Werner knallhart

VW-Skandal: Welchen Branchen sowas auch gut täte

Volkswagen blamiert sich mit Betrügereien. Und siehe da: Plötzlich bauen die Wolfsburger mehr Elektroautos. Innovationskraft dank Schande. Das könnte bei anderen Firmen auch funktionieren. Ein subjektiver Überblick.

Das ist die Streichliste von Volkswagen
VW-Logo Quelle: dpa
MarketingFeierlichkeiten waren bei Volkswagen bislang vom Allerfeinsten: Robbie Williams (r., hier neben Stephan Grühsem, ehemaliger Leiter Kommunikation beim VW-Konzern), Lenny Kravitz, Mark Knopfler, Lang Lang oder die Pet Shop Boys. Und im Publikum tummelten sich Hollywood-Hüne Ralf Moeller oder Sport-Ikonen wie Günter Netzer und Hans-Joachim Stuck. Die Musik für die üppigen Inszenierungen kam von Produzent Leslie Mandoki. Und der Kabarettist Django Asül sorgte die für die gute Laune. All das wird künftig genauso wenig passend erscheinen wie die Konzernabende im Vorfeld großer Automessen. Weit über tausend Gästen wurde dabei stets ein anderthalbstündiges Happening mit Licht und Showeffekten präsentiert, in dem alle Marken des Konzerns ihre Innovation präsentierten. Quelle: imago
Die Party ist zu EndeKein anderer Hersteller betreibt nur annähernd einen solchen Aufwand der Selbstinszenierung. So kann Volkswagen auch getrost darauf verzichten. Genauso wie auf die Mini-Autoshows zur Hauptversammlung und zur Bilanzpressekonferenz. Eine zweite Halle im Stil einer Mini-IAA wird angesichts der Sparzwänge sicher kein Aktionär oder Journalist vermissen. Quelle: dpa
GehälterDer Aufschrei kam prompt: Die zu erwartenden Einschnitte dürfen nicht zulasten des kleinen Mannes gehen. Dass der kleine wie der große Mann bei VW künftig weniger in der Tasche haben wird, ist realistisch. Auffallen wird dies bei den Vorständen, die zuletzt ein Festgehalt zwischen einer und zwei Millionen Euro pro Jahr hatten. Durch eine variable Vergütung kam Ex-Chef Martin Winterkorn 2014 auf ein Gesamtsalär von 15,8 Millionen Euro. Andere Mitglieder im Vorstand verdienten um die sieben Millionen Euro. Bei allem dürfte in diesem Jahr mangels Erfolg weit weniger herauskommen. Quelle: dpa
Das große und das kleine LeidenAuch das Gros der Belegschaft wird leiden müssen. Eine Ergebnisbeteiligung von 5900 Euro bekam jeder Mitarbeiter für das vergangene Jahr bei VW, dazu zwölf Gehälter und ein kleines Urlaubsgeld. Da ein Verlust droht, gibt es die gewohnte Ergebnisbeteiligung quasi nur als Goodwill. Die 1545 Euro, die es immer im November gab, sollen jedoch gezahlt werden. Einsparungen in Milliardenhöhe sind möglich. Quelle: dpa
SponsoringBeim Pokalfinale 2015 demonstrierte der Volkswagen-Konzern seine ganze Fußballmacht: Nicht nur, weil der Werksclub VfL Wolfsburg am Ende den Titel gewann, sondern auch weil selbst der Gegner Borussia Dortmund mit einen VW-Logo auf dem Ärmel auflaufen musste. Der Konzern ist nämlich auch Sponsor des gesamten Wettbewerbs. Mit dem Ausbruch des Abgasskandals soll das Pokal-Sponsoring nun auf den Prüfstand gestellt werden. Der VfL Wolfsburg hat den angedachten Neubau des Nachwuchsleistungszentrums vorerst gestoppt. „Ich denke, es ist zu verstehen, dass man das jetzt zumindest erstmal aussetzt“, bestätigte VfL-Geschäftsführer Klaus Allofs. Bis zu 40 Millionen Euro sollte das Projekt an der Wolfsburger Dieselstraße kosten. „Wir waren noch lange nicht soweit, dass man hätte sagen können, das Projekt wird umgesetzt. Aber natürlich ist das derzeit nicht der Moment zu investieren. Da muss man Vernunft walten lassen“, erläuterte Allofs die Entscheidung, die die VfL-Geschäftsführung gemeinsam mit dem Aufsichtsrat des Clubs getroffen hatte. In dem Kontrollgremium sitzen auch hochrangige Manager des VW-Konzerns. Quelle: dpa
Das Zittern der FußballerFür die Bundesliga ist das Volkswagen-Desaster indes ein Problem. Immerhin unterstützt der Konzern 21 von 36 Bundesligavereinen. Am VfL Wolfsburg, dem FC Bayern und dem FC Ingolstadt ist Volkswagen sogar direkt beteiligt. Wie stark der Sparkurs ausfallen wird, ist allerdings noch nicht klar. Die Verträge, die unter dem zurückgetretenen VW-Chef Martin Winterkorn geschlossen wurden, sind unabhängig von der Krise weiterhin gültig. Quelle: dpa

