Zulieferer in der Ukraine „Löhne zahlen wir jetzt alle zwei Wochen und in bar”

Das Prettl Group Werk AEU (Automotive Electric Ukraine) in Chernivtsi, Ukraine. Quelle: PR

Der Autozulieferer Prettl SWH produziert in der Ukraine. Günther Ungericht leitet die Region EMEA und erzählt vom Leben zwischen Bunker und Arbeitsplatz, der neuen Bezahlung in bar, der Abhängigkeit der Autobauer von Prettl und der ungeheuren Willenskraft seiner Mitarbeiter, ein Teil der europäischen Lieferkette zu bleiben.

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WirtschaftsWoche: Herr Ungericht, Prettl SWH produziert im Süd-Westen der Ukraine Spezialkabel für die Autoindustrie. Wie ist die Lage vor Ort?
Günther Ungericht: Obwohl es im Süd-Westen kaum Kampfhandlungen gibt, so ertönt dennoch an vielen Tagen der Fliegeralarm. In der Spitze mussten unsere Mitarbeiter innerhalb von 24 Stunden neun Mal Schutz in den Bunkern suchen. Auch nachts gibt es oft Bombenalarm. Dann müssen die Menschen ihre Kinder aus dem Schlaf reißen und in die Bunker oder den Keller gehen. Das zehrt an den Nerven. Bis dato haben wir keine Nachtschichtarbeit, die belastend vor allem für Mütter hinzukommen würde. Zudem sind zumindest in der Stadt Kamianets-Podilskyi, wo eines unserer beiden Werke steht, 50.000 Flüchtlinge aus dem hart umkämpften Osten der Ukraine untergekommen. Der Ort hatte vorher knapp 100.000 Einwohner. In der Stadt Chernivsti, in der ein weiteres Werk steht und die nah an der rumänischen Grenze liegt, sind bis zu 150.000 Menschen geflohen, hier lag die Bevölkerung vor dem Krieg bei circa 250.000 Einwohnern.

Können Sie unter diesen Umständen denn produzieren?
Ja. Die Infrastruktur ist in beiden Städten voll intakt. Strom, Gas, IT, alle notwendigen Versorgungsmedien sind im Gange. Zwei bis drei Lkw pro Woche mit Zulieferteilen für unser Werk in Kamianets-Podilskyi gehen ins Land rein, drei bis vier mit unserer Ware raus. Wir produzieren derzeit in über 80 Prozent der Wochenstunden unsere Produkte, die wir vor dem Krieg geliefert haben. Am Tag nach Kriegsausbruch haben unsere Mitarbeiter gefragt, ob sie arbeiten können – und über 80 Prozent kamen zur Arbeit. Aktuell sind es sogar 95 Prozent, die täglich arbeiten. Der Job hilft ihnen dabei, ein Stück Normalität zu wahren – und unsere Mitarbeiter wollen zeigen, dass die Ukraine ein wichtiger Teil der Lieferkette bleibt. Wer arbeitet, der kämpft auch um die Zukunft des Landes. Wir sind sehr dankbar, dass auch unsere Kunden den eingeschlagenen Weg vollumfänglich unterstützen. Sie wollen weiter Produkte aus der Ukraine abnehmen, solange es geht. Ich bin begeistert, dass unsere Mitarbeiter weiter zur Arbeit kommen und sogar fragen: Wie viel Arbeit haben wir diese Woche? Ich glaube uns fehlt die Vorstellungskraft, was die Menschen da aktuell durchmachen.

Haben Sie denn eigene Bunker?
Zum Glück ja. Unsere Gebäude sind aus den Achtzigerjahren, als der Kalte Krieg noch präsent war. Wir haben die Bunker gleich zu Anfang wieder begehbar gemacht, haben die Einrichtung ausgetauscht, die Lüftung wieder angeschlossen. Die Bunker haben eine eigene Energieversorgung mittels Notstromaggregaten mit Dieseltanks, damit alle notwendigen Funktionen weiter betrieben werden, falls die externe Energiezufuhr ausfallen sollte. Man kann dort unten sogar duschen und es gibt natürlich Toiletten. Zum Glück können die Menschen meist schon nach 20 bis 30 Minuten wieder raus und können zurück an ihren Arbeitsplatz.

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Wie wichtig sind Ihre Werke für die Automobilhersteller?
In unserer globalen Automotive Division machen wir über 350 Millionen Euro Umsatz – davon 100 Millionen in Europa und wiederum davon 40 Millionen in der Ukraine. Die Ukraine macht also 40 Prozent unseres europäischen Geschäfts aus. Aus dem Land beliefern wir die Kunden, die ihre Produkte mit unseren Kabeln darin als Systeme direkt an die Automobilhersteller liefern. Unsere Kunden sind vorwiegend Tier-1-Lieferanten (Anm. d. Red.: Ein Fachbegriff für die Stellung in der Wertschöpfungskette von dem englischen Wort „tier“, zu deutsch: „Ebene“)

Tier 1 sind die großen Zulieferer wie Bosch oder Continental, die dann direkt an die OEMs, also die Autohersteller, liefern…
Genau. Aber es gibt trotzdem Automobilhersteller, die zu 100 Prozent an uns hängen. Bei einem großen nicht-deutschen OEM etwa wird ohne unsere Kabel kein einziges Fahrzeug eines bestimmten Modells vom Band laufen, denn dort agieren wir als verlängerte Werkbank eines großen Tier-1-Unternehmens und haben 100 Prozent der Aufträge für diese speziellen Kabel. Pro Produktfamilie liefern wir jedes Jahr mehrere Millionen Teile – und die gehen über die Tier-1-Zulieferer letztendlich zu fast allen europäischen OEMs.

