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Wellness-Offensive von PSA Jetzt werden die Autos zu Wohlfühloasen

Verkehrslärm, Stau und Stress rauben uns auf dem Weg ins Wochenende den letzten Nerv. Wäre es nicht schön, wenn schon auf dem Fahrersitz Sonntags-Feeling aufkäme? Peugeot und Citroen arbeiten an der Wellnessoase Auto.

Mit neuen Lichtkonzepten, Massagesitzen und Klangsystemen wollen Peugeot und Citroen das Auto zum Ort der Entschleunigung machen. Die Ansätze klingen vielversprechend. Quelle: Presse


Freitagnachmittag 17 Uhr - Innenstadt, alle wollen nach Hause, keiner kommt vom Fleck. Seit 40 Minuten geht es weder vor noch zurück. Bouchon, atasco, ingorgo - ob Paris, Madrid, Rom oder München in den europäischen Hauptstädten herrscht Stillstand. Die französische Metropole leidet derzeit besonders unter der Blechlawine. Obwohl die Stadt über ein hervorragend ausgebautes U-Bahn und S-Bahn-System verfügt, steigen die Pariser lieber ins Auto. Die Luftverschmutzung ist so hoch, dass die Stadtverwaltung erstmals seit 1997 ein Fahrverbot ausgerufen hat. Fahren durften nur noch Autos mit geraden Kennzeichen, am nächsten Tag sollten die Kollegen mit ungeraden Kennzeichen rollen dürfen - doch nach dem ersten Tag war Schluss. Die Aktion floppte. Obwohl die Verwaltung sogar die kostenlose Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs erlaubte und Elektroautos und Fahrräder ebenfalls gratis geliehen werden konnten.

Die Franzosen lieben ihre Autos - auch wenn es manchem Deutschen nicht so vorkommen mag. Während man hierzulande vor allem auf Motorleistung, Fahreigenschaften und sportliches Design späht, achten die französischen Fahrer besonders auf das Fahrzeuginnere.

Doch das ist nur ein Grund, warum PSA - der Mutterkonzern der Marken Peugeot und Citroen - jetzt die Wohlfühl-Offensive fürs Auto gestartet hat. Beim großen Innovationstag in den Räumen des Peugeot-Forschungszentrums in Velziy von den Toren Paris' gab sich Jean-Marc Finot, Chef der Forschungs- und Entwicklungsabteilung bei PSA, und sein Team alle Mühe den Journalisten zu vermitteln, warum Wellness im Cockpit DAS Thema der Zukunft werden wird.

Millionen auf der Suche nach Entschleunigung

"Wir sind ständig unter Zeitdruck, hetzen vom einen Termin zum anderen - unsere Sinne sind permanenter Überreizung ausgesetzt", heißt es sinngemäß in einem Film, der den Kontext der Peugeot-Wellness-Offensive erläutern soll. Stickige Stadtluft, Verkehrslärm, Gestank und Staub setzen unserer Gesundheit täglich zu. Immer mehr Menschen leiden unter Erschöpfungszuständen und Depressionen.

Unter dem Schlagwort "Entschleunigung" bietet mittlerweile eine ganze Industrie Wege aus dem Hamsterrad. Und die Produkte und Dienste finden reißenden Absatz: Überfüllte Yoga-Kurse, Ratgeber für fernöstliche Entspannungsmethoden und tausendfach verschenkte Gutscheine für Wellness-Wochenenden von Erlebnisportalen wie Mydays oder Jochen Schweizer (hier zählen die Erlebnisboxen mit Entspannungsprogramm für den gestressten Herrn zu den Verkaufsschlagern) zeugen vom großen Wunsch nach Entspannung.

Mit dieser Einschätzung, da muss man den Franzosen beipflichten, liegen sie richtig. Nie war die Sehnsucht nach erholsamen Stunden, Minuten oder doch wenigstens Sekunden größer. Die Schlussfolgerung der Meister des "Savoir vivre"? Das Auto soll zum Entspannungszentrum werden. Ein rollendes SPA, Wellness auf Rädern, nichts Geringeres schwebt Entwicklungschef Finot und seinen Kollegen vor.

Massage in der Mittagspause


Lichtkonzept: Changierende Elemente an der Fahrzeugdecke. Denkbar sind auch personalisierte Schriftzüge oder Zeichnungen. Quelle: Presse

"Wählen Sie einfach eines dieser Programme", fordert uns ein höflicher Peugeot-Angestellter auf. Die Journalisten haben in einem Peugeot Platz genommen. Der Wagen steht in einem abgedunkelten Raum. Die Türen werden geschlossen. Auf dem Touchscreen erscheinen die Angebote: Entspannung oder Revitalisierung. Wir drücken Entspannung. Surrend setzen sich Fahrer- und Beifahrersitz in Bewegung. Die Rückenlehne senkt sich nach hinten, die Beinauflage nach oben - wir liegen annähernd.

Durchlässige Stoffe in der Innentür leuchten nach Wunsch in rot, blau oder grün. Quelle: Presse

Aus der Nackenstütze beginnt ein warmer Luftstrom unseren verspannten Nacken zu wärmen. Das fühlt sich gut an. Wir werden in warmes Licht getaucht, dazu erfüllen sphärische Klänge, die aus den Kopfstützen dringen, das Cockpit. Dann setzt die Massagefunktion ein. In Wellenbewegungen rollt und knetet der Sitz den Rücken, das Sitzfleisch und die Unterschenkel. Drei Minuten dauert das Programm. "Sie können sich damit nach einem stressigen Bürotag entspannen oder während eine Pause auf einer langen Autofahrt", schlägt Peugeot-Managerin Béatrice Daillant-Vasselin vor, die "Chrysalide", wie Peugeot seine Entspannungskonzept für alle Sinne nennt, verantwortet.

