ZF-Chef Sommer "Die Zukunft des Diesels macht uns Sorgen"

Arbeitsreiche Zeiten für Stefan Sommer: Der ZF-Chef muss nicht nur den Zukauf TRW integrieren, sondern sich auch auf eine Wende in China einstellen und zudem die Folgen des VW-Skandals klein halten. Ein Interview.

Dr. Stefan Sommer über eine massiv stärkere Nachfrage nach Kleinwagen in China. Quelle: Tanja Demarmels für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche Online: Herr Sommer, spürt ZF schon die Auswirkungen des VW-Abgasskandals?
Stefan Sommer: Volkswagen ist einer unserer größten Kunden und mit einigen Milliarden Euro Umsatz von herausgehobener Bedeutung. Aktuell sind die Abrufzahlen stabil, aber VW befindet sich in einer Orientierungsphase und wir müssen abwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Was uns mehr Sorgen macht, ist die Zukunft des Dieselmotors. Ohne den erreicht die Automobilindustrie die kommenden CO2-Ziele zum Klimaschutz nicht. Wenn die aktuelle Diskussion dazu führt, dass Kunden verunsichert werden und weniger Dieselfahrzeuge kaufen, wäre das für die gesamte Autoindustrie schlecht.

Wie stark hängt ZF vom Diesel ab?
An der Dieseltechnologie selbst mit keinem Cent. Aber wenn Kunden sich entschließen, einen Autokauf aufzuschieben, liefern wir entsprechend weniger Lenkungen, Bremssysteme oder andere Produkte.

So steht ZF + TRW nach dem 1. Halbjahr 2015 da

VW muss jetzt kräftig sparen. Rechnen Sie mit einem wachsenden Preisdruck?
Der Preisdruck war schon immer hoch und kann deswegen durch den Skandal nicht signifikant wachsen. VW war bisher ein sehr verlässlicher Wachstumstreiber für uns – in allen Regionen der Welt. Das hat den Preisdruck gerechtfertigt: Mehr Lieferungen bedeutet für uns, dass wir im Preis nachgeben können.

Alle Welt wundert sich über die Tricksereien der VW-Ingenieure. Könnte das auch bei ZF passieren?
Wir haben eine eigene Unternehmenskultur und obendrein schon vor Jahren ein Hinweisgebersystem installiert, über das Mitarbeiter anonym auf Missstände im Unternehmen hinweisen können. Deshalb betrachte ich die Gefahr einer vergleichbaren Situation bei uns als sehr gering. Allerdings gilt: Ich kann nicht für jeden unserer 134.000 Mitarbeiter die Hand ins Feuer legen.

Erreichen Sie ihr Umsatzziel von 29 bis 30 Milliarden Euro in diesem Jahr?
Ja, wir werden die kommunizierten Ziele trotz der nicht einfachen Rahmenbedingungen erreichen. Denn auch für uns gibt es derzeit Licht und Schatten. Vor fünf bis sechs Jahren redeten Analysten die angeblich gesättigten Märkte wie USA und Europa tot, heute findet gerade dort das Wachstum statt. Gleichzeitig gibt es weniger Wachstumsdynamik in China, wobei die Marktentwicklung immer noch positiv ist.

