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„Wir fahren auf Sicht“ Chip-Mangel in der Autoindustrie: Wie schlimm wird es wirklich?

Quelle: PR

Der Engpass bei Halbleitern spitzt sich für die deutsche Industrie zu. „Wir fahren auf Sicht“, heißt es aus der Autoindustrie. Produktionsbänder stehen zeitweise still und Schadensersatzansprüche werden diskutiert.

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Seit Wochen leiden deutsche Autohersteller und Zulieferer darunter, dass sie keinen Zugriff auf die erforderliche Zahl von Halbleitern haben. Mittlerweile geht es auch um die Frage, wer für die dadurch aufkommenden Schäden zahlen muss. Der Dax-Konzern Continental baut nun mit einer juristischen Option vor. Aufgrund von Naturkatastrophen sei man „gezwungen“ gewesen, „die Höhere-Gewalt-Klausel zu erklären“, erklärte das Hannoveraner Unternehmen. In den letzten Wochen habe es eine „Reihe unvorhergesehener, bedeutender Ereignisse gegeben“, dazu zählt der Konzern das Erdbeben in Japan und den Schneesturm in Texas, die beide die Chipproduktion störten.

Conti baut durch das Ziehen der Höhere-Gewalt-Klausel unter anderem möglichen Schadensersatzansprüchen von Autobauern vor. Zuletzt stand in mehreren Autowerken die Produktion wegen fehlender Bauteile teilweise still. Bei höherer Gewalt sind Schadensersatzansprüche von Kunden meist ausgeschlossen. Zudem sähen solche Klauseln laut Continental oft die vorübergehende „Befreiung der Parteien von ihren Leistungspflichten vor“. Auch ein Kündigungs- oder Rücktrittsrecht von Verträgen sei möglich, wenn die höhere Gewalt über einen bestimmten Zeitraum anhalte.

Mangel verschärft sich einmal mehr

Damit verschärft sich das Problem einmal mehr. „Wir fahren auf Sicht. Die Situation ist volatil, es ist nicht möglich, eine Prognose zum Impact zu machen“, heißt es etwa bei Daimler. „Die Lieferschwierigkeiten betreffen die gesamte Automobilwelt“, erklärt Opel. Und Bosch gibt zu Bedenken, dass es auf dem weltweiten Beschaffungsmarkt zu einer „generellen Verknappung bei bestimmten Halbleiterbauteilen“ komme – „konkret bei Integrierten Schaltungen (ICs), beispielsweise Mikrocontrollern (MCUs) und anwendungsspezifischen Schaltungen (ASICs). Dieser Marktentwicklung kann sich auch Bosch nicht entziehen.“

Schon seit Monaten hadert die Autoindustrie mit schleppenden Lieferungen von Bauteilen, in denen Halbleiter verbaut sind. Immer wieder standen Produktionsbänder still. Auch Kurzarbeit wurde genutzt, um Engpässe abzufedern. Allein der Volkswagen-Konzern mit seinen Marken wie Audi, Porsche und Co. konnte bislang rund 100.000 Fahrzeuge nicht bauen, weil es an Halbleitern fehlte. Noch sei „nicht abzuschätzen“, wie es im Jahr 2021 am Ende aussehe. „Das hängt auch davon ab, wie schnell die Chiphersteller mit der Ausweitung der Produktion hinterherkommen“, heißt es bei Volkswagen. Man werde „alles daran setzen, die dadurch nicht gebauten Fahrzeuge im Jahresverlauf weitestgehend aufzuholen. Oberste Priorität hat dabei die Abarbeitung des hohen Auftragsbestandes.“

VW bestätigt, dass sich die Situation durch die Schneestürme in Texas verschärft habe. Dort ansässige große Chiphersteller mussten ihre Produktion einstellen oder reduzieren. Hinzu kam ein Brand im großen Chipwerk des wichtigen Lieferanten Renesas. Der legt die Produktion ebenfalls über Wochen still. „Aktuell gehen wir davon aus, dass in den kommenden Monaten die Versorgung mit Chips angespannt bleiben wird“, heißt es bei VW. Weitere Produktionsanpassungen seien „deswegen nicht auszuschließen“. Die Standorte und Marken würden die Situation aktuell „prüfen und entsprechend entscheiden“.

Ursprung der Krise war Corona. Im ersten Lockdown legten Autobauer und in der Folge auch die Zulieferer ihre Werke still. Von heute auf morgen fragten sie viel weniger Halbleiter nach. Also schwenkten die Produzenten auf andere Kunden um, die dank Homeoffice mehr Halbleiter brauchten. In der Coronakrise laufen Produkte etwa aus der Verbraucherelektronik und der Telekommunikations- und Haushaltsautomatisierung stabil oder sie wachsen sogar, weil Verbraucher Ausrüstung fürs Homeoffice kaufen oder sie es sich zuhause schön machen – mit elektronischen Produkten. Als die Autobauer schneller als gedacht wieder Bauteile mit Halbleitern nachfragten, gab es plötzlich nicht genügend. Hinzu kommen nun die Naturkatastrophen.

Jetzt arbeiten alle unter Hochdruck daran, die Probleme zu beheben. Der Volkswagen-Konzern hat eine extra dafür geschaffene Taskforce. Bei Continental tagen interne Arbeitsgruppen quasi „rund um die Uhr“ und gemeinsam mit dem Vorstand, „um sofortige Maßnahmen zu ergreifen, um die kritische Situation zu managen“. Trotz aller Anstrengungen habe man jedoch nicht vermeiden können, die Kunden zu bitten, „ihre Produktion oder ihren Produktmix anzupassen“. Teams inklusive Einkauf und Entwicklung suchen nun „permanent nach alternativen Lösungen, um das durch den Engpass entstehende Risiko zu minimieren“.

„Angespannte Lage“

Bosch arbeitet mit Hochdruck daran, die Belieferung seiner Kunden „trotz weiter angespannter Lage am Markt möglichst aufrechtzuerhalten und die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten. Wir stehen dazu im engen, täglichen Austausch mit den Kunden und unseren Zulieferern.“ Auch Daimler ist „in engem Austausch mit unseren direkten Lieferanten und den Halbleiter-Lieferanten“.

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Ob die Autobauer nicht gebaute Autos später in Sonderschichten nachholen können, ist noch nicht ausgemacht. Daimler ist aber zumindest noch optimistisch: Man gehe „nach heutigem Stand davon aus, dass wir das geplante Absatzprogramm im Jahr 2021 darstellen können, trotz bisheriger Produktionsausfälle, die wir im Laufe des Jahres aufholen“. Und auch BMW meint, dass die Versorgung der Produktionsstandorte mit elektronischen Bauteilen bisher zu keinen Produktionsunterbrechungen führte. „Wir haben das benötigte Volumen für 2021 fristgerecht bestellt und erwarten, dass unsere Lieferanten entsprechend der Bestellungen vertragsgerecht liefern.“

Die Hoffnung stirbt eben zuletzt.

Mehr zum Thema: Volvo warnt vor massiven Produktionsproblemen wegen Chipengpässen. Der Engpass bei der Chipversorgung wirkt sich massiv auf die Produktion des Lkw-Bauers aus. Die Störungen dürften auch die Ergebnisse belasten.

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