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Banken Das Schattenreich der Finanzindustrie

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Singapur

Ein Gast schwimmt in einem Quelle: REUTERS

Vom Singapore Flyer, dem mächtigen Riesenrad an der Küste, fällt der Blick auf die Skyline des Stadtstaates: Immer neue Wolkenkratzer wachsen in den Himmel. In vielen der Türme lassen sich europäische Banken nieder, denn das Geschäft mit Finanzdienstleistungen boomt in Singapur.

In einschlägigen Rankings rangiert Singapur auf Rang drei nach New York und London unter den wichtigsten Standorten für Finanzdienstleistungen. Vor allem das strikt angewendete Bankgeheimnis und die niedrigen Steuern sorgen für die Attraktivität des südostasiatischen Inselstaates. So fallen auf Dividenden und Kapitalerträge in Singapur keine Abgaben an.

Rasch entwickelt haben sich vor allem Devisenhandel und private Vermögensverwaltung. Für Credit Suisse und UBS etwa ist Singapur nach Zürich der zweitwichtigste Standort. Umgerechnet etwa 700 Milliarden Euro hatten die Vermögensverwalter laut Finanzaufsicht MAS Ende 2009 in ihren Büchern.

Der Stadtstaat hofft nun, von den strengeren Vorschriften in Europa zu profitieren. Die Regierung sagt dies aber nie offen: Singapur will nicht in den Ruf zu kommen, eine Anlaufstelle für Geldwäsche und Steuerhinterziehung zu sein. Das passt nicht zum Saubermann-Image.

Allerdings wirbt Singapur offensiv um Hedgefonds. Bisher ist deren Regulierung sehr liberal. So dürfen kleine Hedge-fonds, die weniger als 30 Profi-Klienten bedienen, ohne Lizenz der Aufsichtsbehörde MAS arbeiten. Von 2011 an brauchen diese aber eine Zulassung, wenn sie umgerechnet mehr als 187 Millionen US-Dollar verwalten.

Derzeit bremst nur der Faktor Mensch das Wachstum: Europäische Banken stellen vor allem im Devisenhandel und der Vermögensverwaltung Hunderte neuer Leute ein. Und es könnten noch mehr sein: Bei einer Umfrage im Herbst gaben 81 Prozent der befragten Personalmanager an, es herrsche ein Mangel an qualifiziertem Personal für die Finanzbranche.

Das Schattenreich

Bundesbankpräsident Weber, sein italienischer Kollege Mario Draghi, Citi-Chef Vikram Pandit und Jamie Dimon, Chef von JP Morgan –  sie alle haben in den vergangenen Wochen gewarnt: Durch die stärkere Regulierung der gewöhnlichen Banken könnten Risiken ins Schattenbankensystem abwandern und dort auch künftig die finanzielle Stabilität gefährden.

Experten sehen die Möglichkeit durchaus als real an. Handelsgeschäfte könnten außerhalb von Banken weiter nahezu ohne Aufsicht betrieben werden. Über gesellschaftsrechtliche Konstruktionen könnten diese dann mit den gewöhnlichen Banken verbunden sein.

Hier haben die Aufseher zwar Regeln festgelegt, die den Kreis der in das Risiko des gesamten Konzerns einzubeziehenden Aktivitäten erweitern. Aber auch sie dürften kaum abschätzen können, ob sich diese nicht umgehen lassen. Eine Erweiterung der bereits beschlossenen Vorschriften auf andere Finanzgesellschaften scheint damit unumgänglich.

Vor der Krise hat sich das Schattenbankensystem ähnlich spektakulär aufgebläht wie die übrige Bankenwelt. Nach Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) stiegen von Banken gehaltene Vermögenswerte zwischen 2002 und 2009 von 13 auf rund 30 Billionen Dollar. Die von Nichtbanken legten ähnlich sprunghaft von knapp 12 auf 27 Billionen Dollar zu. Inzwischen sind letztere geschrumpft, aber längst nicht tot.

Manche verhängnisvolle Geschäfte fanden fast ausschließlich hier statt. Verbriefungen etwa wurden vor allem über Zweckgesellschaften abgewickelt. Die wurden außerhalb der Bilanz geführt, von den Banken aber mit Kreditlinien gestützt. Deshalb waren die Rückkopplungen auf die regulierte Finanzwelt gewaltig, als Investoren ab 2007 klar wurde, dass auch mit Höchstnoten versehene Produkte diese nicht immer verdienten, und sie zusätzliche Sicherheiten verlangten.

Regulierer fordern deshalb vor allem mehr Transparenz. Die Vorschläge reichen von Versicherungen durch die Notenbanken, für die eine hohe Prämie gezahlt werden müsste, bis zu verschärften Anforderungen an die Sicherheiten, mit denen die Geschäftspartner sich Liquidität besorgen. Für die Aufseher ist es schwierig, den extrem heterogenen Schattenbereich ans Sonnenlicht zu zerren.

Sie zweifeln offenbar selbst an ihren Fähigkeiten: „Selbst wenn wir jetzt eine Liste der Schattenbanken erstellen könnten, wie stellen wir sicher, dass wir das auch in Zukunft hinbekommen?“, fragt Paul Tucker, Vizechef der englischen Notenbank. Als ein Beispiel nennt Tuckers Kollege Andy Haldane die außerbilanzlichen Zweckgesellschaften. „Sie stellten im Vorfeld der Krise ein großes Risiko dar. Dieses Risiko wurde durch die Krise nicht vermindert.“

Einige Banken haben sich bereits in Hedgefonds eingekauft. In den USA sind Investmentbanker aus den Eigenhandelsabteilungen zu Finanzinvestoren wie Blackstone, Fortress und KKR gewechselt oder haben sich selbstständig gemacht.

Einer ist wieder ganz vorne mit dabei. Greg Lippmann, der für die Deutsche Bank mit Wetten gegen den US-Häusermarkt Milliarden verdiente, hat das Institut im April verlassen. Mit anderen Ex-Kollegen hat er den Hedgefonds Libre Max aufgemacht. Er sehe dabei auch mit Investitionen in seinem Spezialgebiet gute Chancen:  Wertpapieren, die auf Hypotheken wenig zahlungskräftiger Kunden basieren. Das Spiel beginnt von vorn.

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