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Winterkorn vor Abgas-Ausschuss Die fragwürdige Demut des Martin W.

Martin Winterkorn hat sein beinahe anderthalbjähriges Schweigen gebrochen. Neue Erkenntnisse brachte das nicht – aber interessante Einblicke in das eigenwillige Innenleben des Konzerns.

"Ich bin ja kein Software-Ingenieur"
Martin Winterkorn Quelle: dpa
Martin Winterkorn, ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Volkswagen Quelle: dpa
Martin Winterkorn (M), ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Volkswagen, steht, begleitet von seinen Anwälten, als Zeuge in der Sitzung des Abgas-Untersuchungsausschusses Quelle: dpa
Martin Winterkorn Quelle: dpa
An den Ausschussvorsitzenden Herbert Behrens (Linke) gerichtet: „Sie stellen nun zurecht viele Fragen. Wie konnte so etwas passieren? Und, die Kardinalfrage: Wer ist dafür verantwortlich?“ Quelle: REUTERS
Auf Behrens' Frage, wann Winterkorn erstmals vom Einsatz einer Täuschungssoftware („defeatdevice“) erfahren habe: „Sicher nicht vor September 2015. (...) Ich bin ja kein Software-Ingenieur.“ Quelle: REUTERS
Martin Winterkorn Quelle: REUTERS

In Martin Winterkorns Gesicht blitzte ein seltener Anflug von Unsicherheit auf, als er vor den Untersuchungsausschuss trat. Unzählige Fotografen und Blitzlichtgewitter sind dem 69-Jährigen vertraut – als früherer Chef des größten Autobauers der Welt stand er auf den größten Bühnen der Welt.

Doch an diesem Donnerstag war vieles anders. Nicht nur, weil Winterkorn in den letzten 16 Monaten so gut wie jede Kamera gemieden hat. Der Druck ist hoch, er muss sich in einem der größten Wirtschaftsskandale erklären – der millionenfachen Manipulation von Abgaswerten zum Schaden der Umwelt und einem jahrelangen Betrug am Kunden.

„Auch ich hätte das nicht für möglich gehalten“, sagte er. „Es ist nicht zu verstehen, warum ich nicht frühzeitig und eindeutig informiert wurde.“ Oder: „Auch ich selbst suche nach befriedigenden Antworten.“

Die besten Tweets zu Winterkorns Auftritt

Beinahe demütig gab sich Winterkorn in seiner Erklärung, bat um Verzeihung und erwähnte, wie schwer die Zeit für ihn und seine Familie gewesen sei. Das ist auch alles glaubhaft – nur trägt es zur Aufklärung des Skandals und seiner Rolle darin nichts bei.
Während der Fragerunde, die etwas mehr Licht ins Dunkel hätte bringen können, wirkten Winterkorns Aussagen aber weniger erhellend. „Ist mir nicht bekannt“, entwickelte sich zu einer seiner häufigsten Antworten. Software sei „ein komplexes Thema“. Und wenn es konkret wurde – etwa zur ersten Notiz an ihn über die Abgasprobleme im Mai 2014 – wollte er darüber „erst mit der Staatsanwaltschaft sprechen“.

Sprich: Es bleibt bei den bekannten Kernthesen. Winterkorn schwieg im Zweifelsfall unter Berufung auf die Ermittlungen der Braunschweiger Staatsanwälte.

Natürlich war es vermessen, von Winterkorn zu erwarten, dass er vor dem Untersuchungsausschuss mal eben den ganzen Skandal aufklärt, sich selbst belastet oder andere Manager öffentlich beschuldigt.

Trotzdem war der knapp zweistündige Auftritt vor dem Untersuchungsausschuss keine verlorene Zeit. Denn zwischen den Zeilen gab es einige Einblicke ins Innenleben von VW, oder zumindest Winterkorns Sicht darauf. Ein Beispiel: Anders als „in Zeitungen geschildert, gab es mit Sicherheit kein Schreckensregime bei Volkswagen“.

Die Erklärungen zu Winterkorns-Rücktritt

Kurz darauf lieferte Winterkorn selbst wieder Hinweise, wie es bei VW hinter den Kulissen zugegangen ist. Etwa als ihm die ICCT-Studie, die den Skandal ins Rollen brachte, als „Messfehler“ vorgestellt worden sei. Oder als er ein strukturelles Defizit bei VW beschrieb: „Wir legen Kriterien wie Emissionen, Verbrauch oder Kosten in Produktbeschreibungen fest. Da hätte von unserem Strategiekomitee die Meldung kommen müssen: Das ist unmöglich.“ Nach kurzer Pause ergänzte Winterkorn: „Das ist nicht geschehen.“

Am ehrlichsten wirkte Winterkorn, als er schwieg

Man kann nun über die Bezeichnung „Schreckensregime“ sicher unterschiedlicher Meinung sein, aber nach einer offenen Diskussionskultur, in der ehrlich und ohne Vorbehalte über Probleme und Herausforderungen gesprochen wird, klingt das nicht.

Warum sonst sollten unmögliche Anforderungen verschwiegen und belastende Beweise verdreht worden sein? In Zeiten, in denen die Dokumente aus den USA ein organisiertes und professionelles Vertuschen des Skandals nahelegen, zeichnen diese Einblicke kein gutes Bild vom Innenleben des Konzerns.

Und auch Winterkorn selbst hinterlässt nicht den besten Eindruck. Er scheint selbst nach anderthalbjähriger Bedenkzeit immer noch der Meinung zu sein, dass intern nichts schief gelaufen ist. Die vermutlichen Abläufe, die die US-Ermittler rekonstruiert haben, taugen für einen spannenden Hollywood-Thriller. Er, der detailversessene Chef, will davon nichts mitbekommen haben.

Am ehrlichsten wirkte Winterkorn in einer Szene, in der er schwieg: Auf die Frage, ob ihm die Diskrepanz zwischen den kleinen AdBlue-Tanks und den langen Wartungsintervallen nicht aufgefallen sei, starrte er nur in den Raum und sagte nichts. Es dürfte eine Frage sein, die er sich in den vergangenen 16 Monaten sehr oft selbst gestellt hat. Und wie es scheint, ist selbst der begnadete Techniker Winterkorn nicht zu einer zufriedenstellenden Antwort gekommen – oder zumindest zu keiner, die er öffentlich verkünden will.

Doch das sind natürlich nur „Soft Facts“. Wer auf neue, harte Fakten gehofft hatte, wurde enttäuscht. Vermutlich lag das auch am Forum des Untersuchungsausschusses, der sich vor allem um die politische Aufklärung im Berliner Parteienwesen kümmert. So kam es, dass sich Winterkorn zum Ende der Sitzung „für die faire Behandlung“ bedankte.

Von den deutschen und amerikanischen Staatsanwälten sollte er das besser nicht erwarten.



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