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Autobauer Die Gewinner und Verlierer des Opel-Kurswechsels

Mit dem Verzicht auf die geforderten Subventionen für Opel sorgt General Motors fast nur für verbrannte Erde. Bei so viel Genasführten wird es schwer, zerstörtes Ansehen zurückzugewinnen. Wer profitiert - und wer weiter kämpfen muss.

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Angela Merkel: Total blamiert

Eine Deutschland-Fahne vor dem Quelle: dpa

Die Bundesregierung werde Opel unterstützen, „wo immer das nötig ist“. Dieser Treueschwur von Kanzlerin Angela Merkel im März 2009 war Balsam für die geschundenen Seelen der Opelaner. In gelben „Wir sind Opel“-T-Shirts bejubelten sie die Regierungschefin bei ihrem Besuch am deutschen Stammsitz in Rüsselsheim. Kurz vor der Bundestagswahl im Herbst 2009 durfte sich die Christdemokratin dann auf dem Opel-Stand der Internationalen Automobil Ausstellung in Frankfurt gar als Retterin feiern lassen.

Opel würde mit milliardenschweren Staatshilfen sowie dem Einstieg des kanadisch-österreichischen Zulieferers Magna und der russischen Sberbank ein eigenständiger deutscher Autohersteller werden. So dachte sich das Merkel über lange Zeit.Doch Merkel denkt, General ‧Motors (GM) lenkt. Nur wenige Wochen später reißt die Opel-Konzernmutter in den USA das Steuer herum. Die neuen Machthaber an der Spitze des taumelnden Autoriesen wollen Opel plötzlich nicht mehr verkaufen. Die Sanierungskonzepte der Investoren und die Hilfsbereitschaft der Steuerzahler vor Augen, fühlen sich die GM-Bosse auf einmal in der Lage, Opel selber zu sanieren. Damit beginnt für Merkel, ohne dass sie es ahnt, der zweite Akt eines Spiels, an dessen Ende sie total blamiert dasteht. Denn nun macht GM ihr weis, ohne Milliardenbürgschaften der Staates Opel nicht retten zu können. Die Kanzlerin glaubt das, signalisiert GM sogar ein Machtwort, das die ablehnende Haltung der FDP in den Wind schlägt.Als am vergangenen Mittwoch das „Nein, lieber doch nicht, wir machen’s allein“ aus Detroit kommt, ist Merkel die gescheiterte Mutter Courage der Opel-Tragödie. So schnell wird sie wohl keinem Unternehmen mehr, das den Staat um Hilfe bittet, zur Seite eilen. Auch dann nicht, wenn die Hilferufe berechtigt sind.

Peter Forster: Geschasst

Über acht Jahre lang mühte sich der ehemalige BMW-Vorstand Carl-Peter Forster an der Spitze von Opel und GM Europa. Er versuchte, demMutterkonzern in Detroit Geld und Eigenständigkeit abzuringen und mit guten Autos das miese Image des Opel-Blitz aufzupolieren. 2009 sah es so aus, als bekäme Opel mit neuen Modellen wieder Oberwasser.

Forster witterte die Chance, nach einer Abnabelung von der Konzernmutter GM Chef eines selbstständigen Autobauers Opel zu werden. Doch nach viel Hin und Her wollte sich GM nicht mehr von Opel trennen. Weil Forster die Ablösung offen befürwortet hatte, musste er gehen. Der 56-Jährige leitet heute den indischen Autokonzern Tata.

Opel-Belegschaft: Verunsichert

Der Zickzack-Kurs von GM hat den Opelanern klargemacht, wo sie arbeiten: Bei einem Konzern, der anders als etwa der Rivale Ford lieber um Staatshilfen pokert, als aus eigener Kraft zu überleben. Seit Jahren wird die Belegschaft von roten Zahlen in Detroit und Rüsselsheim in Atem gehalten. Als das Missmanagement der GM-Oberen offenkundig wurde, flüchteten sie sich in das Konkursrecht und die Hand des Staates: Mit rund 50 Milliarden Dollar mussten die amerikanische Steuerzahler GM 2009 vor dem Aus bewahren. Und nun sollen Bürgschaften für Opel auf einmal nicht mehr nötig sein? Die Verunsicherung der Opelaner geht weiter.

