.

Neuer VW-Chef

Was Diess aus seiner BMW-Zeit droht

von Martin Seiwert

Schon 2008 sprach Diess als damaliger Einkaufsvorstand von BMW von einem „Technologiebruch“ durch das Elektroauto. Der könne so gewaltig sein, dass sich die Machtverhältnisse zwischen Herstellern und Zulieferern verändern: Wenn die Hersteller es versäumten, eigene Kompetenzen beim E-Antrieb aufzubauen, würden Zulieferer stark an Einfluss gewinnen. Diess‘ Fazit: „Der Elektro-Antrieb ist eine Kernkompetenz, die wir nicht aus der Hand geben werden. Ob dies dann der Motor, der Speicher oder die Elektronik sein wird, muss sich zeigen. Aber wir werden ein solches Differenzierungsmerkmal nicht an einen Lieferanten delegieren.“ Diess zeigte sich bereit, wenn nötig auch Zulieferer mit Elektro-Knowhow zu übernehmen.

In den folgenden Jahren half Diess als BMW-Vorstand, den Weg für die visionären elektrischen BMW-Modelle i3 und i8 zu ebnen. Anders als bei VW und Daimler, wo mit vergleichsweise geringen Mitteln bestehende Modelle elektrisch umgerüstet wurden, entschied sich BMW für völlig neue Fahrzeugarchitekturen aus dem Leichtbau-Material Carbon und beschritt damit den mutigsten und teuersten Weg zum elektrischen Fahren. Allein drei Milliarden Euro sollen in die Entwicklung des i3 geflossen sein und damit rund drei Mal so viel, wie Hersteller üblicherweise für ein neues Modell ausgeben.

Neuordnung bei Volkswagen – die wichtigsten Ergebnisse
Der neue starke Mann im Konzern ist Herbert Diess. Der bisherige Chef der Konzern-Hauptmarke VW, zu der Modelle wie der Golf und der Passat gehören, wird neuer Konzern-Vorstandschef und damit Nachfolger von Matthias Müller. Diess leitet zudem in Personalunion die neue Markengruppe „Volumen“, unter der die Marken VW, Seat und Skoda zusammengefasst werden. Der frühere BMW-Manager ist außerdem verantwortlich für Entwicklung und die Fahrzeug-IT.
Volkswagen führt neue Markengruppen ein. Damit soll der Autokonzern künftig nicht mehr so zentral geführt werden. Künftig gibt es die Markengruppen „Volumen“, „Premium“ - mit Audi an der Spitze - sowie „Super Premium“, unter anderem mit dem Sportwagenbauer Porsche. Für die Nutzfahrzeugeinheit Truck & Bus sollen die Voraussetzung geschaffen werden, diese an die Börse zu bringen.
Für die Markengruppen sind jeweils Vorstandsvorsitzende verantwortlich: Neben Diess für die Volumengruppe sind dies Audi-Chef Rupert Stadler für Premium und Porsche-Chef Oliver Blume für Super-Premium. Stadler ist außerdem verantwortlich für den Konzernvertrieb, Blume für die Konzernproduktion. Blume rückt auch in den Konzernvorstand auf.
VW bekommt außerdem einen neuen Personalvorstand, und zwar den bisherigen Generalsekretär des Konzernbetriebsrates, Gunnar Kilian. Kilian ist der engste Vertraute des einflussreichen Betriebsratschefs Bernd Osterloh. Der bisherige Personalchef Karlheinz Blessing steht VW weiterhin als Berater zur Verfügung, bis sein Vertrag ausläuft.
Der bisherige VW-Vorstand Francisco Javier Garcia Sanz, zuständig für Beschaffung, verlässt laut VW das Unternehmen auf eigenen Wunsch. Kommissarisch übernimmt der Beschaffungschef der Marke VW, Ralf Brandstätter.

Das Projekt war BMW-intern zeitweise hoch umstritten. Doch Diess, der als Einkaufsvorstand an Knausrigkeit kaum zu überbieten war, kämpfte für die Milliarden-Investitionen und war mehr als stolz, als er schließlich 2012 eine Carbonteile-Fabrik in Landshut eröffnen konnte: „Der i3 und der i8 sind die Speerspitze, mit der BMW in ein neues Zeitalter eintritt, in das Zeitalter des emissionsfreien Fahrens. Mit diesen Modellen geben wir der Zukunft ein Gesicht.“

Noch im selben Jahr appellierte Diess an die Bundesregierung, sich zum E-Auto zu bekennen: Elektromobilität sei kein Wettbewerb der Unternehmen, sondern der Volkswirtschaften, sagte er. Da sei auch die Politik in der Pflicht. So habe in Japan die Regierung in der Vergangenheit ein klares Bekenntnis zur Hybrid-Technologie abgelegt und diese gefördert. Mit einem Marktanteil von 95 Prozent bei der Hybrid-Technik sei Japan nun weltweit führend.

