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Autoindustrie Putin knebelt ausländische Unternehmen

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Moskauer Autosalon: Quelle: REUTERS

Also erhöht VW den Druck. „Wer jetzt nicht den Markteinstieg nach Russland wagt, wird für immer draußen sein“, sagt ein VW-Manager, der nicht genannt werden möchte. In China seien die Mutigen unter den Zulieferern heute blendend im Geschäft. Jetzt klopfe dort ständig ein Lieferant an und bettele um Verträge. „Aber der Markt ist besetzt. Und so wird es auch in Russland kommen“, sagt der Manager.

Volkswagen fehlt es derzeit nicht nur an Zulieferern, sondern auch an Kapazitäten. Im Februar schloss Winterkorn zwar mit Lohnfertiger GAZ einen Vertrag ab. Der Konzern des Oligarchen Oleg Deripaska wird ab nächstem Jahr 100 000 Autos für die Wolfsburger bauen, die Umrüstung der Fertigung für Skoda-Modelle und den VW Passat hat bereits begonnen.

In Kaluga und bei Lohnfertiger GAZ kann VW zusammen 250 000 Autos fertigen lassen. Putin wäre damit aber noch nicht zufrieden: mindestens 50 000 Fahrzeuge fehlen. Jetzt überlegt man bei Volkswagen, die Montagelinie in Kaluga zu verlängern. Zuvor war eine Verdopplung der Kapazität angedacht, indem das Werk auf der Wiese gegenüber „gespiegelt“ wird. Ein Neubau könnte mehr als eine halbe Milliarde Euro kosten. Die Erhöhung der vorhandenen Kapazität würde mindestens 100 Millionen Euro verschlingen, vor allem aber die laufende Produktion gefährden. „Ich denke, die Spiegelung ist noch nicht vom Tisch“, sagt ein Zulieferer, „sonst müssten sie das Werk für zwei bis drei Monate komplett anhalten. Das will sich Volkswagen im Boom nicht leisten.“ Sicher ist, dass VW auf dem Areal in Kaluga eine eigene Motorfabrik baut – auch wenn die Details noch nicht feststehen und niemand darüber reden will. Die Wolfsburger haben nichts zu verlieren, denn sie sind in Russland bereits stark am Markt vertreten. Auf die russische Version des Polo warten Käufer mehr als sechs Monate. VW ist also gut gerüstet, um im Wettbewerb in Russland zu bestehen. Andere Hersteller sind noch nicht so weit.

Fiat ist bisher in Russland kaum präsent

Der italienische Fiat-Konzern will 1,5 Milliarden Euro investieren und eine Fertigung für 300 000 Autos in Russland aufbauen. Ursprünglich war ein Joint Venture mit dem russischen Hersteller Sollers im Gespräch, allerdings spannte Ford den Italienern den Partner aus. In Russland ist Fiat bislang kaum präsent – und ob die Mailänder so viele Fahrzeuge auch absetzen werden, bezweifeln Branchenexperten. „Mittelfristig werden vier oder fünf ausländische Autobauer den Markt unter sich aufteilen“, sagt BCG-Experte Kreid.

VW dürfte zu den Gewinnern zählen. Auch die US-Rivalen Ford und General Motors sind in Russland gut unterwegs. Das gilt erst recht für den französischen Renault-Konzern, der mit seinem japanischen Partner Nissan Anteile am russischen Platzhirschen Awtowas hält und in der Wolga-Stadt Togliatti Billigautos produziert. Die japanischen Hersteller Mitsubishi, Hyundai und Toyota leisten sich in Russland aber nur kleine Fabriken, die schwer aufzustocken sind: In Sankt Petersburg, wo ihre Werke stehen, sind Facharbeiter noch knapper als im Süden.

In Kaluga produziert seit 2010 auch Peugeot-Citroën. Frankreichs Branchenzweiter leistet sich eine Fabrik zum Bau von 150 000 Autos im Jahr – und müsste jetzt verdoppeln, um das Dekret 166 einhalten zu können. Das wagt der Konzern bisher nicht, zumal selbst das bestehende Werk kaum ausgelastet ist. 2015 werden aber die Zollvorteile auslaufen, womit die Fahrzeuge in Russland teurer werden. Peugeot-Citroën dürfte insofern zu den Verlierern von Putins neuer Industriepolitik zählen.

In einem sind sich die ausländischen Autobauer einig: Lada-Hersteller Awtowas ist keine Konkurrenz für sie. „Die russische Autoindustrie schafft sich selbst ab“, lästert ein deutscher Automanager, „Awtowas wird mittelfristig zur verlängerten Werkbank von Renault werden.“ Die Billigkarossen, die in Russland weniger als 10 000 Dollar kosten, rangieren qualitativ hinter Fahrzeugen von VW, GM und Co. Gerade die Deutschen setzen darauf, dass der russische Käufer mit der Zeit mehr Geld für ein neues Auto ausgeben – und deshalb ein ausländisches Modell kaufen wird.

Eigentlich gilt Putins großes Herz ja den heimischen Autoherstellern. Dass sich die Ausländer nun in solcher Breite auf seine Knebelvorgaben einlassen und die traditionellen Hersteller langfristig gar zu degradieren drohen, dürfte für ihn eine Überraschung sein.

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