VW Führungsstreit lenkt von den wahren Problemen ab

Ferdinand Piëch gilt als Visionär und Machtmensch. Die VW-Führungskrise ist noch nicht ausgestanden, die Führungsriege soll kurz vor der Revolte gegen Piëch gestanden haben. Dabei geraten VWs reale Probleme außer Sicht.

Piëch VW Quelle: dapd

Kommt ein Mann zum Autohändler und fragt nach dem neuen VW Golf. Der Verkäufer legt die Stirn in Falten: „Warum wollen Sie so ein kleines Auto kaufen? Nehmen Sie doch einen gebrauchten Phaeton – der wäre auch billiger.“

Einen Witz wie diesen reißt normalerweise niemand in Gesellschaft von VW-Managern, schon gar nicht, wenn der Aufsichtsratsvorsitzende und Vater des Luxus-Volkswagens Gastgeber ist: Ferdinand Piëch. Es dauerte daher einige Sekunden, bis die rund 200 Gäste im Dresdner Taschenbergpalais auf den Spott reagierten, den der Kabarettist Django Asül auf Piëchs 75. Geburtstag zum Besten gab. Erst vergewisserten sich die Gäste – aktive und ehemalige Top-Manager, Betriebsratsvorsitzende, Geschäftsfreunde, Politiker – mit einem Blick zum Ehrentisch von Piëch und seiner Frau Ursula. Als diese fröhlich lachten, lachten auch die Geladenen über den Hieb auf den technischen Vorzeige-Volkswagen, aber wirtschaftlichen Flop.

