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Banken Das Schattenreich der Finanzindustrie

Das Ziel einer weltweit einheitlichen Regulierung der Finanzbranche steht auf der Kippe. Banken bieten sich Schlupflöcher in anderen Ländern. Riskante Geschäfte drohen ins Schattensystem abzuwandern. Die Aufseher kommen kaum hinterher.

Dunkle Regenwolken über der Quelle: dpa

Es ist ein über den ganzen Erdball verzweigtes Geflecht, das auch nach mehr als zwei Jahren nur ansatzweise entwirrt ist. Auf mehr als 800 Tochtergesellschaften hatte die Investmentbank Lehman Brothers ihr Geschäft verteilt. Seit ihrer Pleite im September 2008 versuchen die Insolvenzverwalter nun, die komplexen Beziehungen, Besitzverhältnisse und Zahlungsströme zwischen den Unternehmensteilen zu ergründen.

Dabei fördern sie Erstaunliches zutage: Mit gerade mal 14 Mitarbeitern kam etwa die Schweizer Tochter Lehman Brothers Finance (LBF) auf eine Bilanzsumme von 33 Milliarden Dollar. Der Grund dafür: Nach Schweizer Recht musste die LBF, die komplizierte Finanzprodukte an Profianleger verkaufte, ihr Geschäft nicht mit Eigenkapital unterlegen. In die LBF lagerten daher Lehman-Gesellschaften aus ganz Europa Risiken aus, für die sie in anderen Ländern hätten vorsorgen müssen. Das hätte die Profitabilität gedrückt. Die Risiken lösten sich durch dieses offenbar legale Vorgehen jedoch nicht in Luft auf, sondern lasteten letztlich auf der Mutterbank, ohne dass diese ausreichend vorgesorgt hatte – mit den bekannten Folgen.

Was hier offenbar wird, ist ein Albtraum nicht nur für Konkursverwalter, sondern auch für Bankenaufseher und Regulierer in aller Welt. Wie andere global tätige Institute hatte Lehman Geschäfte und Gesellschaften jeweils in den Ländern angesiedelt, in denen die Rahmenbedingungen dafür besonders vorteilhaft waren. „Regulatorische Arbitrage“ heißt das im Fachjargon. In Deutschland machten davon prominent Hypo Real Estate, IKB und Sachsen LB Gebrauch. Sie betrieben Milliardengeschäfte in Zweck- oder Tochtergesellschaften, teilweise außerhalb der Bilanz und bevorzugt in Irland, wo die Aufsicht deutlich laxer war. Deutsche Aufseher konnten dem nur tatenlos zuschauen, wenn sie überhaupt davon wussten.

Langsame Umsetzung von Basel lII

Damit sollte nach der Krise Schluss sein. „Eine international einheitliche Regulierung“, „ein gleiches Spielfeld“ –  das fordern Aufseher und Bankmanager bei nahezu jedem öffentlichen Auftritt.

Mit den vor wenigen Wochen beim Treffen der G20 in Seoul getroffenen Beschlüssen scheint die Grundlage dafür geschaffen. Dennoch mehren sich Zweifel, dass das Ziel erreicht wird. „Die Regulierung wird nach der Krise weniger einheitlich sein als davor“, erwartet der Vorstand einer Investmentbank. „Wir sehen uns an, was in den einzelnen Ländern geschieht, und werden darauf schnell reagieren“, sagt ein weiterer Top-Investmentbanker. Das Problem regulatorischer Arbitrage sei keineswegs kleiner geworden.

Wie auch? Selbst die Beschlüsse aus Seoul müssen die Länder noch umsetzen. Deutsche Banken fürchten weiter, dass ihre US-Konkurrenten die neuen Regeln zur Eigenkapitalunterlegung (Basel III) nur zögerlich oder gar nicht einführen. Das war bereits beim Vorgängerwerk der Fall. Viele Bestimmungen sind zudem unklar formuliert und öffnen Schlupflöcher. Einige Themen, etwa das Geschäft mit Derivaten, bleiben in Details weiter offen.

Schweiz beschließt höhere Eigenkapitalvorschriften

Verbindlichkeiten von Geschäfts- und Schattenbanken

Einzelne Länder führen zudem Bankenabgaben auf unterschiedlichem Niveau ein, die EU verfolgt weiter den Plan einer Finanztransaktionssteuer. „Immer noch kein gleiches Spielfeld“, stellt die Investmentbank Goldman Sachs folglich in einer aktuellen Analyse fest. Dabei bezieht sie sich auf das Verhältnis des Eigenkapitals zu den sogenannten „risikogewichteten Aktiva“, die in vielen Ländern unterschiedlich berechnet werden. Strengere Anforderungen schmälern die Renditen. Die Schweiz hat für ihre Großbanken UBS und Credit Suisse Eigenkapitalvorschriften beschlossen, die deutlich höher sind als die in Basel III festgelegten.

