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VW-Umbau Das reinigende Gewitter über Wolfsburg

Nachdem der Machtkampf mit Firmenpatriarch Ferdinand Piëch gewonnen ist, organisiert VW-Boss Martin Winterkorn den Autobauer um. Mit einer neuen Struktur alleine ist es nicht getan – VW sucht immer noch einen starken Aufsichtsratschef.

Die Baustellen des VW-Konzerns
VW in den USA Quelle: dpa
Winterkorn mit dem Chinesischen Vize-Premier Ma Kai Quelle: obs
VW Quelle: dpa
MAN Quelle: dapd
Hauptwerk in Wolfsburg Quelle: dpa

Mit seinem abrupten Abgang hat VW-Patriarch Ferdinand Piëch nicht nur ein großes Loch im Machtgefüge von Europas größtem Autobauer hinterlassen. Sein einstiger Ziehsohn Martin Winterkorn hat nun alle Hände voll zu tun, um das zwölf Marken vom Motorrad über Kompaktwagen und Luxusboliden bis hin zu 40-Tonnen-Schwerlastern umfassende Auto-Reich zusammenzuhalten. An den Rändern droht das Wolfsburger Imperium bereits zu bröckeln. Doch immerhin wird nach dem Machtkampf an der Spitze nun offener über die vielen Schwachstellen des größten deutschen Konzerns gesprochen. "Piëchs Rückzug könnte ein reinigendes Gewitter gewesen sein", meint Autoanalyst Frank Schwope von der NordLB.

Erste Tendenzen zur Verselbständigung der Marken gibt es nach Ansicht des einflussreichen Betriebsratschef Bernd Osterloh bereits. Er bemängelt schon seit Monaten, dass einige Töchter bei der Gleichteilestrategie aus der Reihe tanzen. Die Marken verfolgten oft lieber ihre eigene Interessen, als sich der Konzerndisziplin zu unterwerfen. Die VW-Töchter könnten sich nun, da Piëchs eiserne Hand nicht mehr da ist, womöglich noch mehr Freiheiten herausnehmen.

Konzernlenker Winterkorn muss allerdings nicht nur die Fliehkräfte bändigen. Es gilt auch, die VW-Kultur zu erneuern. Unter Piëchs bisweilen erbarmungslos anmutender Führung hat sich das Management angewöhnt, nur gute Nachrichten zu verkünden. Jeder, der gegen diesen Grundsatz verstieß, wurde kaltgestellt. Alles ordnete Piëch seinem großen Ziel unter, Toyota vom Thron des Weltmarktführers zu verdrängen. Da dieses Ziel fast erreicht ist, droht nach Ansicht von Kritikern die Motivation nachzulassen. Nicht nur Insider stellen sich jetzt die Frage, ob Winterkorns Kraft ausreicht, um VW auch an der Weltmarktspitze zu halten oder ob Piëchs Fußstapfen für ihn zu groß sind: "Was ist seine Vision?"

Baustellen sind unübersehbar

Für Jürgen Pieper, Autoanalyst des Bankhauses Metzler, ist klar: VW benötigt dringend ein Zeichen des Aufbruchs. Bleibt dieses aus, drohe die riesige Organisation sich nur noch selbst zu verwalten und das eigene Gewicht könnte Volkswagen wie einen gestrandeten Wal selbst erdrücken.

VW ist zuletzt rasant gewachsen. Mit mehr als zehn Millionen ausgelieferten Fahrzeugen sind die Niedersachsen auf dem Sprung an die Weltmarktspitze. Doch die Baustellen sind unübersehbar: Winterkorn ist es bisher nicht gelungen, die Probleme in den USA in den Griff zu bekommen, die Hauptmarke VW schwächelt nach wie vor bei der Ertragskraft und die Konzernführung hat immer noch nicht über ein Billigauto für Schwellenländer entschieden.

Volkswagen in Zahlen

Zugleich nehmen intern die Zweifel zu, ob das Riesenreich überhaupt noch von Wolfsburg aus steuerbar ist. Winterkorn will deshalb den Konzern umbauen. Denkbar ist, dass die zwölf Marken nach dem jeweiligen Baukasten zusammengefasst werden, den sie verwenden: den Modularen Querbaukasten für Fahrzeuge vom Golf bis zum Passat, den Längsbaukasten für größere Wagen von Audi und den Sportbaukasten von Porsche. Die Lkw-Töchter MAN und Scania werden in einer Holding gebündelt.

Erwartet wird, dass sich Winterkorn dieses Prinzip auch bei der Organisation des Vorstands zu eigen macht. Zugleich dürften die Regionen mehr Verantwortung bekommen. "Es geht darum, das Pkw-Geschäft zu dezentralisieren", sagt Pieper. Die Zentrale würde entlastet, das Management näher an die Kunden heranrücken. Dass alles in Wolfsburg entschieden wird, gilt als ein wichtiger Grund für die Probleme von VW in Südamerika und den USA.

Denzentrales System rückt von Piëchs Plänen ab

Ein Unterstützer solcher dezentralen Strukturen ist Niedersachens Ministerpräsident Stephan Weil. "Wir brauchen so viel Zentralität wie nötig und so viel Dezentralität wie möglich", sagte der SPD-Politiker, der Mitglied im Aufsichtsrat ist, der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung".
Weil sich die einzelnen Märkte von Europas größtem Autobauer höchst unterschiedlich entwickelten, müsse die Struktur stärker an den Gegebenheiten vor Ort ausgerichtet werden. Gleichzeitig dürfe der Konzern jedoch nicht zu einer "Gemeinschaft unabhängiger Marken" werden, sondern müsse mehr Synergieeffekte nutzen.


Die Möglichkeiten zur Ausnutzung solcher Größenvorteile seien "sicher längst noch nicht alle ausgeschöpft", sagte Weil. Niedersachsen hat mit 20 Prozent der VW-Anteile ein Blockaderecht bei wichtigen Entscheidungen des Autobauers.

Piëch und Winterkorn galten als gutes Team

Das freiere Spiel der Kräfte würde Piëchs zentralistisches Regime ersetzen. Der Porsche-Enkel hatte bei Volkswagen lange die Rolle eines Übervaters. Die beiden Ingenieure Piëch und Winterkorn galten als eingespieltes Team. Dieses hielt aber nur so lange, bis der "Alte", Piëch ist 78, den Stab über seinen potenziellen Nachfolger im Aufsichtsrat brach und VW in einen bis dato nicht gekannten Machtkampf stürzte, den Winterkorn mit Hilfe der Arbeitnehmer und des Landes Niedersachen gewann.

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Doch wie stark ist Winterkorn wirklich? Arndt Ellinghorst vom Analysehaus Evercore ISI glaubt nicht, dass der 68-Jährige das dringend nötige Zeichen zum Aufbruch geben kann. "Er steht für das alte, zentral geführte VW." Deshalb müsse schnell ein neuer, starker Aufsichtsratschef gefunden werden.

Seit Piëchs Rückzug führt erstmals ein Gewerkschafter das Kontrollgremium, Ex-IG-Metall-Chef Berthold Huber. Er gilt als Übergangslösung. Bis ein neuer Oberaufseher gefunden ist, oder doch Winterkorn das Amt übernimmt, dürfte es noch dauern. Ellinghorst drängt: "Der Wandel muss von außen angestoßen werden. Sonst werden die Kräfte kreativer Zerstörung ihren Lauf nehmen."

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