Allen E-Auto-Zweiflern, die vor einem unbegründeten, medialen Hype der Elektromobilität warnten, sagte Diess schon vor fünf Jahren: „Die Autowelt wird sich in den nächsten zehn bis 15 Jahren mehr verändern als vielleicht in den letzten 50 Jahren.“ Und er warb wieder einmal eindringlich für den Elektroantrieb: „Um die Elektrifizierung der Autos gibt es keine Diskussion mehr, daher werden sich beide Ansätze durchsetzen. Reine Elektrofahrzeuge für Ballungsräume und in Ländern, die emissionsfreie Fahrzeuge fordern. Außerdem Plug-in Hybride, also Autos, deren Batterien an der Steckdose aufgeladen werden können. Diese Fahrzeuge verfügen über 40, 50 oder 60 Kilometer rein elektrische Reichweite und können durch den Verbrennungsmotor außerdem die heute vom Kunden gewohnten Strecken zurücklegen.“

Die Autobranche setzt auf dem Genfer Autosalon rund ein halbes Jahr nach der IAA das nächste Elektro-Ausrufezeichen. Neben mehreren Elektro-Konzepten feiern auch einige Serienmodelle Premiere. Die Bandbreite reicht von üppig dimensionierten Elektro-Luxusautos über Einfach-Konstruktionen für die urbane Nische bis zu neuen Plug-in-Hybriden.

34 Milliarden Euro Investition in der Strategie „Roadmap E“ sollen beim VW-Konzern gewährleisten, dass die Flotte der verfügbaren E-Autos deutlich wächst. Mit dem I.D. Vizzion (im Bild) zeigen die Wolfsburger, wie eine elektrische Luxuslimousine in drei bis vier Jahren aussehen könnte. Mit gehobenem Komfort und viel Reichweite: Fast 700 Kilometer soll der auf 111 kWh dimensionierte Akku leisten können.

Foto: Volkswagen

Das von Konzerntochter Audi präsentierte Kompakt-SUV e-tron kommt noch in diesem Jahr mit einer Reichweite von 500 Kilometern auf den Markt. Geht der Akku zur Neige, soll mit einem Ladestrom von 150 Kilowatt eine Neubetankung in rund 30 Minuten möglich sein.

Foto: Audi

Kommendes Jahr könnte auch ein SUV-artiges E-Fahrzeug von Porsche debütieren: Die seriennahe Studie Mission E Cross Turismo ist mit einer Batterie für 500 Kilometer ausgestattet, sie soll sich in 15 Minuten zu 80 Prozent aufladen lassen. Darüber hinaus ist der Antrieb sehr kraftvoll: Motoren an beiden Achsen mobilisieren mehr als 600 PS, was einen 100-km/h-Sprint aus dem Stand in 3,5 Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h erlaubt.

Foto: Porsche

500 Kilometer Reichweite ist der neue Standard auch bei den in wenigen Monaten verfügbaren Serienfahrzeugen: So zum Beispiel beim I-Pace von Jaguar, der zum Preis von 80.000 Euro zu kaufen ist. Mehr zum Jaguar I-Pace lesen Sie hier.

Foto: Jaguar Land Rover

Deutlich weniger als der Jaguar dürfte der Kona Elektro von Hyundai kosten, der nach neuer und strengerer WLTP-Messung eine Reichweite von 470 Kilometern bietet. Den Kona bietet Hyundai im Sommer zusätzlich in einer Version mit kleiner dimensionierten Batterie und schwächerer Motorisierung an.

Foto: WirtschaftsWoche

Eine Diversifizierung beim Antrieb hat Renault bei seinem erfolgreichen E-Kleinstwagen Zoe vorgenommen. Neben dem weiterhin verfügbaren R90-Antrieb zeigen die Franzosen ein neues Aggregat mit einer um 17 PS auf 109 PS erhöhten Leistung.

Foto: WirtschaftsWoche

Renaults Allianzpartner Nissan hat in Genf die zweite Generation des Kompakten Leaf dabei, der dieser Tage in Deutschland offiziell startet, vorläufig mit einer Motor-Batterie-Variante. Ende 2018 erweitert Nissan das Angebot um eine zweite Variante mit deutlich über 500 Kilometern Reichweite. Mehr zum Nissan Leaf lesen Sie hier.

Foto: Nissan

Für den Einsatz in Städten sind Elektroautos mit riesiger Batterie eigentlich überdimensioniert und teuer. Wie es smarter geht, zeigen in Genf einige elektrische Minimobile. Besonders sehenswert ist die Serienversion des Microlino, dessen Design stark an die historische BMW Isetta erinnert. Ab Sommer ist der Zweisitzer mit 20 PS starkem E-Motor zum Preis von rund 12.000 Euro zu haben. Die Einstiegsversion bietet eine 8-kWh-Batterie für rund 120 Kilometer Reichweite, darüber hinaus ist eine 14,4-kWh-Version für mehr als 200 Kilometer verfügbar. Mehr zum Microlino lesen Sie hier.