Frank Stronach: Geplatzter Lebenstraum

Frank Stronach, der Gründer und Chef des kanadisch-österreichischen Autozulieferers Magna, wollte es 2009 noch einmal wissen: Mit dem Kauf von Opel wollte der Aufsteiger, der aus einer Garagenfirma einen Konzern mit über 70 000 Mitarbeitern geformt hatte, endlich selber Autos bauen. Nicht dass der Selfmade-Milliardär gleich zusammenbricht, wenn er nach den Sternen greift und keinen erwischt. Er scheiterte 2007 beim Versuch, den US-Autobauer Chrysler zu übernehmen. Er führte auch den Fußballclub Austria Wien nicht wie erhofft in die Champions League. Eine so teure Niederlage wie bei Opel hat Stronach aber wohl noch nie erlitten. Mit einem Team von rund 100 Magna-Managern und zig Anwälten hatte er die deutsche Politik, die russische Autoindustrie und dem Anschein nach auch GM auf seine Seite gebracht – um dann zu erfahren, dass der US-Autokonzern seine Tochter gar nicht verkaufen möchte. Bis zu hundert Millionen Euro könnte ihn das Abenteuer gekostet haben, dazu seinen Lebenstraum. Im Sommer will der 77-Jährige seinen Abschied als Unternehmer einleiten und die Stimmrechtsmehrheit bei Magna abgeben.

Wladimir Putin: Verhöhnt

Am Ende war Wladimir Putin richtig sauer: Der Umgang sei „höhnisch“, polterte Russlands Ministerpräsident, als GM den Verkauf seiner Tochter Opel an Magna und die staatliche russische Sberbank im November 2009 platzen ließ. Putin hatte das riskante Investment befördert, um mit westlichem Know-how den maroden russischen Autobauer Gaz aufzumöbeln. Wenn Putin will, kann er nun GM das Leben im Wachstumsmarkt Russland schwermachen.

Ministerpräsidenten: Tief beleidigt

Um ordnungspolitische Grundsätze scherten sich die Ministerpräsidenten der Bundesländer mit Opel-Fabriken nicht sonderlich. SPD-Mann Kurt Beck und seine CDU-Kollegen Roland Koch, Christine Lieberknecht und Jürgen Rüttgers ging es immer nur um eines: um Jobs, Jobs, Jobs. Da war ihnen fast jede staatliche Hilfe recht. Also sprangen sie nach dem Nein von Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle sofort in die Bresche beziehungsweise Opel bei und boten eine Erhöhung der bereits zugesagten Landesbürgschaften. Damit stehen sie nun wie begossene Pudel da. Er habe seine Hilfe „nicht aufdrängen“ wollen, meinte Hessens Ministerpräsident Koch beleidigt, als Opel das Geld auf einmal nicht mehr wollte. Einziger Trost: Dass Opel die Landesfürsten so lange zappeln ließ, hat sich für diese wenigstens wirtschaftlich gelohnt. Sie können die in Aussicht gestellten dreistelligen Millionenbürgschaften nun für Sinnvolleres bereitstellen.

Rainer Brüderle: Gefühlter Sieg

Jetzt nicht überdrehen, denkt sich Rainer Brüderle. Die Kanzlerin durch Triumphgeheul zu demütigen, das würde sich rächen. Also bleibt der Wirtschaftsminister ruhig, gibt nüchterne Erklärungen ab – und freut sich im Stillen. Denn mit dem Rückzug des Antrags auf Staatshilfe für Opel lässt GM Brüderle wie einen Sieger dastehen. Nicht die Regierungschefin, nicht ein beachtlicher Teil der Öffentlichkeit, nicht vier Ministerpräsidenten sehen sich nun bestätigt. Nein, er kann sich als einer fühlen, der dem Steuerzahler ein Milliardenrisiko erspart hat. Ihn hat GM in seinem Nein zu Staatshilfen für Opel bestätigt und nicht die anderen. Brüderle begibt sich möglichst nur in Schlachten, die er gewinnen kann. Dass GM ihm nun eine drohende Niederlage durch das heraufziehendes Basta der Kanzlerin ersparen würde, ahnte er nicht.

Opel-Image: Ramponiert

Das größte Opfer der monatelangen GM-Kapriolen ist die Marke Opel. Der Marktanteil der Autos mit dem Blitz hat sich in Deutschland in den vergangenen 15 Jahren ohnehin halbiert. Die medienwirksame Betteltour half da nicht gerade, die hoffnungsvollen Modelle wie Insignia, Astra oder Meriva als Botschafter des Aufschwungs zu verkaufen. Nie war es schwerer für Opel, aus einem Tief wieder herauszukommen.

Nick Reilly: Mitgetrickst

Als Nick Reilly im November 2009 an die Opel-Spitze rückte, verbreitete er Hoffnung. Der 60-Jährige brachte gute Ideen mit, trat nicht nur als Kostenkiller auf und fand Gehör bei der Politik. Das kann er jetzt erst einmal vergessen. Ohne Milliarden vom Staat „wird es nicht gehen“, jammerte er noch im November. Deshalb hängt ihm nun der Ruf des Tricksers an – es sei denn, er saniert Opel in naher Zukunft erfolgreich.

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