VW-Skandal VW-Chef Martin Winterkorn tritt zurück

Martin Winterkorn tritt als Vorstandschef von Volkswagen zurück, gab der Konzern nach einer Krisensitzung der obersten Aufseher in Wolfsburg bekannt.

Martin Winterkorn tritt von seinem Amt als VW-Chef zurück. Quelle: dpa Picture-Alliance

Er gilt als Perfektionist. Jetzt steht sein Aus fest, Martin Winterkorn hat sein Amt als Vorstandsvorsitzender bei Volkswagen niederlegt. Perfekt ist es nicht, sondern ein weiterer Höhepunkt im riesigen Skandal um die Abgas-Affäre, die Europas größten Autobauer in seinen Grundfesten erschüttert.
Der 68-Jährige war durch den Abgas-Skandal in den USA in Bedrängnis gekommen. Es wäre falsch, hatte Winterkorn noch am Dienstagabend gesagt, „wenn wegen der Fehler einiger Weniger die harte und ehrliche Arbeit von 600.000 Menschen unter Generalverdacht gerät. Das hat unsere Mannschaft nicht verdient.“ Zugleich hatte er um Vertrauen geworben.

Für einen „glaubwürdigen Neuanfang“, wie es Berthold Huber, kommissarischer Leiter des VW-Aufsichtsrats nannte, reichte das nicht. Denn der Schaden, den die Affäre um manipulierte Abgas-Werte hinterlässt, ist enorm. "Wir sind uns nicht nur dem wirtschaftlichen Schaden bewusst, sondern dem Vertrauensverlust Volkwagens aller Kunden weltweit", so Huber. Er sagte auch, dass Winterkorn selbst aber nicht über die Manipulationen Bescheid wusste.

"Volkswagen braucht einen Neuanfang"

Der tritt nach offizieller Darstellung dennoch auf eigenen Wunsch zurück. "Volkswagen braucht einen Neuanfang - auch personell", erklärte Winterkorn selbst. Mit seinem Rücktritt mache er den Weg dafür frei. Er tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl er sich "keines Fehlverhaltens bewusst" sei. "Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen Konzern möglich waren", so Winterkorn.

Winterkorn war 2007 von der VW-Tochter Audi an die Konzernspitze in Wolfsburg gewechselt. Unter seiner Führung ist Europas größter Autobauer in den vergangenen Jahren rasant gewachsen.

Die Erklärungen zu Winterkorns-Rücktritt

Der Volkswagen-Aufsichtsrat wird nicht vor Freitag über die Nachfolge Martin Winterkorns entscheiden. Das sagte der Vorsitzende des Gremiums, Berthold Huber, am Mittwoch in Wolfsburg.

VW erstattet Strafanzeige

Die Mitglieder des engeren Führungszirkels um Betriebsratschef Bernd Osterloh, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil und Wolfgang Porsche als Sprecher der Familien Porsche und Piech erklärten zudem, es sei in den nächsten Tagen mit weiteren personellen Konsequenzen zu rechnen. Die internen Untersuchungen liefen auf Hochtouren.

Der VW-Abgas-Skandal im Überblick


"Alle Beteiligten an diesen Vorgängen, die einen unermesslichen Schaden für Volkswagen angerichtet haben, werden mit aller Konsequenz belangt", hieß es in der Erklärung. Zudem soll ein Sonderausschuss eingerichtet werden, um die weitere Aufklärung voranzutreiben. Der Konzern stellte darüber hinaus Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig. Damit will der Konzern das durch die Abgasmanipulationen verlorene Vertrauen zurückgewinnen.

Reaktionen an der Börse

Anleger reagierten zunächst verhalten und uneinig auf den Rücktritt. Ob VW nun mit oder ohne Winterkorn den Abgasskandal aufarbeitet, scheint sekundär. Um 16.58 Uhr, vor der Veröffentlichung des Rücktritts, lag der Kurs nach Live-Daten der Handelsplattform Lang und Schwarz noch bei 114,7 Euro.

Parallel zur Pressekonferenz sank die Aktie um knapp drei Prozent bis 17.14 Uhr, zog dann nach Ende der Statements wieder leicht nach oben an.  Zwar musste sie Gewinne vom Nachmittag abgeben - der Kurs lag zeitweise etwa sieben Prozent im Plus. Aber auch nach dem Rücktritt Winterkorns behauptet VW seinen Tagesgewinn von rund 1,5 Prozent. Die Aktie arbeitet sich nur langsam an die Grenze von 111,0 Euro.

Eine Stunde nach der Pressekonferenz hinterließ Winterkorn nur eine kleine Delle im Aktienkurs. Um zwei Euro war die Aktie im Anschluss an seinen Rücktritt eingeknickt. Ab 18 Uhr handelten Anleger die Aktie schon wieder zu 113,50 Euro – als wäre nichts geschehen.

Schaden für die Autoindustrie

Winterkorns Rücktritt am Abend kam plötzlich. Wirklich überraschend war er nicht. Die Folge der Abgas-Affäre sind verheerend. In den USA drohen VW Strafzahlungen von bis zu 18 Milliarden Dollar. Der Konzern gerät unterdessen auch in Deutschland ins Visier der Justiz. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig gab den Beginn von Vorermittlungen gegen VW bekannt.

Bei internen Untersuchungen war zudem herausgekommen, dass weltweit bis zu elf Millionen Diesel-Fahrzeuge von manipulierten Abgaswerten betroffen sein könnten. Allein für Rückrufe und weitere Schritte, um Vertrauen in die VW-Technik zurückzugewinnen, legt der Konzern rund 6,5 Milliarden Euro zur Seite und kappt seine Gewinnziele für 2015. Seit Bekanntwerden des Abgas-Skandals hat VW zeitweise bis zu 30 Milliarden Euro seines Börsenwerts eingebüßt.

VW wird zudem vorgeworfen, durch die Manipulationen den Ruf der deutschen Autobauer zu riskieren - wenn nicht sogar der gesamte deutsche Exportindustrie.

Mit Material von dpa und reuters

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