Foto: Presse

Eine Alternative für den urbanen Einsatz zeigt der Rollerhersteller Quadro mit dem elektrisch angetriebenen Vierrad-Scooter Qooder. 2019 soll das 46 PS starke Schmalspurfahrzeug mit zwei Batterievarianten für 130 beziehungsweise 260 Kilometer Reichweite auf den Markt kommen. Der Preis könnte bei rund 15.000 Euro liegen.

Foto: Presse

Gegenüber vom Quadro-Stand präsentiert die japanische Firma Fomm mit dem Concept One einen elektrisch angetriebenen Schmalspur-Zweisitzer. Das nur gut 1,30 Meter breite und 445 Kilogramm leichte Minimobil bietet einen 14 PS starken Motor, der auf maximal 85 km/h beschleunigt. Die rund 15 kWh große Batterie soll nach WLTP 160 Kilometer Reichweite erlauben. Nochmals kleiner dimensioniert ist der Micron M1. Es handelt sich um einen besonders schmalen Twizy-Klon für einen Passagier. Der rund 360 Kilogramm leichte Stromer wird von einem 20 PS starken E-Motor angetrieben, der Hersteller gibt eine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h an. Zwei Batteriegrößen mit 8 beziehungsweise 16 kWh speichern Strom für 80 oder 160 Kilometer. In zwei Jahren soll eine modernere Version namens Micron M2 mit ähnlichen technischen Eckdaten und zwei Sitzen zur Serienreife gebracht werden.

Foto: WirtschaftsWoche

In Hinblick auf die rein elektrische Reichweite deutlich bescheidener geben sich die neuen Plug-in-Hybride in Genf. Bentley hat den Bentayga elektrifiziert, der einen Dreiliter-Benziner mit einem E-Motor kombiniert. Die Batterie soll gut 50 Kilometer rein elektrische Fahrt ermöglichen.

Foto: imago images

Mercedes stellt in Genf zudem einen Diesel-Plug-in-Hybridantrieb vor, der ab Sommer für C- und E-Klasse angeboten werden soll. Das Dieselaggregat wird ergänzt von einem 122 PS starken E-Motor und einer 13,5-kWh-Batterie, mit der man bis zu 50 Kilometer rein elektrisch fahren kann.

Foto: Daimler

Als habe Diess damals schon den VW-Dieselskandal und die drohenden Fahrverbote in Innenstädten kommen sehen, sagte er: „Wir müssen auf das regulatorische Umfeld reagieren. In London gibt es schon Einfahrtsbeschränkungen für normale Verbrennungsfahrzeuge.“

Kaum war Diess vom Posten des BMW-Vorstands auf den Chefsessel der Marke VW gewechselt, schlitterte Volkswagen in den Dieselskandal. Diess verstand den Skandal schnell als Chance für einen entschiedenen E-Auto-Kurs. Um das Image des Herstellers zu retten, sollte es in der Kommunikation künftig nicht mehr um Abgase gehen, sondern um emissionsfreie Batterieautos. „Besonders emotionale“, elektrische Autos wolle er auf die Straße bringen, sagte Diess einige Monate nach dem Bekanntwerden des Skandals, „mit rein elektrischen Reichweiten bis 500 Kilometern“. Bis 2020 solle es 20 neue Elektro- und Hybridmodelle von VW geben. Volkswagen, und nicht etwa Tesla oder BMW solle das Maß der Dinge im Stromzeitalter sein.
Nebenbei wurde Diess auch noch zum Kämpfer gegen klimaschädlichen Kohlestrom. Wohl wissend, dass E-Autos auf Dauer nur akzeptiert werden, wenn der Strom, den sie tanken, sauber ist, sagte Diess im vergangenen Jahr: „Es muss geklärt werden, wie wir zukünftig zu mehr grünem Strom kommen. In Deutschland halten wir noch stark an der Verstromung von Kohle fest. In China geschieht gerade das Gegenteil.“

Doch trotz Dieselkrisen-bedingtem Turbo geht es Diess noch zu langsam mit den E-Mobilen: „Wir müssen Tempo machen und deutliche Akzente setzen, insbesondere bei der Elektromobilität, der Digitalisierung und neuen Mobilitätsdiensten“, schrieb Diess vor wenigen Tagen an hunderttausende VW-Mitarbeiter.

Ob VW in zehn Jahren noch am Markt ist, entscheidet sich nach Ansicht von Diess am E-Auto. Gefragt, was ein Weltmarktführer in zehn Jahren können muss, sagte er im vergangenen Jahr: „Er muss die Autos im Antriebsstrang elektrifizieren und damit auf den wichtigsten Märkten der Welt bestehen können.“

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