Für die Banken bieten Differenzen Vorteile. Selbst kleine Unterschiede zwischen den Ländern können sie nutzen, um Produkte zu erfinden, die von diesen profitieren. Das zahlt sich etwa dann aus, wenn bestimmte Konstruktionen in einem Land mit weniger Kapital unterlegt werden müssen. „Es ist ein ständiger Wettlauf zwischen Hase und Igel“, sagt ein Wirtschaftsprüfer.

Die Ausweichmanöver können riskante Folgen haben. „Regulatorische Ineffizienzen könnten das Ziel stabiler Finanzmärkte unterminieren, wenn sie Marktteilnehmer dazu veranlassen, ihre Geschäfte außerhalb der regulierten Märkte abzuwickeln“, heißt es in einer aktuellen Analyse der Deutschen Bank. Zumal die Banken durch die bereits beschlossenen Vorschriften unter Kostendruck stehen und deshalb jede Möglichkeit nutzen, Kapital zu sparen.

Schattenbanken

Dabei ist die Flucht in andere Länder nicht der einzige Ausweg. Risiken könnten sich auch ins „Schattenbankensystem“ verlagern, warnte etwa Bundesbank-Präsident Axel Weber kürzlich und forderte, die Regulierung auszudehnen.

Das ist bisher kaum geschehen, obwohl die Krise 2007 in dieser Grauzone ihren Ursprung hatte. Unter Schattenbanken versteht man alle Unternehmen, die zwar wie Banken Geld leihen und verleihen oder mit Finanzprodukten handeln, aber weniger oder gar nicht reguliert sind. Hierzu zählen Geldmarktfonds, Zweckgesellschaften, Private-Equity-Firmen, Hedgefonds sowie die US-Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac.

Vor der Krise hatte sich diese Parallelwelt enorm aufgebläht. Mit einem Kreditvolumen von 20 Billionen Dollar im März 2008 war sie fast doppelt so groß wie das gewöhnliche Kreditgeschäft in den USA. Durch die Krise ist dieser Wert zwar geschrumpft, lag aber Anfang 2010 immer noch bei 16 Billionen Dollar.

Wie weit sind die Regulierer bei der Zähmung der Risiken an den großen Finanzplätzen rund um den Globus gegangen? Wir wirkt sich das auf die Bankgeschäfte aus? Wo reagieren Geldhäuser schon mit der Flucht ins Dunkel?

Frankfurt

Wo die Investmentbanken ihre Profite machen

Die Deutsche Bank erstrahlt im neuen Glanz. Nach fast drei Jahren ist die Renovierung der Frankfurter Zwillingstürme abgeschlossen, die ersten Mitarbeiter ziehen ein. Die blitzende Fassade passt zum Optimismus: Für 2011 stellt Bankchef Josef Ackermann einen Rekordgewinn von zehn Milliarden Euro in Aussicht – allen Regulierungsbemühungen zum Trotz.

In Deutschland gelten alle auf EU-Ebene beschlossenen Verschärfungen, etwa langfristigere Vergütungsregeln. Das Komitee der europäischen Bankenregu-lierer CEBS hatte beschlossen, dass hoch-rangige Banker künftig 40 bis 60 Prozent ihrer Boni erst nach drei bis fünf Jahren bekommen und der Baranteil nicht mehr als 20 Prozent betragen darf. Gleichzeitig öffnete die CEBS mit der Lockerung für Händler und Banker, die weniger riskante Geschäfte betreiben, ein Schlupfloch.

Zudem müssen Banken einen größeren Teil von Verbriefungen – auf Krediten basierenden strukturierten Wertpapieren – in den eigenen Büchern behalten. Auch die Basel-Regeln werden umgesetzt. Dennoch wird es wohl auch in Europa weiter Differenzen geben. „Für eine einheitliche Regulierung wäre eine europäische Aufsicht mit entsprechenden Kompetenzen erforderlich“, sagt Jan Hagen von der Berliner Managementschule ESMT.

Deutschland hat als bisher einziges Land Leerverkäufe eingeschränkt, bei denen Investoren sich Aktien oder Anleihen leihen und dann auf sinkende Preise spekulieren. Weiter hat Berlin eine Bankenabgabe beschlossen, die von 2011 an einen Fonds auffüllen soll, der strauchelnde Institute auffängt. Dem können sich die Banken kaum entziehen.

Anders könnte das bei der geplanten Steuer auf Finanzgeschäfte aussehen, die 0,01 Prozent von jeder Kapitalmarkttransaktion betragen soll. Ausgenommen sind Standardgeschäfte von Privatkunden. Ökonomen warnen davor, dass die Steuer nur greift, wenn sich auch Großbritannien anschließt. Banken könnten ihre Geschäfte sonst einfach über London abwickeln.