Gesteuert werden die Programme entweder über den Bordcomputer oder über das Smartphone. Massage, Lichtstimmung, Musik und auch Duft sollen sich die Insassen nach persönlichem Geschmack zusammenstellen können.

Der Sitz knetet uns wach

Wer etwa lange unterwegs ist und müde wird, kann das automatisch einsetzende Revitalisierungsprogramm nutzen. Eine Kamera erfasst anhand von Mimik und Wimpernschlag, wann der Fahrer einen kleinen Energieschub braucht. Beim Test funktioniert das allerdings erst beim zweiten Mal. "Sie müssten sich aufrechter hinsetzen", weist uns der Peugeot-Angestellte an. Wer zu sehr im Sitz lümmelt, wird von der Kamera nämlich nicht erfasst. Dann klappt's aber auch. Die Innenbeleuchtung wird greller, Popmusik setzt ein und der Massagesitz beginnt zu rütteln und zu schütteln. Nicht schlecht. Schuldig bleibt uns Peugeot das Duftkonzept. Zwar können wir die Aromen von Mango, Zimt, Vanille oder eine Mischung aus Hölzern wie Kiefer, Zeder und Fichte unter Glasglocken erschnuppern und uns ein Bild von den Düften machen, die ab 2016 in Peugeot- oder Citroen-Modellen aus der Klimaanlage strömen, doch im direkten Einsatz erleben wir sie nicht.

Emmanuel Boudard, zuständig für die Entwicklungen rund um die Luftqualität im Auto. Quelle: Presse

"Den Duft nehmen Sie nur für wenige Minuten wahr und er setzt sich nicht in den Polstern ab", versichert uns Emmanuel Boudard, zuständig für die Entwicklungen rund um die Luftqualität im Auto. PSA hat mit einem Aroma-Therapeuten zusammen gearbeitet, um Duftkombinationen zu finden, die wie gewünscht entspannen, revitalisieren oder die Konzentration fördern. "Was gut riecht und was schlecht, hängt auch vom kulturellen Hintergrund ab", erklärt der Meister der Düfte. In China etwa würde der Geruch von frischem Leder als Gestank wahrgenommen, in Deutschland oder Frankreich dagegen verbinden Fahrer damit den Geruch eines Neuwagens und eine hohe Qualität der Innenausstattung.

Was der Spa-Spaß kosten soll


Mango-, Vanille-, Zimt oder Zeder? PSA forscht an Düften und Aromen, die für Entspannung oder mehr Konzentration sorgen sollen. Quelle: Presse

Die chinesischen Kunden benötigen nicht nur andere Düfte, sondern auch echte High-Tech-Luftfilter. Die Luftverschmutzung in den asiatischen Metropolen ist so hoch, dass PSA für die Fahrzeuge im C- und D-Segment ab 2016 Filter mit Aktiv-Kohle-Filter ausrüstet. Später sollen auch die darunterliegenden Segmente den Premium-Filter erhalten.

In punkto Duft will man vorerst drei unterschiedliche Programme anbieten. Die dazu nötigen Kartuschen soll der Fahrer selbst austauschen können. Kosten? "Die eines guten Parfums", laviert Boudard herum. Beim Thema Preise bleibt auch Entwicklungschef Finot vage. Was kosten Massage-Ausstattung, Licht- und Soundkonzept sowie Beduftung? Das müsse man noch sehen, meint Finot. Nahezu sicher ist, dass die Feel-Good-Ausstattung erst in den oberen Fahrzeugsegmenten wie der Citroen DS-Linie oder dem neuen Peugeot 608, der 2017 auf den Markt kommen soll und dann nach und nach in Mittel- und Kleinwagensegment diffundiert.

"Feel-Good" keine rein französische Erfindung

Dann wird sich auch entscheiden, ob sich mehr Geschäftsleute, Senioren oder Familien für Massage, Duft- und Soundkonzept interessiert. Beim letztgenannten setzt PSA auf ein 3-D-Surround-System. Vorteil: Wer nach rechts blinkt, bekommt den Klang des Blinkers aus der rechten Fahrzeughälfte eingespielt, nach links von links. Wirklich neu sind solche Systeme nicht. Audi etwa hat bereits ein System entwickelt, das Autobahngeräusche mit Gegenschall neutralisiert - soweit ist man in Frankreich noch nicht. Auch Massagesitze sind prinzipiell nichts Neues - Audi, Mercedes und Opel haben sie längst im Programm. Doch so allumfassend und konsequent wie PSA geht derzeit kein Hersteller das Thema "Auto-Oase" an.

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Wesentlich simpler aber dafür um so praktischer ist der Ansatz der Franzosen übrigens beim neuen SUV-Crossover Citroen Cactus. Der kommt mit einem extrem aufgeräumten Armaturenbrett daher, hat vorne eine durchgehende bequeme Sitzbank, die an die amerikanischen Wagen der 50er Jahre erinnert, viele große Ablageflächen und Stauräume und ein Panoramadach. Die Verarbeitung könnte hier und da besser sein. Doch der Cactus ist zweifelsohne ein attraktives Auto, das auch außerhalb Frankreichs seine Fans finden wird. Dafür sorgen die klare Linienführung beim Design, die optisch witzigen wie gleichzeitig praktischen Airbumps an den Seitenflächen, die vor Kratzern schützen sollen. Aber vor allem dürfte der Blick aufs Preisschild für enorme Entspannung beim Kunden sorgen: Ab 13.500 Euro ist der Cactus zu haben. Wenn das den Kontoinhaber nicht maximal entschleunigt, was dann?

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