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Autobauer Abgang des GM-Chefs freut die Opelaner

Die US-Regierung hat den Chef des Autobauers General Motors abgesägt und fordert einen überarbeiteten Sanierungsplan. Die Entscheidung über deutsche Staatshilfen für die Tochter Opel dürfte sich damit verzögern. Dennoch freut sich die Belegschaft.

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Der Chef des von der Pleite Quelle: dpa

Vor dem morgigen Besuch der Bundeskanzlerin Angela Merkel bei Opel in Rüsselsheim wachsen die Erwartungen der Belegschaft an die Politik. Positive Zeichen kommen aus den USA, wo der Chef des Mutterkonzerns General Motors (GM), Rick Wagoner, auf Druck der US-Regierung seinen Hut nehmen muss. Allerdings bekommt der GM-Konzern nur noch eine letzte Gnadenfrist von 60 Tagen, um ein finales Rettungskonzept auf die Beine zu stellen.

Ohne noch drastischere Einschnitte als bisher will die Regierung keine weiteren Finanzspritzen bewilligen und notfalls eine Pleite des Herstellers riskieren. Das geht aus von US-Medien am Montag veröffentlichten Dokumenten der Regierung hervor.

Als erste Bedingung für neues Geld musste Wagoner seinen Sessel räumen. Er wird ersetzt durch den bisherigen Vize und früheren Europa-Chef Fritz Henderson. Aus Regierungskreisen verlautete, man wolle einen Großteil des GM-Führungsgremiums in den nächsten Monaten austauschen.

Bundesregierung hat sich noch nicht entschieden

Nun müssen GM und auch Chrysler ihre Rettungspläne überarbeiten. Während Chrysler seinen Plan binnen 30 Tagen vorlegen muss, bekommt GM eine doppelt so lange Gnadenfrist. Bis zur Vorlage der endgültigen Pläne erhalten die zwei Hersteller eine  Übergangsfinanzierung, um eine drohende sofortige Pleite zu vermeiden. US-Präsident Barack Obama will die Maßnahmen offiziell am späten Nachmittag vorstellen.

Von weiterer Unterstützung für GM hängt auch die Position der Bundesregierung über eine Hilfe für Opel ab. Bis sich die Bundesregierung auf etwaige Staatshilfen einigt, wird es also wahrscheinlich noch dauern. „Wir haben eine Entscheidung in den USA, dass jetzt noch einmal der Opel-Mutter General Motors 60 Tage gewährt werden“, sagte Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg heute in Berlin. Diese Frist werde die Bundesregierung nutzen, um „weiter an Lösungen zu arbeiten“.

Weiterhin gelte, dass die deutsche Entscheidung maßgeblich mit der in den USA über die Zukunft von GM zusammenhänge. Es könnte zwar sein, dass in Abstimmung mit der US-Seite relativ schnell gehandelt werden könne, es könne aber auch sein, dass die 60 Tage-Frist ausgeschöpft werde.

Opel-Betriebsrat hofft auf neuen GM-Chef

„Wir wollen helfen, wo man helfen kann“, sagte Guttenberg. Zur Frage, ob die offenen Punkte für die Regierung im Opel-Konzept inzwischen befriedigend beantwortet worden sind, sagte er: „Ich glaube, dass die kommenden Wochen durchaus noch zur Optimierung zur Klärung der Kriterien für Staatshilfen genutzt werden könnte.“ Es sei ein „interessanter Gesichtspunkt“, dass durch die Abwrackprämie und dem durch sie ausgelösten Boom noch einmal Liquiditätsspielräume bei Opel geschaffen wurde. Das seien Spielräume, die das Unternehmen entsprechend nutzen sollte.

Auch wenn die weitere Entwicklung für GM und Opel ungewiss bleibt, zumindest Wagoners Abgang sorgt beim Opel-Betriebsrat für Erleichterung. „Ich habe mich immer gewundert, wie lange sich jemand halten kann, der den Unternehmenswert von GM um 90 Prozent gemindert hat“, sagte Opel-Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz. Wagoner habe Milliarden verbrannt. An den Opel-Plänen, die unter anderem eine Abkopplung von GM und die Gründung einer eigenständigen europäischen Gesellschaft vorsehen, ändere sich durch den Wechsel an der GM-Spitze aber nichts.

