WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

VW Führungsstreit lenkt von den wahren Problemen ab

Seite 2/4

Der Weg ist zweitrangig, das Ergebnis zählt

Wenn Piëch etwas will, ist der Weg für ihn zweitrangig. Gute Unternehmensführung, die von angelsächsischen Investoren immer beschworene Corporate Governance, interessiert ihn nur am Rande. Für den 78-jährigen Piëch, Aufsichtsratschef und Sprecher der Familienaktionäre geht es um nichts Geringeres als um sein Lebenswerk, sein Vermächtnis. Piëch überlässt nichts dem Zufall, jeder seiner Züge ist von langer Hand vorbereitet. Der Ingenieur ist „ein Ass in Präzision, Taktik und Strategie“, weiß ein langjähriger Wegbegleiter. Und er liebt es, seine Gegner zu verwirren, meist mit Sätzen, die eine zweite Bedeutungsebene haben, wie bei einem Orakel. Worauf sie zielen, wird oft erst einige Zeit später klar.

Die Baustellen des VW-Konzerns
VW in den USA Quelle: dpa
Winterkorn mit dem Chinesischen Vize-Premier Ma Kai Quelle: obs
VW Quelle: dpa
MAN Quelle: dapd
Hauptwerk in Wolfsburg Quelle: dpa

So auch diesmal. Sticheleien gegen Winterkorn hatte es in den zurückliegenden Wochen mehr als einmal gegeben, wohl auch Gespräche mit dem VW-Manager, der als Piëchs Ziehsohn gilt. Zwar ist der VW-Konzern insgesamt gut unterwegs: Der Titel des weltgrößten Automobilherstellers ist in Reichweite, Absatz und Umsatz bewegen sich auf Rekordniveau.

VW-Rendite geringer als die von Skoda

Doch das verstellt den Blick auf gravierende Probleme, die einem wie Piëch ein Gräuel sein müssen und deren Lösung er zu erzwingen trachtet. Vor allem das Geschäft in den USA läuft schleppend. Seit 2013 meldet VW – von kleinen Spitzen abgesehen – rückläufige Verkaufszahlen, während die Konkurrenten zulegen. Im März verkaufte Winterkorn in den Vereinigten Staaten 18 Prozent weniger Volkswagen als im März 2014. BMW, Audi, Porsche und Mercedes wuchsen dagegen zweistellig. Damit stellt Winterkorn Piëchs Geduld auf eine harte Probe – die USA sind für VW nicht nur wirtschaftlich bedeutsam, sondern auch ein Prestigemarkt. Für die Wolfsburger ist die 2011 eröffnete Fabrik in Chattanooga der zweite Versuch, vor Ort Volkswagen zu produzieren, nachdem sie 1988 vor den Konkurrenten General Motors und Ford kapituliert und sich zurückgezogen hatten.

VW Porsche Piëch

Noch mehr als die verpassten Chancen auf dem US-Markt muss Piëch die schwache Umsatzrendite der Kernmarke VW schmerzen. Nur 2,5 Prozent schaffte die Urzelle des Konzerns 2014. 2001, im letzten Jahr, in dem Piëch als Vorstandschef wirkte, war die Umsatzrendite von VW mit 4,7 Prozent fast doppelt so hoch.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Winterkorn beteuert, das Effizienzprogramm „Future Tracks“ beginne zu greifen. „Vor allem beim Thema Komplexität und Variantenvielfalt sind plötzlich Veränderungen möglich, die bisher undenkbar schienen“, bestätigt Betriebsratschef Bernd Osterloh.

    Gleichwohl sieht Osterloh noch „wesentlich mehr“ Sparpotenzial als die von Winterkorn geplanten fünf Milliarden. Damit trifft er einen wunden Punkt bei Winterkorn, der Piëch nicht verborgen geblieben sein dürfte. Änderungen an Modellen im letzten Moment, sagt der Betriebsratschef – häufig auf Wunsch von Winterkorn selbst – verschlängen in der Summe einen dreistelligen Millionenbetrag. VW könne deutlich profitabler wirtschaften, hielte sich Winterkorn mit diesen Anfällen von Qualitätsfanatismus zurück.