Die zehn größten deutschen Autozulieferer
Platz 10: EberspächerUmsatz 2014: 3,60 Milliarden Euro Das aus Esslingen am Neckar kommende Familienunternehmen zählt zu den weltweit führenden Systementwicklern und -lieferanten für Abgastechnik, Fahrzeugheizungen und Klimasysteme Quelle des Rankings: Berylls Stretagy Advisors Quelle: dpa
Platz 9: BroseUmsatz 2014: 5,17 Milliarden Euro Aus Coburg kommen die Sitzsysteme, Türmodule, Fensterheber und Schließsysteme von Brose. 22.000 Menschen arbeiten für das Familienunternehmen, das bereits seit 1908 existiert. Quelle: Presse
Platz 8: HellaUmsatz 2014: 5,18 Milliarden Euro In Lippstadt in Nordrhein-Westfalen produziert Hella mit rund 29.000 Mitarbeitern Licht- und Elektroniksysteme für den Fahrzeugbau, wie hier die LED-Scheinwerfer für eine Mercedes E-Klasse. Das Unternehmen blickt auf eine lange Historie zurück. Der Grundstein wurde bereits 1899 gelegt. Quelle: Presse
Platz 7: Benteler AutomobiltechnikUmsatz 2014: 5,87 Milliarden Euro Fahrwerkteile, Abgassysteme, Umformtechnik und Rohre – das sind die Komponenten, die Benteler Automobiltechnik mit weltweit rund 20.850 Mitarbeitern entwickelt und produziert. Zum 1. September 2014 hat Benteler zwei Teilbetriebe aus der insolventen Wilco Wilken Lasertechnik übernommen, um seine Kompetenz in diesem Bereich zu verstärken. Quelle: Presse
Platz 6: SchaefflerUmsatz 2014: 8,89 Milliarden Euro Von Herzogenaurach aus schickt Schaeffler seine weltberühmten Wälzlager, aber auch Motoren- und Getriebeelemente, sowie Kupplungs- und Antriebstechnik rund um den Globus. Schaeffler übernahm 2008 Continental und bürdete sich damit einen riesigen Schuldenberg auf, den das Unternehmen in den nächsten Jahren nur mühsam abstottern konnte. Die Schaeffler-Gruppe hat rund 76.000 Mitarbeiter. Quelle: REUTERS
Platz 5: ThyssenKruppUmsatz 2014: 9,72 Milliarden Euro Der Stahlkonzern aus Essen verdient an der Automobilindustrie mit dem Verkauf von Karosserieteilen, Fahrwerksmodulen, Antriebssträngen, Lenksystemen und Aufhängungen. Im Bild die Achsmontage an einem Smart Fortwo. Insgesamt arbeiten 157.000 Menschen für ThyssenKrupp. Quelle: Presse
Platz 4: MahleUmsatz 2014: 9,98 Milliarden Euro Die Stuttgarter beliefern Autobauer weltweit mit Kolben, Lagern, Ventiltrieben, Filtersystemen, Turboladern und Klimaanlagen. Rund 65.000 Menschen arbeiten für das Traditionsunternehmen, das 1920 gegründet wurde. 2010 fusionierte Mahle mit dem Klimaanlagenbauer Behr und stieg damit damals unter die Top 4 der größten deutschen Automobilzulieferer auf. Quelle: dpa
Platz 3: ZF FriedrichshafenUmsatz 2014: 16,19 Milliarden Euro Der Zulieferer vom Bodensee lässt er derzeit richtig krachen. Für umgerechnet 9,6 Milliarden Euro übernimmt der Spezialist für Getriebe- und Lenksysteme den amerikanischen Konkurrenten TRW-Automotive, der 2013 einen Jahresumsatz von 17,4 Milliarden Dollar erzielte. Damit strebt ZF die größte Übernahme durch ein deutsches Unternehmen seit der Finanzkrise an. TRW fertigt in erster Linie Sicherheitsprodukte wie Airbags, Gurte, Brems- oder Fahrerassistenzsysteme und ergänzt damit ZF perfekt. Das US-Unternehmen TRW soll als separater Geschäftsbereich im ZF-Konzern geführt werden. Da es keine Überschneidungen gebe, blieben alle Standorte erhalten, erklärte ZF-Chef Stefan Sommer. Die Transaktion wurde im Mai 2015 abgeschlossen. Bisher arbeiten rund 72.000 Menschen für ZF, dazu kommen weitere 65.000 von TRW. Zu den knapp 16,2 Milliarden Euro Umsatz von ZF kommen künftig noch die 14,4 Milliarden Euro von TRW hinzu – womit ZF auf einen Schlag in der Top-Liga mitspielt. Quelle: dpa
Platz 2: BoschUmsatz 2014: 33,3 Milliarden Euro Der Stuttgarter Technologiekonzern stellt nicht nur Kühlschränke und Bohrmaschinen her. Kerngeschäft sind Komponenten für die Automobilindustrie wie Einspritzsysteme, Fahrwerke, Energieversorgungs- und Navigationssysteme. Für den Gesamtkonzern arbeiten weltweit über 280.000 Menschen. 2015 dürfte der Umsatz deutlich höher ausfallen: Wegen des ZF-TRW-Deals hat Bosch den Friedrichshafenern die Anteile am Gemeinschaftsunternehmen ZF Lenksysteme abgekauft. Als jetzt 100-prozentige Bosch-Tochter trägt die Lenkungssparte nochmals rund vier Milliarden Euro Umsatz bei. Quelle: dapd
Platz 1: ContinentalUmsatz 2014: 34,5 Milliarden Euro Der Konzern mit Sitz in Hannover stellen neben Reifen und Sicherheitssysteme auch Bremsanlagen und Türsysteme her. Etwa 180.000 Menschen arbeiten für Continental. Seit 2008 ist Continental Teil der Schaeffler-Gruppe. Quelle: dpa

War es falsch, so forsch wie Sie in die Elektromobilität zu gehen?
Nein. Wir bei ZF waren die ersten, die in Europa Elektromotoren für Hybridfahrzeuge gebaut haben. Und wir beliefern zum Beispiel BMW mit Getrieben für Plugin-Hybridautos. Unsere neu gegründete Division E-Mobility bündelt ab Januar alle Aktivitäten im Konzern. Bereits jetzt machen wir mit der E-Mobilität gute Umsätze, haben die Gewinnschwelle aber noch nicht erreicht.

Wie viel Umsatz erwarten Sie sich in fünf Jahren?
Wir erwarten ein kontinuierliches Umsatzwachstum und erleben, dass dieses Thema langsam, aber stetig Fahrt aufnimmt.

Lässt sich die deutsche Autoindustrie nicht zu viel Wertschöpfung bei den E-Autos abnehmen, weil sie nicht in der Lage ist, eine Batterieproduktion in Deutschland aufzubauen?
Nein, denn der Markt müsste immens anziehen, damit sich eine Batteriefabrik in Deutschland rechnen würde. Es gibt heute schon gigantische Überkapazitäten in Asien, die zu einem beinharten Preiskampf geführt haben. In den USA werden viele Unternehmen kräftig subventioniert – siehe Tesla. Solche Stimuli fehlen uns in Europa.

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