Franz unterstrich die Hoffnung der Opelaner auf eine bessere Geschäftspolitik unter Wagoner-Nachfolger Henderson. „Henderson kennt Europa sehr gut, wir arbeiten in einem offenen und guten Dialog miteinander.“ Anders als Wagoner wisse der 50-jährige Henderson als ehemaliger Chef der GM-Europa-Tochter bestens über Opel Bescheid. „Henderson hat die wenigste Zeit seiner Karriere in den USA verbracht“, betonte Franz.

Henderson sei zwar kein einfacher Partner, aber berechenbar. „Und er hält sich an Abmachungen.“ Deshalb hatte sich Franz Ende Januar an den bisherigen Konzernvize Henderson und nicht an Wagoner gewandt, als er in Detroit erstmals für seinen Plan einer Herauslösung Opels aus dem Mutterkonzern warb. Auch GM-Europa-Chef Carl-Peter Forster habe sehr guten Kontakt zu Henderson.

„Wagoner steht für ein zentralistisches System, das nun implodiert ist“, sagte Franz. Am Opel-Stammsitz Rüsselsheim wird GM seit Jahren unter anderem vorgeworfen, ohne Rücksicht auf die Wünsche und Ansprüche europäischer Autofahrer nach Gutsherrenart über die Modellpolitik von Opel zu entscheiden.

Nach dem Rückzug Wagoners auf Drängen der US-Regierung mahnt Franz nun auch in Europa Wechsel im Management an. „Auch hier gibt es eine Reihe von Pharisäern“, sagte Franz und forderte, dass in den Führungsetagen endlich aufgeräumt werde. Namen nannte derBetriebsratschef, der als Strippenzieher bei Opel und GM Europa gilt, nicht.

Hohe Erwartungen an Kanzlerin Merkel

Vor Merkels morgigen Besuch in Rüsselsheim forderte Franz einen Paradigmenwechsel. „Die Bundesregierung muss endlich sagen, wir wollen helfen und die USA müssen die Produktionsstätten freigeben“, sagte Franz. GM hatte Fabriken und Patentrechte im Zuge der Finanzhilfe aus Washington an die USA verpfändet.

Die Erwartungen an den Besuch der Kanzlerin, die vor über 3000 Mitarbeitern in Rüsselsheim sprechen wird, sind bei Belegschaft und Politik enorm groß. „Dass die Kanzlerin in diesen schwierigen Zeiten Opel in Rüsselsheim besucht, ist für uns in doppelter Hinsicht wichtig. Der Besuch sendet ein deutliches Signal, dass die Menschen bei Opel auf Solidarität zählen können und er gibt uns Gelegenheit, die Zukunftsfähigkeit von Opel deutlich zu machen“, sagte Franz.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers sieht die Chancen für eine Rettung des Automobilbauers Opel steigen. Er sprach davon, dass neue Bewegung in die Bemühungen zum Erhalt des angeschlagenen Autokonzerns gekommen sei. Mit Blick auf den Besuch der Bundeskanzlerin in Rüsselsheim sagte Rüttgers: „Ich glaube, dass die Kanzlerin am Dienstag sagen kann, dass eine gute Chance besteht, Opel zu retten.“

Müntefering notfalls auch für Staatsbeteiligung

Als Gründe für seinen Optimismus nannte Rüttgers den Wagoner-Rücktritt. Er verwies auch auf das Gespräch von Merkel mit dem amerikanischen Präsidenten Obama am vergangenen Donnerstag. Rüttgers räumte aber ein, dass es noch viel Arbeit bedürfe. Es sei nicht so, dass die Sache bereits in trockenen Tüchern sei.

Auch die Ministerpräsidenten von Niedersachsen und Baden-Württemberg, Christian Wulff und Günther Oettinger (beide CDU), sprachen sich grundsätzlich für Hilfen für Opel aus. Diese müssten aber in Form von Staatsbürgschaften gewährt werden.

SPD-Chef Franz Müntefering plädierte hingegen erneut dafür, Opel notfalls auch mit einer Staatsbeteiligung zu retten. „Wenn man will, dass dieses wichtige Unternehmen in Deutschland und Europa bestehen bleibt, dann darf man das zeitweise auch nicht ausschließen“, sagte Müntefering. Zunächst müsse aber weiter versucht werden, Investoren für den Autobauer zu finden. Dies wäre die bessere Lösung.

Müntefering äußerte die Hoffnung, dass Bundeskanzlerin Merkel in Rüsselsheim ein klares Signal gebe: „Wir wollen Bedingungen schaffen, dass Opel Europa zustandekommen und auch leben kann.“ Die neuesten Nachrichten aus den USA würden in eine gute Richtung zeigen.

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