Diese Sätze zerstörten Manager-Karrieren
Paul Singer: „Kleinfeld hat eine einzigartig charismatische Persönlichkeit, er nutzt seine Beziehungen dazu, weiterhin angestellt zu sein“Elliott-Chef Paul Singer hielt den Ex-Siemens-Chef Klaus Kleinfeld, der 2016 den Metallspezialisten vom Aluminiumkonzern  Alcoa abgespalten hat, schon lange für eine Fehlbesetzung. Seit Anfang 2017 hat der Hedgefonds-Manager alles daran gesetzt, den Deutschen an der Spitze von Arconic loszuwerden. Es herrsche eine hierarchische Kultur im „schicken New Yorker Konzernsitz“, weit weg vom Kunden, was schon bei der Vorgängerfirma Alcoa zu „dramatischer Minderleistung“ geführt habe. Kleinfeld habe eine „einzigartig charismatische Persönlichkeit“, er nutze seine Beziehungen dazu, „weiterhin angestellt zu sein“, stellte er zuletzt fest. Die Schlammschlacht zwischen Singer und Kleinfeld hatte die gesamte Wall Street in den Bann gezogen. Elliott durchkämmte jede Börsenpflichtmitteilung, sprach von Fabrikarbeitern bis zu Aufsichtsräten mit Mitarbeitern von Arconic. Der schwerste Vorwurf: Kleinfeld habe mit dem Geld von Arconic Stimmen von Aktionären gekauft, es soll gar eine Verbindung mit der Schmiergeldaffäre von  Siemens geben, wo Kleinfeld bis 2007 die Geschäfte führte. Quelle: Reuters
Klaus Kleinfeld: „Das erinnert mich an diese Mafia-Filme, wo es heißt: ‚Das ist nicht persönlich gemeint‘“Erst war er Siemens-Chef, dann machte er in den Vereinigten Staaten weiter Karriere: Klaus Kleinfeld (Mitte) gilt als einer der bekanntesten deutschen Manager in den USA. Nun hat er seinen Posten als Vorstandschef und Chairman beim Metallkonzern Arconic aufgegeben. Mit diesem Rücktritt hat sich Hedgefonds-Manager Paul Singer im erbitterten Streit gegen den Manager durchgesetzt. Singers Fonds Elliott Management ist Aktionär bei Arconic – und drängte seit Monaten auf eine Ablösung des ehemaligen Siemens-Mannes. Auf eine Frage nach dem Clinch mit dem Hedgefonds antwortete Kleinfeld Anfang des Jahres auf dem Podium einer New Yorker Finanzkonferenz mit einem Scherz. „Das erinnert mich an diese Mafia-Filme, wo es heißt: ‚Das ist nicht persönlich gemeint.‘“ Fast alle Gäste im Saal lachten. Nur zwei im Publikum verzogen keine Miene: Sie arbeiten für Elliott. Am Ende war der Druck wohl doch zu groß. Kleinfeld kommentiert seinen Rückzug nun wie folgt: „Wir haben eine Menge erreicht. Heute ist Arconic in guter Position für die nächste Phase.“ Nur künftig ohne den Manager aus Deutschland. Quelle: dpa
Paul Achleitner: „Es geht bei diesen Fragen um die Zukunft der Institution Deutsche Bank, nicht um die von Individuen.“Ein Vertrauensbeweis liest sich anders, als das Interview, das der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, Paul Achleitner, kurz vor der Hauptversammlung im Mai 2015 der Wirtschaftswoche gab. Statt sich deutlich hinter die Vorstandsdoppelspitze aus Anshu Jain und Jürgen Fitschen zu stellen, ging er auf Distanz. „Niemand ist unersetzbar“, sagt er. Quelle: dpa
Ferdinand Piëch: „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn"Mit einfachen Worten machte VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch (rechts) im April 2015 klar, dass er von seinem langjährigen Weggefährten und VW-Chef Martin Winterkorn (links) abrückt. „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn", ließ Piëch verlauten und verdeutlichte damit, dass er mit der Arbeit des Konzernchefs nicht mehr zufrieden ist. Winterkorns Vertrag läuft im kommenden Jahr aus. Dass er spätestens im Frühjahr 2017 als Aufsichtsratsvorsitzender auf Piëch folgen würde, galt bislang als ausgemacht. Ob es wirklich so kommt, ist nun äußerst fraglich. Quelle: dpa
Berthold Beitz: „Cromme bleibt"Der Industriekonzern Thyssen-Krupp kämpfte Anfang 2013 um die Existenz. Aufgrund von gut fünf Milliarden Euro Verlust durch Fehlinvestitionen, Korruption und Kartellabsprachen, stand auch Aufsichtsratschef Gerhard Cromme vor dem Aus. Viele Jahre hatte Patriarch Berthold Beitz nicht mit der Presse gesprochen, doch in dieser Situation griff er zum Hörer und rief beim Handelsblatt an: „Cromme bleibt“, sagte er und wollte damit Spekulationen um das Aus von Cromme ein Ende setzen. In Wahrheit offenbarte der Satz, in welcher prekärer Situation das Unternehmen war. Nur vier Monate später musste der Aufsichtsratschef Cromme den Konzern trotzdem verlassen. Quelle: dpa
Josef Ackermann: „Die richtige Persönlichkeit kann alles lernen, Persönlichkeit aber kann man nicht lernen."Josef Ackermann verkündete im Jahr 2011, dass er zwei Jahre später als Chef der Deutschen Bank ausscheiden würde. Gleichzeitig machte er Angaben dazu, wie er sich das Profil seines Nachfolgers vorstellte: „Die richtige Persönlichkeit kann alles lernen, Persönlichkeit aber kann man nicht lernen." Damit verdeutlichte Ackermann seine Abneigung gegen den designierten Nachfolger Anshu Jain. Vor allem warb er auch für seinen eigenen Favoriten, den Bundesbank-Chef Axel Weber. Doch all das nützte Ackermann wenig: Bereits Ende Mai 2012 musste er seinen Posten zugunsten einer Doppelspitze aus Anshu Jain und Jürgen Fitschen räumen. Axel Weber ging zur Schweizer Großbank UBS. Quelle: dapd
Metro-Aufsichtsratsmitglied: „Soweit ich das übersehe, gibt es keine Mehrheit mehr für ihn."Zwar ist unklar, wer genau der Urheber dieses Zitats war, die Botschaft vom Aufsichtsrat der Metro AG für den damaligen Vorstandsvorsitzenden Eckhard Cordes war dennoch eindeutig. „Soweit ich das übersehe, gibt es keine Mehrheit mehr für ihn", hieß es im Jahr 2011. Für Eckhard Cordes war das der Anfang vom Ende. Zu eindeutig hatte sich eine Mehrheit gebildet, die sich gegen eine Verlängerung seines 2012 auslaufenden Vertrages aussprach. Grund dafür waren charakterliche Zweifel, nachdem sich Cordes in einer Bar im russischen St. Petersburg beleidigend über Aufsichtsratsmitglieder geäußert hatte. Hinzu kamen Zweifel, ob Cordes seine Verkaufspläne für die Konzerntöchter je würde umsetzen können. Zum 31. Dezember 2011 legte Cordes sein Amt als Vorstandschef der Metro AG nieder. Quelle: dpa

