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Weniger Arbeit, weniger Lohn Tesla macht Zwangsurlaub

In Teslas Fabrik im kalifornischen Fremont gilt bereits seit dem 23. März ein staatlich angeordneter Produktionsstopp. Quelle: imago images

Das nach eigenen Angaben beste Quartal in der Unternehmensgeschichte hat Tesla gerade erst hinter sich gelassen, da kündigt auch der E-Auto-Pionier wegen der Coronakrise Zwangsurlaub und Lohnkürzungen an.

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Vor wenigen Wochen zeigte Elon Musk in Sachen Corona noch wenig Bedenken. „Meine Vermutung ist, dass die Panik mehr Schaden anrichtet als das Virus, wenn das nicht schon geschehen ist“, twitterte der Tesla-Chef am 19. März. Nach einer Machtprobe mit den Behörden musste aber der US-Elektroautobauer einem Produktionsstopp in seinem Hauptwerk im kalifornischen Fremont aufgrund der Coronakrise zustimmen. „Wir halten uns an die gesetzlichen Vorschriften“, teilte das Unternehmen mit. Vorangegangen waren tagelange Diskussionen mit Gesetzesvertretern. Tesla ließ die Bänder in der Fabrik mit rund 10.000 Mitarbeitern zunächst weiterlaufen – bis sich die Polizeichefin einschaltete.

Seit dem 23. März gilt also auch bei Tesla in Fremont die Zwangspause. Und nicht nur dort ruhen die Arbeiten. Nun zieht der Elektroautobauer Konsequenzen: Alle Arbeiter, die nicht unbedingt benötigt würden, werden in den Zwangsurlaub geschickt. Außerdem sollen Löhne ab dem 13. April bis zum Ende des zweiten Quartals gekürzt werden, hieß es in einer an die Mitarbeiter in den USA verschickte E-Mail, die die Nachrichtenagentur Reuters einsehen konnte. Grund sei die Schließung der Produktionsstätten in den USA wegen der Coronavirus-Pandemie. Der normale Betrieb soll nach Angaben des Konzerns am 4. Mai wiederaufgenommen werden, sofern sich keine erheblichen Änderungen ergäben. Die Löhne der Arbeiter würden um zehn Prozent, die von Führungskräften um 20 bis 30 Prozent reduziert, heißt es in der E-Mail. Außerhalb der USA solle es ähnliche Kürzungen geben.

„Die Krise schafft ein nachhaltiges Nachfrageproblem“

Die Entscheidung, Zwangsurlaub und Lohnkürzungen einzuführen, ist m Grunde wenig überraschend, steht doch die gesamte Autoindustrie vor enormen Einbrüchen. „Es gibt nicht nur die akuten Probleme, wie die zusammengebrochenen Lieferketten,“ sagte Ferdinand Dudenhöffer, Chef und Gründer des der Universität St. Gallen angegliederten ICI Institutes, im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. „Die Krise schafft auch ein nachhaltiges Nachfrageproblem.“

Die Unternehmensberatung Bain sieht die Autoindustrie „in ihrer wahrscheinlich schwersten Krise überhaupt“. Die Gewinne der Branche könnten um 70 bis 90 Prozent fallen – höhere Rabatte noch nicht mitgerechnet. Der weltweite Absatz dürfte im April um zwei Drittel einbrechen und sich dann nur ganz langsam wieder erholen. In China gebe es schon erste Erholungstendenzen, im Gesamtjahr dürften dort 25 Prozent weniger Autos verkauft werden. „Deutlich stärker trifft die Corona-Rezession hingegen Europa. Mit 11 Millionen verkauften Pkw wird für 2020 ein Minus von 30 Prozent erwartet“, heißt es in der Studie. In Nordamerika dürfte der Absatz um ein Drittel einbrechen. Insgesamt würden die Automobilhersteller weltweit nur noch 64 Millionen Autos verkaufen, so die Bain-Prognose. Und Branchenkenner sind sich sicher: Corona wird das Elektroauto um Jahre zurückwerfen. Das trifft Tesla ins Mark, aber es gibt Grund zu Hoffnung bei den Kaliforniern.

Weltweit sackten Autohersteller in den vergangenen Wochen an der Börse ab – auch Tesla. Vergangene Woche aber machte die Aktie einen Sprung. An der Nasdaq gab es für kurze Zeit einen prozentual zweistelligen Anstieg, der zwar wieder etwas abflachte. Letztlich legten die Tesla-Papiere aber ein Anstieg um 5,6 Prozent hin. Der Grund für die Entwicklung: Vergangenen Freitag hatte Tesla-Chef Elon Musk einen Auslieferungsrekord im ersten Quartal verkündet und damit die Aktionäre begeistert. 103.000 Autos fertigte der E-Autobauer im ersten Quartal und lieferte 88.400 davon weltweit aus. Darunter ehr als 76.000 Model 3, einige Exemplare des Model Y und rund 12.200 Fahrzeuge der Premiummodelle S und X. Es sei das beste Quartal in der Geschichte des Unternehmens, hieß es aus Kalifornien.

Das zweite Quartal dürfte wegen der Coronakrise für Tesla hart werden, sagte Analyst Ryan Brinkman von JPMorgan. Dennoch dürften die zuletzt guten Zahlen Musk mehr Selbstsicherheit geben als es bei den allermeisten anderen Autobauern der Fall ist. Unterstreichen die Absatzzahlen doch, dass Tesla durch seine Verkäufe genügend Zuflüsse hat, um sich die nächsten Monate über Wasser zu halten. Die Sorgen, dass einige traditionelle Autohersteller die aktuelle Krise nicht überleben könnten, scheint größer.

Ende März standen bei Tesla mindestens acht Milliarden Dollar an Barmitteln bereit – plus Kreditlinien in Milliardenhöhe. Und Tesla ist trotz Coronakrise mit einem Wert von rund 98 Milliarden Dollar immer noch der wertvollste US-Fahrzeughersteller. Zum Vergleich: Ford wird von der Börse nur noch mit 17 Milliarden Dollar bewertet, General Motors steht bei 25 Milliarden Dollar.

Argumente, trotz des Krisenmodus positiv gestimmt zu bleiben, hätte Musk also. Dennoch hielt man sich beim E-Auto-Pionier erst einmal zurück als die Nachricht über den Zwangsurlaub publik wurde. Tesla war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen, heißt es und Musks letzter Twitter-Post ist schon zwei Tage her – und beschäftigte sich mit Musik.

Mit Material von dpa und Reuters

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