Verlagerungen in die Schattenwelt könnte es bei Verbriefungen geben. Das Geschäft könnte schon deshalb komplett abwandern, weil es sich für Banken nicht mehr lohnt. Grundsätzlich sollen hier die in Brüssel beschlossene Regeln für Alternative Investmentfonds für mehr Transparenz sorgen. Auch Zweckgesellschaften sollen deutlich früher in der eigenen Bilanz konsolidiert werden. Einen weiteren Fall IKB soll es damit künftig nicht mehr geben.

London

Teilansicht der Londoner Quelle: REUTERS

Eine halbe Milliarde Euro lässt sich die Schweizer Großbank UBS ihr neues zwölfstöckiges Hochhaus nahe dem Bahnhof Liverpool Street in der Londoner City kosten. Der Kubus, den eine schimmernde Fassade aus Aluminium umhüllen soll, wird Handelsräume für insgesamt 3000 Händler beherbergen. Dass die von der globalen Finanzkrise schwer getroffene UBS nun in London investiert, findet Michael Bear, Bürgermeister des Londoner Finanzdistrikts, „sehr ermutigend“.

Finanzminister George Osborne will zwar die Abhängigkeit der britischen Wirtschaft vom Finanzsektor verringern, aber nicht die goldene Gans schlachten, die für die Konjunktur wichtig ist. Entsprechend halten sich Regulierungsbemühungen zusätzlich zu den EU-Beschlüssen in Grenzen. Eine Bankenabgabe soll es dennoch geben. Osborne hat aber bereits wissen lassen, dass er die Bonussteuer seines Vorgängers nicht verlängern wird.

Die 2009 eingeführte 50-prozentige Steuer auf Prämien von mehr als 25 000 Pfund brachte dem Fiskus 2,5 Milliarden Pfund. Doch das eigentliche Ziel, die Höhe der Boni zu beschränken, ist nicht erreicht worden, weil die meisten großen Häuser wie Goldman Sachs oder Deutsche Bank die Steuer für ihre Angestellten bezahlten.

Zudem umgehen die Banken die Verschärfung der Bonusregelungen durch höhere Grundgehälter. Bei Investmentbanken stiegen diese 2010 um durchschnittlich 20 Prozent, berichtet die Personalvermittlung Astbury Marsden.

Auch bei der Einkommensteuer kommt die Regierung den Finanzhäusern entgegen. Zwar hatte die Labour-Regierung den Spitzensteuersatz für Top-Verdiener auf 50 Prozent aufgestockt. Aber es gibt weiter ein Schlupfloch für ausländische Banker, Hedgefonds- und Private-Equity-Manager: Sie müssen nur ihr Einkommen in Großbritannien versteuern. Das im Ausland angelegte Vermögen und Einkünfte, die dort generiert werden, bleiben vom Zugriff des Finanzamtes verschont.

Zudem konnten die britischen Großbanken eine höhere Transparenz verhindern: Osborne legte die noch unter Labour beschlossene Regelung auf Eis, Empfänger von Boni von mehr als einer Million Pfund im Jahresbericht zu nennen.

Unklar sind die Auswirkungen weiterer neuer Regelungen: Um die Aufsicht zu verbessern, wird die unter Labour eingeführte Finanzaufsichtsbehörde aufgelöst und in die Bank of England integriert. Im Auftrag der Regierung prüft außerdem eine Expertenkommission, ob eine Aufspaltung der Universalbanken in Geschäfts- und Investmentbanken sinnvoll wäre. Das Ergebnis wird im September erwartet.

Trotz des Entgegenkommens der Politik wächst in London die Sorge, die City könne angesichts höherer Steuern und der insgesamt strengeren Regulierung einen Aderlass erleben. So haben die Fonds Brevan Howard und Bluecrest Capital wichtige Teile in die Schweiz verlegt.

Nach einer Umfrage der Denkfabrik Policy Exchange unter Londoner Finanzhäusern spielt rund ein Viertel der Befragten mit dem Gedanken, Teile ihrer Organisation ins Ausland zu verlagern. Das dürfte auch Teil einer Drohkulisse sein, um die eigene Position in den Verhandlungen mit der Politik zu stärken. „Ein Massen-Exodus aus der City steht nicht unmittelbar bevor, aber London könnte einen schleichenden Niedergang erleben“, warnt Ted Sumpster, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Policy Exchange. So droht etwa die Standard Chartered, die 85 Prozent ihres Gewinns in den wachstumsstarken Schwellenländern erwirtschaftet, immer wieder mit Abwanderung.

New York

Ein Wall Street-Straßenschild Quelle: dpa

Schenkt man US-Finanzminister Tim Geithner Glauben, wird nach der Verabschiedung des Pakets zur Finanzmarktreform im Juli 2010 „der durchschnittliche Amerikaner nicht mehr den Preis für Gier und Unverantwortlichkeit an der Wall Street zu zahlen haben“. Was im Sommer 2008 an den Finanzmärkten passiert ist, soll sich nicht wiederholen können.

