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Bank of Moscow Zoff im russischen Bankenreich

Die skandalträchtige Übernahme der Bank of Moscow belastet das Vertrauen auch deutscher Banken in den Finanzplatz.

Andrej Kostin, Chef der staatlichen Bankengruppe VTB Quelle: laif

Moskau wirkt klein und überschaubar, wenn Andrej Kostin aus seinem Chefbüro im 58. Stockwerk des Federation Towers auf die russische Hauptstadt herabschaut. Nie gab er sich mit der Rolle des Branchenzweiten hinter der früheren Sowjet-Sparkasse Sberbank zufrieden. Seine staatliche Bankengruppe VTB, einst Außenhandelsbank der UdSSR, sollte zu den führenden Banken Europas aufschließen. Mittlerweile zählt Kostin 13 Übernahmen – aber die letzte ist ihm nicht gut bekommen.

Überhastet und für den Riesenbetrag von 3,7 Milliarden Dollar kaufte die VTB-Gruppe der Stadt Moskau im Februar 46,5 Prozent der Aktien am fünftgrößten russischen Finanzinstitut ab, der Bank of Moscow. In deren Büchern will Kostin hinterher faule Kredite in einem derart kolossalen Umfang gefunden haben, dass er die Zentralbank um Hilfskredite in Höhe von 14 Milliarden Dollar anpumpen musste.

Vertrauen in Moskau erschüttert

Die größte staatliche Bankenrettung der russischen Geschichte zieht weit über die Landesgrenzen hinaus Kreise. Die VTB-Aktie, die in London und Moskau gehandelt wird, hat zeitweise ein Viertel an Wert verloren. Der Bail-out stoppt Kostins aggressiven Wachstumskurs, da für Akquisen die Kapitaldecke zu dünn ist.

Schwerer wiegt, dass hinter der Übernahme der Bank of Moscow durch VTB ein Bankenskandal steckt, der das Vertrauen in den Finanzplatz Moskau erschüttert. "Wir fragen uns bei Geschäften mit russischen Banken, wem wir noch trauen können", sagt ein deutscher Banker, der anonym bleiben will. Denn Vertreter deutscher Institute sitzen oft mit Kollegen von VTB am Tisch: Sie finanzieren Exporte, bereiten Börsengänge und Anleiheemissionen vor und borgen der Bank Geld, besichert mit Werten, die nun doppelt und dreifach hinterfragt werden.

Dickicht aus Korruption und Vetternwirtschaft

"Die vielen offenen Fragen bei der Übernahme der Bank of Moscow sind sicher nicht förderlich für das Vertrauen ausländischer Partner ins russische Bankensystem", sagt Rustam Botaschew, ein Bankenanalyst bei UniCredit in Moskau.

Die Suche nach Antworten führt in ein Dickicht aus möglicher Korruption, Bankbürokratie und Vetternwirtschaft innerhalb des Moskauer Klüngels, der während der 18-jährigen Herrschaft des vor einem Jahr geschassten Bürgermeisters Juri Luschkow entstanden ist.

Eine Schlüsselrolle spielte dabei Andrej Borodin, der die Bank of Moscow 1995 im Auftrag der Stadt gründete und bis zum Einstieg der VTB im Februar ihr Chef war. Der smarte 44-Jährige verbrachte seine Lehrjahre bei der Dresdner Bank in Frankfurt, die heute zur Commerzbank gehört. Unter seiner Regie stieg die Bank of Moscow zum fünftgrößten russischen Kreditinstitut mit über neun Millionen Kunden auf.

Aktuelle Aktionärsstrukutr der Bank of Moscow Quelle: Bank of Moscow, eigene Recherchen

Borodins Höhenflug ist Vergangenheit. Seit Ende März lebt er in London. Er hat einen Antrag auf politisches Asyl gestellt, denn die russischen Behörden lassen per internationalem Haftbefehl nach ihm fahnden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, einen nicht besicherten Kredit über 443 Millionen Dollar an die zypriotische Firma namens Prime Estate vergeben zu haben. Dahinter, so die Ermittler, stehe Jelena Baturina, Gattin des Ex-Bürgermeisters Luschkow und damalige Chefin der Moskauer Baufirma Inteko. Das Geld sei letztlich aus dem Stadtbudget entwendet worden, da die Bank der Stadt gehörte.

Wer den Moskauer Klüngel kennt, hält das für plausibel. In der russischen Hauptstadt ist es ein offenes Geheimnis, dass Inteko, die Baufirma der Moskauer First Lady, wohl mithilfe ihres Gatten den Zuschlag für lukrative Bauprojekte bekam. Auch liegt der Verdacht nahe, dass Borodin als Bankier der Stadt, den Luschkow wie einen Sohn behandelt haben soll, in solche Geschäfte verwickelt war.

