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Bahn-Chef Grube "Das ist Propaganda"

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Bahn-Chef Rüdiger Grube im Gespräch mit der WirtschaftsWoche Quelle: Max Lautenschläger für WirtschaftsWoche

Wäre es da trotzdem nicht an der Zeit, den Bau teurer Schnellstrecken aufzugeben und die Reisegeschwindigkeit durch Beseitigung von Engpässen zu erhöhen?

Wir brauchen beides! Hochgeschwindigkeit lässt sich nur realisieren, wenn wir Engpässe beseitigen. Fakt ist: Da, wo wir schnell fahren, haben wir die höchsten Zuwächse an Kunden. Ich mache aber keinen Hehl daraus: Wir brauchen keineswegs überall Geschwindigkeiten von 300 Kilometer pro Stunde wie zwischen Köln und Frankfurt...

...die wegen Engpässen vor den Bahn-höfen auf ein Durchschnittstempo von 180 zusammenschnurren.

Selbst auf gut ausgebauten Strecken wie zwischen Berlin und Hamburg liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit bei rund 190 km/h. Erstens, weil Regionalbahnen und Güterzüge die Schienen ebenfalls benutzen, und zweitens können Sie nicht mit 250 bis 300 km/h durch die Vororte von Berlin und Hamburg fahren.

Das große Wachstum steckt im Güterverkehr. Wäre es da nicht effizienter, die Mittel eher hier, etwa in Parallelstrecken für Güterzüge, zu investieren?

Wir müssen mehr Geld in Güterverkehrsstrecken investieren, das ist richtig. Wir erwarten eine Verdopplung der Transportmenge in den kommenden 20 Jahren. Das ist mit dem heutigen Netz nicht zu machen. Die Infrastruktur eines Landes ist seine Lebensader. Wenn die nicht funktioniert, leidet der Produktionsstandort Deutschland. Bund und Bahn investieren daher auch in den kommenden fünf Jahren allein 31 Milliarden Euro in das Schienennetz. Es ist also Propaganda, wenn behauptet wird, alles Geld fließe in Stuttgart 21.

Müssten Sie nicht den Ausbau der Strecke München–Berlin durch menschenleeres Gebiet im Thüringer Wald stoppen?

Die Bauentscheidung zu bewerten steht mir nicht zu. Dort wird schon seit mehr als zehn Jahren vor meinem Dienstantritt gebaut, und viele – auch in Ostdeutschland – werden davon profitieren. Nur ein Beispiel: Die Distanz über 600 Kilometer zwischen Berlin und München wird künftig unter vier Stunden gefahren werden. Wenn das Projekt einmal fertig ist, werden auch jene, die es jetzt kritisieren, die Züge häufig benutzen.

Sind die Deutschen inzwischen großprojektfeindlich?

Ich habe mich kürzlich mit Altbundeskanzler Helmut Schmidt unterhalten. Der sagte, dass es in Deutschland zunehmend schwieriger wird, auch ökologisch und ökonomisch sinnvolle Infrastrukturprojekte umzusetzen. Wenn sich der ehemalige bayrische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß in den Achtzigerjahren nicht gegen Kritiker durchgesetzt hätte, gäbe es den Flughafen München nicht. Kein Mensch beschwert sich mehr darüber. Der Flughafen ist ein Wirtschaftsfaktor erster Güte.

Helmut Schmidt sagte aber auch, die Deutsche Bahn solle "weniger Gewicht auf die modernste und schnellste Technik legen, dafür mehr Gewicht auf absolute Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit".

Helmut Schmidt hat damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Er hat aber nicht gesagt, dass die Voraussetzung für Pünktlichkeit die Entflechtung von schnellem und langsamem Verkehr ist. Die Zielsetzung stimmt. Und daran arbeiten wir. Wir wollen pünktlicher werden, höhere Qualität und mehr Komfort bieten.

Eines der großen gewagten Projekte der Bahn ist auch die Fahrt mit dem ICE durch den Tunnel unter dem Ärmelkanal nach London. Wann wollen Sie damit beginnen?

Im Dezember 2013. Die Vorbereitungen laufen. Mitte Oktober werden wir mit den ersten Tests beginnen, etwa Evakuierungsübungen im Eurotunnel.

Sie rechnen mit einer Million Reisenden pro Jahr. 2009 flogen ab Düsseldorf, Köln und Frankfurt 2,3 Millionen Passagiere nach London. Erwarten Sie ernsthaft, fast die Hälfte der Reisenden zu gewinnen?

Das werden wir natürlich nicht von Tag eins schaffen. Aber wir werden auch Passagiere unterwegs mitnehmen können, etwa in Brüssel. Nach unseren Untersuchungen ist das eine hochattraktive Strecke. Außerdem sind die Flughäfen in London weit draußen, wir dagegen fahren in die City. Einige Fahrgäste werden in Zukunft ganz auf den Flieger verzichten, so wie heute schon auf der Strecke zwischen Frankfurt und Paris.

Dafür brauchen Sie neue Züge. Sie verhandeln seit Monaten exklusiv mit Siemens über den Milliardenkauf von bis zu 300 Intercitys und ICEs. Schon geeinigt?

Noch nicht. Das sind harte Verhandlungen. Ich mache auch keinen Hehl daraus, dass ich mit dem Angebot zurzeit nicht zufrieden bin. Wir haben die Zielkosten noch nicht erreicht. Die Vorstellungen von uns und Siemens liegen noch weit auseinander. Wir können es uns aber nicht leisten, Züge zu kaufen, mit denen wir mit jeder Fahrt rote Zahlen schreiben würden.

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