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VW im Visier Gegenangriff aus Toyota-Stadt

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Konzernführung denkt um

Eigentlich stammte die Planung für die revolutionäre Billigfabrik in Miyagi aus den letzten Jahren der weltweiten Expansion. Damals schraubte Toyota auf der Jagd nach der Weltmarktführung die Produktion nach oben und zog weltweit ein Werk nach dem anderen hoch. Doch der drastische Verkaufseinbruch infolge der Finanzkrise sowie die schwere Qualitätskrise durch lose Fußmatten und klemmende Gaspedale brachte die Konzernführung zum Umdenken. Man hatte eine Fertigungskapazität von 10 Millionen Fahrzeugen aufgebaut, konnte aber plötzlich nur sieben Millionen Stück verkaufen. Die starke Aufwertung des Yen machte den Export von in Japan produzierten Kleinwagen zu einem Verlustgeschäft. Deshalb wurde das Ruder komplett herumgeworfen.

In der Konsequenz produziert Toyota einfacher, schlanker und kompakter. Der Konzern zeigt sich dabei bis ins Detail innovativ: Für den Einsatz in Kleinwagen schrumpfte der Elektromotor des Hybridantriebs um die Hälfte, indem seine Spule mit viereckigem statt rundem Kupferdraht gewickelt wurde. In der Montage verzichtet man soweit möglich auf teure Geräte. Neue Teile wurden früher mit Maschinen oder Förderbändern an die Arbeitspunkte transportiert. Jetzt werden die Teile in Kisten zusammengestellt, die über schräge Bahnen auf Rollen an ihren Platz rutschen. Schwere Teile sind auf Karren mit Fahrrad-Elektromotor unterwegs.

Jubiläum - Toyota wird 75

Bei der Montage werden die Türen nicht mehr über ein aufwändiges Gestänge von oben, sondern auf schmalen Ständern an das Chassis gerollt. Beim Schweißen kommen durch verkürzte Wege weniger Roboter zum Einsatz. Einbau und Neuprogrammierung der Automaten ist Toyota zu teuer. An einigen Stellen nehmen die Arbeiter den Schweißbrenner sogar selbst in die Hand. Die Lackierstraße setzt Toyota jetzt aus vorgefertigten Modulen zusammen. Das verkürzt die Bauzeit der Fabrik. Zugleich trägt man die dritte Farbschicht auf die noch halbfeuchte, zweite Lackierung auf. Das verkürzt die Lackierstraße um ein Drittel und verbraucht ein Siebtel weniger Energie. So bestätigt der japanische Autobauer immer wieder seinen Ruf, auch trockene Handtücher auswringen zu können.

Viel flexibleres Arbeiten

Die neue Sparfabrik ermöglicht Toyota die schnelle Eroberung neuer Märkte ohne hohes Verlustrisiko. Wegen der Einzelmontage der Autos auf Plattformen lässt sich die Länge des "Fließbands" nämlich flexibel an die tatsächliche Produktionsmenge anpassen. Nach Angaben von Toyota arbeitet ein solches Werk schon ab einer Jahresproduktion von 30.000 bis 50.000 Stück wirtschaftlich. Zugleich lässt sich die Produktion ohne großen Aufwand verdoppeln oder verdreifachen. Früher wagte man den Fabrikbau erst ab einem jährlichen Ausstoß von 200.000 Stück. Inzwischen hat Toyota die flexible Fertigungslinie außer in Miyagi und in Mississippi beim zweiten Werk in Indien sowie den jeweils neuesten Fabriken in China und Brasilien eingeführt.

Auto



In einem zweiten Schritt flexibilisiert man die Motor- und Getriebe-Produktion. In der größten Motorfabrik in Toyota-Stadt wurde die durchschnittliche Kapazität um die Hälfte auf 100.000 Motoren gesenkt, ohne dass die Stückkosten stiegen. Ein Trick: Bis jetzt wurde für jeden Motor eine aufwändige Spannvorrichtung entwickelt. Nun wird die Motoreinheit auf einem kleinen Tisch fixiert, der für jede Motorgröße und –form geeignet ist. Nun will Toyota bei gleichen Endkosten auf 50.000 Stück heruntergehen. So kann Toyota auch ohne einen Produktionsbaukasten à la Volkswagen seine Modelle in kleineren Mengen wirtschaftlich herstellen.

 

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