Mein viel zu kleiner Kleiderschrank war mal derartig voll gestopft, dass ich kaum mehr eine Jacke von der Stange ziehen konnte, ohne dass gleich fünf Sakkos, Hemden und Mäntel mit raus gezerrt wurden und vor mir auf den Boden sackten. Das war normal.

Aber irgendwann tat es nachts einen Schlag, die Schranktüren flogen auf und die Kleiderstange mit allem an Garderobe kippte neben das Bett. Konsequenz: Ich kaufte mir einen größeren Kleiderschrank und mistete brachial aus. Jetzt kann ich sogar wieder die Rückwand des Schrankes sehen. Aber dazu musste eben erst der Super-GAU her.

Der VW-Abgas-Skandal im Überblick

Und bei VW ist der Super-GAU, dass jetzt jeder weiß, was Volkswagen wirklich taugen. Das sollte doch nicht rauskommen. Ist es aber. Und das hat fantastische Auswirkungen: „Die Marke Volkswagen stellt sich für die Zukunft neu auf.“ So sagt das der Vorstandsvor-sitzende der Marke Volkswagen. Herbert Diess heißt der. Und damit meint er:

  1. Das Effizienzprogramm wird beschleunigt. Schneller effizient werden. Das kann doch nichts schaden. Zumal ja auf Entlassungen verzichtet werden soll. Toitoitoi.
  2. In Nordamerika und Europa kommen so schnell wie möglich nur die umwelttechnisch besten Abgassysteme zum Einsatz. Das ist die neue Dieselstrategie. Hä? Im Umkehr-schluss heißt das, bislang war Strategie: zweitklassiger Umweltschutz. Als Ingenieurskunst made in Germany. Ja, Kinners, dass uns das imagemäßig irgendwann auf die Pfoten fällt, das hätte ich Ihnen gleich sagen können.
  3. Der Phaeton - also dieser Luxus-Liner, der aussieht wie ein Passat - der soll zukünftig nur noch mit Elektromotor gebaut werden. Aha! Mit anderen Worten: Jetzt, da VW mit spitzem Bleistift rechnen muss, setzt der Konzern auf E im Luxussegment. Offenbar hat man erkannt: Angeben geht heute besser mit Innovation, als mit Wurzelholz-Optik.

Unterm Strich: Der Skandal bringt Europas größtem Autobauer mehr Geschwindigkeit, mehr Umweltfreundlichkeit und mehr Innovation. Manche müssen eben erst so richtig auf die Schnauze fallen.

Wem täte es noch gut, sich mit seinem Geschäftsmodell mal bis auf die Knochen zu blamieren? Hach, da fällt mir einiges ein…

1. Die Hersteller von gesunden Milchmahlzeiten für Kinder

Von denen lassen wir uns doch schon seit Ende des letzten Weltkriegs erzählen, dass Zucker-Fett-Doppelsprengkopf-Bomben mit einem Schluck Milch drin gut sind für die Kleinen. Das dürfen die so behaupten, natürlich nur verklausuliert. Die Milchschnitte etwa wird beworben als Snack mit Milchcreme für die Pause für Kinder. Dabei ist das Ding nichts anderes als ein Stück besonders süßer, fetter Torte. Snack heißt übersetzt aber Imbiss und ein Imbiss ist eine Zwischenmahlzeit. Eine Torte aber ist eben keine Mahlzeit.

Wir sind empört, dass uns Volkswagen so hinter das Licht geführt hat, gestatten anderen aber, Müttern mit von Werbern und Juristen perfekt verschwurbelten Werbeaussagen das gute Gefühl einzureden, ihren Kindern mit Schlickerkram in der Pause etwas Gutes zu tun. Offiziell erlaubte und gesellschaftlich tolerierte Irreführung. Das kann denen ruhig mal um die Ohren fliegen. Den gemästeten Kindern zuliebe.

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