Viele Automobilhersteller haben gerade Kurzarbeit, weil Teile fehlen. An welchen Bandstillständen waren Sie denn bislang schuld? 
An keinem einzigen. Wir haben nicht einen Bandstillstand verursacht, da wir ab Tag 1 weitergearbeitet haben. Im Gegenteil: Aktuell stellen wir sogar in beiden Werken Mitarbeiter ein. Denn unsere Kunden wollen nun verstärkt Bestände in ihren Lagern aufbauen, um im Notfall ein paar Tage überbrücken zu können. Und einen großen Teil unserer Kabel kann man tatsächlich bevorraten.

Wie viele Menschen stellen Sie ein?
In Chernivtsi sind es 30 Mitarbeiter in der Woche, in Summe wollen wir mindestens 150 zusätzliche Mitarbeiter rekrutieren. In Kamianets-Podilskyi stellen wir 20 Mitarbeiter pro Woche ein – insgesamt sind mindestens 80 neue Mitarbeiter vorgesehen. Vorübergehend verstärken sogar die ukrainischen Flüchtlinge aus dem Osten nun den Arbeitsmarkt im Westen. Zugegeben: Rund 100 der ursprünglich 2200 Mitarbeiter sind aktuell nicht bei uns – sie sind geflohen oder vom Militär eingezogen worden.

Was mussten Sie seit Ausbruch des Krieges verändern?
Löhne zahlen wir nun alle zwei Wochen und in bar. So ersparen wir den Mitarbeitern den Gang zur Bank, da Bargeld vor allem in den ersten Wochen nach Kriegsbeginn rar war. Anfangs bildeten sich ja auch vor den Supermärkten lange Schlangen und das Benzin an den Tankstellen wurde knapp. Da half das Bargeld. Was die Schichten betrifft, so mussten wir uns anpassen. Von 21 bis 6 Uhr herrscht nun eine Ausgangssperre. Wir können daher nicht mehr wie zuvor von 6 bis 22 Uhr produzieren. Aber unsere Mitarbeiter sind sehr flexibel und bereit, nun auch samstags zu arbeiten. So können wir 82 Prozent der ursprünglichen Arbeitszeit abdecken. In einer Woche haben wir mal wegen besonders vieler Fliegeralarme Zeit verloren. Wir konnten da nicht so viel produzieren, wie geplant. Einige Mitarbeiter haben dann sogar freiwillig an einem Sonntag gearbeitet, um das aufzuholen. Es ist unglaublich, welche Moral unsere Mitarbeiter zeigen und wir sind unseren Teams sehr dankbar dafür.

Trotzdem müssen Sie sich auf den Ernstfall vorbereiten, oder? 
Natürlich, das verlangen schon unsere Kunden. Wir nennen das Verdoppeln. Das heißt wir bauen – allein für den Ernstfall – vergleichbare Produktionslinien in anderen Ländern wie Ungarn, Marokko, Mexiko und China auf. Trotzdem haben wir noch keine einzige Produktionslinie aus der Ukraine rausgebracht. Denn wir wollen den Menschen nicht die Arbeit und damit ihre Zukunft nehmen. Zudem sind die Kosten an den anderen Standorten deutlich höher. Unsere Kunden werden also alleine deswegen immer ein Interesse daran haben, Produkte aus der Ukraine zu bekommen. Wir weichen also nur auf andere Standorte aus, wenn das unbedingt notwendig sein sollte. Wir fühlen uns unseren Mitarbeitern in der Ukraine massiv verpflichtet!

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Wie helfen Sie Ihnen noch?
An unserem Hauptsitz in Pfullingen haben wir 300 Pakete mit Hilfsgütern für das ukrainische Volk gesammelt, gepackt und an Hilfsorganisationen übergeben. Zusätzlich wurden weitere 100 Kartons speziell für unsere Mitarbeiter in den Werken zusammengestellt. Gefragt sind derzeit vor allem Medikamente wie Schmerzmittel und auch Hustensaft für Kinder. Kein Wunder, wenn sich die Menschen immer wieder in feuchte und kalte Keller und Bunker zurückziehen müssen.

Lesen Sie auch: Es rühre ihn „fast zu Tränen“, wie die Autozulieferer in der Ukraine „mit den wenigen Leuten, die noch vor Ort sind“, versuchten, die Produktion aufrechtzuerhalten, sagte Audi-Chef Markus Duesmann kürzlich. Wie das beim Kabelbaumlieferanten Leoni konkret aussieht, erzählt Chef Aldo Kamper.

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