Exil in London

Ausgerechnet im Fall Prime Estate erhalten die Eheleute Luschkow nun aber überraschend Schützenhilfe. Im Hause VTB heißt es, der Kredit an deren zypriotische Immobilienfirma, hinter der Inteko steht, werde bislang bedient und sei besichert. Auch sein Intimfeind Borodin und ein Vertreter der Firma Inteko betonen dies, wobei Baturina vorigen Dienstag ihr Bauunternehmen verkauft hat.

Zugleich wettert Kostin gegenüber der WirtschaftsWoche lautstark gegen Borodin als Ex-Chef seines neuen Tochterinstituts. "Die Probleme der Bank of Moscow gehen auf die gaunerhaften Praktiken des früheren Managements zurück", sagte er der WirtschaftsWoche. Er habe jedoch "keine Anhaltspunkte, dass Bürgermeister Luschkow oder seine Ehefrau in kriminelle Machenschaften verwickelt waren". Luschkow habe Borodin aber politische Rückendeckung gewährt, was die Verschleierung dieser Machenschaften ermöglicht habe.

Borodin weist alle Vorwürfe entschieden zurück: "Solange ich Chef der Bank of Moscow war, hat es keinerlei Betrug gegeben", sagte er der WirtschaftsWoche. Vielmehr sehe er sich als Opfer einer Hetzkampagne und als neuer Michail Chodorkowski. Der ehemalige russische Ölmagnat war Russlands Ex-Präsident Wladimir Putin politisch zu mächtig geworden und wegen angeblicher Steuervergehen zu einer jahrelangen Haftstrafe verurteilt worden. Allerdings hinkt der Vergleich. Borodin schaffte den Absprung ins Londoner Exil. Zudem gelang es ihm, sein Paket von 19,91 Prozent der Aktien an der Bank of Moscow für 1,1 Milliarden Dollar zu verkaufen.

Unklar ist, ob VTB den 14-Milliarden-Dollar-Kredit der Zentralbank für die Sanierung der Bank of Moscow wirklich benötigt. Ex-Chef Borodin behauptet, dass die Kredite in den Büchern nicht notleidend seien. Er sieht hinter dem Entgegenkommen der Zentralbank einen wirtschaftspolitischen Schachzug des Kremls. Dass VTB die Bank of Moscow schluckte, sei "auf höchster politischer Ebene" entschieden worden. "Die Regierung will die Großbanken unter Kontrolle bringen und scheut die Privatisierung." Deshalb habe es keine Auktion gegeben, darum sei die private Alfa-Gruppe des Oligarchen Michail Fridman nie zum Zuge gekommen.

Den Unschuldsbekundungen Borodins steht allerdings entgegen, dass über die russische Presse Verträge bekannt wurden, die er mit Vertretern von Offshore-Firmen auf Zypern abgeschlossen hat. Aus dem VTB-Umfeld heißt es, Borodin selbst kontrolliere diese Briefkastenfirmen. Beweise dafür gibt es bislang keine. Borodin weist das von sich. Dem Vernehmen nach bereitet die russische Staatsanwaltschaft eine Klage gegen Borodin vor, derzufolge er Kapital in Höhe von über sechs Milliarden Dollar unterschlagen haben soll.

Ungeprüfte Bilanz

Mitschuld an der Affäre um VTB trifft auch die Bankenaufsicht. Falls wirklich faule Kredite im Wert von 14 Milliarden Dollar in den Büchern der Bank of Moscow schlummern, hätten die Wachhunde der Zentralbank dies ebenso sehen müssen wie die zuständigen Wirtschaftsprüfer der belgischen Kanzlei BDO, die in ihren Jahresabschlüssen von 2004 bis 2010 keine schwarzen Löcher nennen. "Der Skandal ist sicher kein Ruhmesblatt für die Aufseher der Zentralbank, die in der Finanzkrise als effizienter Wächter der Stabilität einen guten Job gemacht haben", erklärt UniCredit-Analyst Botaschew.

Kenner in Moskau fragen sich indes auch, warum VTB-Boss Kostin selbst die Bilanz nicht genauer prüfen ließ. Borodin habe eine besondere Form der doppelten Buchführung betrieben, entgegnet Kostin. Ihm wie auch den Prüfern seien brisante Dokumente vorenthalten worden – was Borodin wiederum vehement bestreitet.

Wer auch immer recht hat, zumindest in einer Hinsicht zeichnet sich der Ausgang des Skandals ab. Vermutlich wird am Ende ein neuer Bankenriese in Russland stehen. Vorher muss Kostin Russlands fünftgrößtes Kreditinstitut in die VTB integrieren, die Nummer zwei am Markt. Eine Strategie hat er hierfür noch nicht, wie Kostin in Interviews selbst zugab. "Ein Banker, der ohne eine Strategie eine Bank kauft, ist ein schlechter Banker", ätzt ein Branchenkenner. Doch Kostin will in den Olymp des Moskauer Bankenhimmels, dazu muss er den Brocken verdauen.

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