    Was auf Winterkorns To-Do-Liste steht
    Sind die gesteckten Ziele zu halten?Bis 2018 will Martin Winterkorn den Volkswagen-Konzern zum größten Autohersteller der Welt machen und an Toyota und General Motors vorbeiziehen. Auf der Präsentation der Bilanz im März 2014 sagte er, die Chancen stünden gut, schon 2014 die magische Marke von 10 Millionen Fahrzeugen zu knacken. Spätestens 2018 will der VW-Chef eine Rendite von 8 Prozent erreichen. Dieses Ziel ist dem Manager offenbar wichtiger, als Absatz-Primus zu werden. Als wichtigste Effizienzmaßnahme gilt die Einführung des Baukastensystems, bei dem möglichst viele gleiche Teile für verschiedene Modelle verwendet werden. Das Prinzip gilt als zukunftsweisend für die gesamte Branche. Allerdings... Quelle: dpa
    Querbaukasten spart nicht so viel Geld, wie erhofft... ist von den erhofften Einsparungen noch nichts zu sehen. In der im März vorgelegten Bilanz waren sie jedenfalls nicht zu entdecken. Stattdessen kostet die Einführung des Systems den Konzern bis 2018 Investitionen in Höhe von 84 Milliarden Euro. Auf Basis der MQB (Modularer Quer-Baukasten) sollen über 30 Modelle der Kompakt- und Mittelklasse auf den Markt kommen. Volkswagen hatte sich eine Senkung von Stückkosten und Einmalaufwendungen für Werkzeuge um jeweils 20 Prozent erhofft. Quelle: dpa
    Absatzrückgang in den USA und BrasilienSeit 13 Monaten in Folge kämpft Volkswagen bei seiner Kernmarke VW mit abnehmenden Verkäufen in den USA. Im April 2014 waren es gut 8 Prozent weniger - immerhin fiel der Rückgang nicht mehr zweistellig aus. Als Grund für die Absatzflaute gilt, dass VW die Modelle in den USA nicht rasch genug überarbeitet. Auch in Brasilien brachen die Auslieferungen im April ein - um fast 18 Prozent. Einziger Trost: Für Premium-Tochter Audi lief es gut. Die Ingolstädter konnten auf dem amerikanischen Markt im April 19 Prozent mehr Autos verkaufen als im Vorjahresmonat und setzen damit ihre Erfolgsfahrt fort. Allerdings fährt Audi der deutschen Konkurrenz BMW und Daimler auf dem US-Markt noch immer hinterher. Quelle: dpa
    Scania - Übernahmedebakel mit Happy EndIm ersten Anlauf war Volkswagen mit der Komplettübernahme von Scania gescheitert. Bis zum Ablauf der Frist konnte sich VW nur 25,62 Prozent der Scania-Aktien der anderen Anteilseigner sichern und kontrollierte damit einschließlich der bereits gehaltenen Papiere lediglich 88,25 Prozent, statt angestrebter 90. Nun hat es aber doch noch geklappt. Am Morgen des 13.5, pünktlich zur VW-Hauptversammlung, kommt die frohe Kunde aus Schweden: Der schwedische Fonds Alecta will seine 16,3 Millionen Papiere an die Wolfsburger verkaufen. Damit hätte VW die 90-Prozent-Hürde genommen. Der Konzern muss allerdings noch die offizielle Finanzmarktinformation von Alectas abwarten. VW hatte 200 schwedische Kronen je Aktie geboten. Insgesamt lässt sich Winterkorn die Komplettübernahme 6,7 Milliarden Euro kosten. Scania gilt in Schweden als eine der letzten Ikonen, die Verhandlungen hatten sich über Wochen hingezogen. Die Wolfsburger wollen durch die Übernahme einen neuen Nutzfahrzeug-Giganten gemeinsam mit Tochter MAN schmieden. Quelle: REUTERS
    Wo ist die Elektro-Strategie?Das Ein-Liter-Auto XL 1 ist zweifelsohne ein Hightech-Ökomobil, das seines gleichen sucht. Doch viel mehr als ein Prestige- und Sammlerobjekt ist der schicke Flitzer, aus dem sich Chefaufseher Piech bereits zur Hauptversammlung 2013 quälte, nicht. Der 111.000 Euro teure Wagen ist nicht für die Serienproduktion gedacht. Im Angebot hat VW den e-Up!, den e-Golf und bei Tochter Audi den A3 e-tron Plug-In-Hybrid sowie ab 2015 den Sportwagen R8 e-tron. Letzterer sollte zunächst nicht in Serie gehen, nun aber doch kommen - ein kleines Wunder. Als Innovatoren haben sich die Wolfsburger in punkto E-Mobilität mit diesem Modell-Sammelsurium nicht hervorgetan. Stattdessen gilt BMW mit i3 und i8 als Innovationstreiber bei den Stromern. Quelle: dpa
    Ferdinand Piëch meckertDem VW-Aufsichtsratschef sind die Brötchen, die seine erster Mann Winterkorn backt, offenbar zu klein. Auf dem Genfer Automobilsalon mäkelte er: „Wir sind nicht wirklich gut unterwegs – nur besser als andere“. Und er deutete Veränderungen im Management an: „Wo gehobelt wird, fliegen Späne.“ Mehr mochte er aber nicht sagen. Dem Chefaufseher geht es offenbar in einigen Bereichen nicht schnell genug voran.... Quelle: dpa
    Schneller am Modellrad drehenWinterkorn selbst hat bereits angedeutet, wo er mehr Tempo machen will: Schnellere Modellwechsel sind angesagt. Immer mehr Computer- und Internetbasierte Technologien halten Einzug in die Fahrzeuge - und hier dreht sich das Entwicklungsrad deutlich schneller. „Das“, so Winterkorn, „zwingt uns dazu, darüber nachzudenken, ob die üblichen Modellzyklen von sieben bis acht Jahren nicht deutlich kürzer werden müssten“. Zumindest sollte es möglich sein, Modelle durch ein Software-Update schneller wieder aufzufrischen. Quelle: dpa

    Am meisten bedroht jedoch das Projekt Winterkorns Renommee, mit dem er den VW-Konzern zum weltweit flexibelsten Autokonzern machen will: eine Art Lego-System, das den Bau unterschiedlicher Modelle aus weitgehend identischen Baugruppen erlaubt. Die Aufwendungen dafür sind gewaltig, die Einsparungen, die Winterkorn versprochen hatte, halten sich aber in Grenzen, was Winterkorn bereits verklausuliert einräumte.

    Die Vermutung liegt nahe, dass Piëchs Ärger über die gestiegenen Kosten von Monat zu Monat anschwoll. Denn er steht wie kein anderer VW-Chef vor ihm nicht nur für den großen Wurf, den führenden Autokonzern der Welt zu schmieden. Piëch war immer auch der rigide Kostenkiller, auch wenn er dieses unschöne Geschäft gern mal von anderen ausführen und diese dann fallen ließ.

    Inhalt
    Artikel auf einer Seite lesen
    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%