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VW Führungsstreit lenkt von den wahren Problemen ab

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Niederlagen als Siege verkauft

Piëch hat es immer geschafft, Skandale spurenlos an sich abperlen zu lassen und sich im Gegenzug in Erfolgen zu sonnen. Er glänzte mit der Restrukturierung der spanischen Tochter Seat und der Wiederbelebung der Skoda-Werke in Tschechien. Stolz zeigte er sich auch mit technischen Wunderwerken wie dem Drei-Liter-Lupo von 1999 und dem Ein-Liter-Auto.

Eine Präsentation des Prototyps des Ökomobils XL 1, von dem im vergangenen Jahr 250 Exemplare zum stolzen Preis von 111.000 Euro verkauft wurden, ist geradezu typisch für Piëchs Methode, sich in der Öffentlichkeit zu inszenieren. Es war im April 2002, als er den Vorstandsvorsitz an Ex-BMW-Chef Bernd Pischetsrieder abgab, ein kalter, regnerischer Tag. Piëch fuhr mit dem futuristischen Ökofahrzeug von Wolfsburg zur VW-Hauptversammlung nach Hamburg. In grauem Mantel, mit passender Kappe und federleichten Ferrari-Schuhen, die er Tags zuvor gekauft hatte, präsentierte er sich als künftiger VW-Chefkontrolleur. Die Bilder von der Fahrt in einem Meisterwerk der Ingenieurkunst brannten sich ins Gedächtnis der Aktionäre und Journalisten.

VW Porsche Piëch

Niederlagen versteht Piëch zeit seines Lebens perfekt als Siege zu verkaufen. 1998 erwarb er die britische Nobelmarke Rolls-Royce für umgerechnet gut 700 Millionen Euro. Dabei versäumte er es aber, neben dem angestaubten Werk im englischen Crewe auch die Namensrechte zu kaufen. 2002 ging Rolls-Royce daher an den Münchner Konkurrenten BMW, der sich die Rechte gesichert hatte. Piëch musste sich mit der Schwestermarke Bentley begnügen. Er habe, ließ er danach wissen, von Anfang an nur die sportlichere Marke haben wollen, weil diese mehr wirtschaftliches Potenzial besitze. Die Verkaufszahlen geben ihm inzwischen recht.

Doppelrolle in der Porsche-Übernahme

Seine Durchsetzungskraft ist für den Porsche-Piëch-Clan Fluch und Segen zugleich. Von allen Plänen, die er in seinem Leben geschmiedet hat, war der Versuch, Volkswagen durch Porsche zu übernehmen, wohl der genialste und zugleich rechtlich riskanteste. Die Idee, mithilfe von Porsche VW zu schlucken, hatte Piëch bereits um die Jahrtausendwende. Dann, 2005, schien der Zeitpunkt günstig: VW steckte in der Krise, die Aktie war günstig wie selten zuvor. Der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking präsentierte den Eigentümerfamilien einen Plan, wie der Sportwagenhersteller bei VW einsteigen und schrittweise den Anteil erhöhen könnte. Offen ist, ob Piëch diesen Anlauf zur VW-Übernahme einfädelte. Sicher ist nur, dass Wiedeking von den Piëchs und Porsches dafür grünes Licht bekam.

Diese 20 entscheiden über Winterkorns Zukunft
Der Familienpatriarch und Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch hat am Freitag die Diskussion um die künftige Führungsstruktur bei Volkswagen losgetreten. Er sei „auf Distanz“ zu VW-Vorstandschef Martin Winterkorn, so Piëch. Bislang hatte Winterkorn als möglicher Piëch-Nachfolger gegolten. Quelle: dpa
VW-Vorstandschef Winterkorn (l.) ließ am Samstag verlauten, er werde sich nicht so schnell geschlagen geben im Führungskampf. Ein Grund für diesen Optimismus: Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat stellten sich hinter ihn – und auch die Vertreter des Landes Niedersachsens, die auf der Kapitalseite sitzen, klingen versöhnlich. Quelle: dpa
Im VW-Aufsichtsrat, der über Winterkorns Zukunft entscheidet, sitzen zehn Arbeitnehmervertreter und zehn Arbeitgebervertreter. Bei Stimmengleichheit entscheidet der Vorsitzende Ferdinand Piëch. Quelle: dpa
Al-Abdullah ist Vertreter des Emirats Katar. Der Staat am Persischen Golf hält über die Gesellschaft Qatar Holding insgesamt 17 Prozent der Stimmrechte an Volkswagen. Zu den aktuellen Vorgängen gibt es keine Äußerungen von ihm - und es sind auch keine zu erwarten. Diskretion zeichnet den Anker-Aktionär aus. Dass Katar Piëch in den Rücken fällt, ist unwahrscheinlich. Quelle: dpa
In der Öffentlichkeit präsent ist hingegen das Land Niedersachsen, das 20 Prozent der Stimmrechte an VW hält. „Diskussionen dieser Art sind in jedem Fall schädlich für das Unternehmen“, sagte Ministerpräsident Weil am Samstag der Tagesschau zum Machtkampf. „Wenn man etwas zu besprechen hat, dann sollte man das intern tun. Die Vertreter des Landes Niedersachsen werden sich nicht an einer öffentlichen Diskussion beteiligen.“ Das ist zumindest kein weiterer Dolchstoß für Winterkorn. Quelle: dpa
Der Wirtschaftsminister Niedersachsens ist der zweite Vertreter des Landes im Aufsichtsrat. Er stärkte gegenüber der Bild am Sonntag Winterkorn den Rücken. „Wir schätzen die Arbeit des Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn sehr. (...) Ich sehe der Ankündigung durch Herrn Piëch auch aufgrund der Mehrheitsverhältnisse im Aufsichtsrat sehr gelassen entgegen.“ Das bedeutet, dass das Land Niedersachsen sich bei einer Kampfabstimmung auf die Seite der Arbeitnehmer schlagen könnte. Quelle: dpa
Die Familien Porsche und Piëch halten über die Porsche Automobil Holding SE die Mehrheit am Volkswagen-Konzern. Ob Piëchs Vorstoß mit dem Porsche-Clan abgestimmt war, ist nicht bekannt. Aus dem Umfeld von Wolfgang Porsche (links, neben Porsche-CEO Michael Müller), dem Sprecher des Familienclans, hieß es am Wochenende: „Am Ende ziehen die Familien bei wichtigen Entscheidungen an einem Strang.“ Damit kann Winterkorn hier wohl nicht auf Rückendeckung zählen. Offiziell wollte sich kein Porsche-Familienvertreter äußern, so die Bild am Sonntag. Quelle: dpa

Das Ansinnen entwickelte sich zur Übernahmeschlacht und zum Wirtschaftskrimi des Jahrzehnts. Piëch spielte darin eine zweifelhafte Doppelrolle: Als Porsche-Miteigentümer profitierte er von Wiedekings Übernahmestrategie, als VW-Aufsichtsratschef hätte er den Angriff aber abwehren müssen. Darum wurde er zunehmend schmallippig, als es um Wiedeking ging.

Dennoch hätte Porsche im Oktober 2008 Volkswagen beinahe mithilfe von Aktienoptionen übernommen. Dann kam die Finanzkrise, das Konstrukt von Wiedeking brach im letzten Augenblick zusammen, Piëch schlug sich auf die VW-Seite. Zurück blieben Investoren, die sich von Porsche falsch informiert fühlten; die Milliardenprozesse laufen bis heute.

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