Ja, Piëch, der starke Mann mit den stahlblauen Augen und der scharfen Zunge, den Kritiker als „eisiges Machtpaket“ und „gnadenlosen Siegertyp“ geißeln, besitzt durchaus die Fähigkeit zur Selbstironie. Auf dem Hotelzimmer fand jeder seiner 200 geladenen Gäste eine Hörbuchversion des Karl-May-Romans „Unter Geiern“. Und über der Einladung stand der Satz des österreichischen Schriftstellers Ödön von Horváth: „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“

Präsidium angeblich kurz vor Revolte gegen Piëch

An das Zitat könnte sich in den vergangenen Tagen auch VW-Chef Martin Winterkorn, der auf der Feier vor drei Jahren mit Gesamtbetriebsratschef Bernd Osterloh an der Seite von Piëch und Gattin am Ehrentisch Platz nahm, erinnert haben. Denn da kam Piëch noch seltener dazu, ganz anders zu sein, als ihm nachgesagt wird. Mit dem Ausspruch „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“ vor zehn Tagen im „Spiegel“ hatte Piëch seinen langjährigen Vertrauten öffentlich angezählt und den Konzern in eine Führungskrise gestürzt.

Seit Ende vergangener Woche ist klar, dass Winterkorn bleibt – entgegen Piëchs Willen. Bei der entscheidenden Sitzung des Aufsichtsrats-Präsidiums in Salzburg stand der mächtige Firmenpatriarch mit seinem Vorhaben, Winterkorn abzuservieren, offenbar isoliert da. Im Präsidium hatte er alle anderen fünf Stimmen gegen sich, wie informierte Kreise berichten. Laut der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ist es sogar beinahe zu einer Revolte gegen Piëch gekommen.

Piëch und seine Figuren

So hätte sich der 78-jährige Aufsichtsratsvorsitzende hartnäckig geweigert, Winterkorn als Vorstandschef zu behalten. Nach Angaben der FAS forderte er zumindest eine Kompensation für sein Wohlverhalten. Einem Bericht der „Bild am Sonntag“ zufolge warf Piëch dabei seinem Cousin und Firmenmiteigentümer Wolfgang Porsche vor, ihn „killen“ zu wollen. Die anderen fünf Präsidiumsmitglieder verweigerten Piëch jedoch das Zugeständnis und wären laut dem FAS-Bericht auch dazu bereit gewesen, ihn notfalls zum Rücktritt aufzufordern.

Öffentlich zumindest versuchen die Mitglieder des mächtigen Präsidiums die Wogen zu glätten. Der frühere IG-Metall-Chef und Aufsichtsrats-Vize Berthold Huber sagte: „Zur aktuellen Diskussion stelle ich klar: Es gibt keinen Grund, den Rücktritt von Dr. Piëch zu betreiben. Wir haben die feste Absicht, mit Dr. Piëch und Dr. Winterkorn den erfolgreichen Weg von Volkswagen auch in Zukunft fortzusetzen.“ Auch das Land Niedersachsen als Großaktionär trat Spekulationen um die Zukunft Piëchs entgegen. „Ministerpräsident Stephan Weil hat stets betont, dass er die erfolgreiche Zusammenarbeit sowohl mit dem Vorstandsvorsitzenden des VW-Konzerns als auch mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden fortsetzen will. An dieser Haltung hat sich nichts geändert“, teilte Regierungssprecherin Anke Pörksen mit.

Dennoch: Die Stimmung ist angespannt. Wie das „Handelsblatt“ berichtet, will das Präsidium nochmals über die Führungskrise beraten – noch vor der Hauptversammlung am 5. Mai. Vordringliches Ziel des Treffens der Mitglieder des Präsidiums des Aufsichtsrats solle sein, ein vernünftiges Miteinander von Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch und VW-Chef Martin Winterkorn zu erreichen, berichtete das Blatt unter Berufung auf das Umfeld des Gremiums. Die Arbeit zwischen den beiden müsse funktionieren. Dazu müsse es eine Klarstellung geben.

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