Vier Werkzeuge sollen den US-Kontrolleuren und Regulierern von Banken, Hedgefonds, Börsenplätzen und Investmentgesellschaften die Mittel an die Hand geben, um „rücksichtsloses Risikoverhalten und zukünftige Krisen zu verhindern“:

1. Die US-Regierung bekommt die gesetzlich verankerte Autorität, Finanzinstitute, die sich in einer existenzbedrohenden Schieflage befinden, zu schließen, zu zerschlagen und abzuwickeln. Die Kosten einer erneuten Lehman- oder AIG-Pleite sollen die größten der Branche übernehmen müssen – nicht die Steuerzahler.

2. Es wird eine starke Konsumentenschutzbehörde eingerichtet, als unabhängige Einheit innerhalb der US-Notenbank. Sie soll für mehr Transparenz bei Finanzprodukten sorgen und „missbräuchliche und täuschende Praktiken unterbinden“.

3. Der neu geschaffene Financial Stability Oversight Council soll in allen noch so dunklen Ecken des Kapitalmarktes nach möglichen Systemrisiken forschen, diese identifizieren und zu gefährliche Geschäfte einschränken oder gar untersagen.

4. Der monströse Derivate-Markt wird transparenter und unter strengere Aufsicht gestellt, standardisierte Produkte müssen über kontrollierte Börsenplätze abgewickelt werden.

Das hört sich vielversprechend an. Doch in der Praxis sind viele Vorgaben schwer umzusetzen. So setzen sich viele Finanzriesen bisher erfolgreich gegen neue verbindliche Konzernstrukturen zur Wehr, die bei einer Schieflage den Zerschlagungsprozess solcher Giganten erst möglich machen würden.

Hinter den politischen Kulissen tobt zudem der Kampf über die Besetzung der Spitze der Konsumentenschutzbehörde. Die als Hardlinerin von den Banken gefürchtete Harvard-Professorin Elizabeth Warren, die US-Präsident Barack Obama gerne berufen hätte, war gegen die Republikaner nicht durchzusetzen.

Als einzige spürbare Konsequenz der neuen Regeln haben einige Wall-Street-Banken den Eigenhandel mit Wertpapieren eingestellt oder stark zurückgefahren. Goldman Sachs etwa gibt an, alle entsprechenden Aktivitäten verkauft zu haben. Auch gegen diese nach dem ehemaligen Notenbank-Chef benannte Volcker-Regel hatte es harten Widerstand gegeben.

Jetzt warnen Banker davor, die riskanten Geschäfte würden dadurch nur in ein noch schwerer zu kontrollierendes Schattenreich gedrängt, etwa bei Hedgefonds. Theoretisch soll das neue Gremium für Finanzstabilität auch dort nach Systemrisiken suchen. Hedgefonds müssen sich künftig bei der Börsenaufsicht SEC registrieren. Ob es den Behördenspürhunden aber gelingt, sämtliche Gefahren frühzeitig zu wittern und sie zu entschärfen, wird erst die nächste Finanzkrise zeigen.

Singapur

Ein Gast schwimmt in einem Quelle: REUTERS

Vom Singapore Flyer, dem mächtigen Riesenrad an der Küste, fällt der Blick auf die Skyline des Stadtstaates: Immer neue Wolkenkratzer wachsen in den Himmel. In vielen der Türme lassen sich europäische Banken nieder, denn das Geschäft mit Finanzdienstleistungen boomt in Singapur.

In einschlägigen Rankings rangiert Singapur auf Rang drei nach New York und London unter den wichtigsten Standorten für Finanzdienstleistungen. Vor allem das strikt angewendete Bankgeheimnis und die niedrigen Steuern sorgen für die Attraktivität des südostasiatischen Inselstaates. So fallen auf Dividenden und Kapitalerträge in Singapur keine Abgaben an.

Rasch entwickelt haben sich vor allem Devisenhandel und private Vermögensverwaltung. Für Credit Suisse und UBS etwa ist Singapur nach Zürich der zweitwichtigste Standort. Umgerechnet etwa 700 Milliarden Euro hatten die Vermögensverwalter laut Finanzaufsicht MAS Ende 2009 in ihren Büchern.

Der Stadtstaat hofft nun, von den strengeren Vorschriften in Europa zu profitieren. Die Regierung sagt dies aber nie offen: Singapur will nicht in den Ruf zu kommen, eine Anlaufstelle für Geldwäsche und Steuerhinterziehung zu sein. Das passt nicht zum Saubermann-Image.

Allerdings wirbt Singapur offensiv um Hedgefonds. Bisher ist deren Regulierung sehr liberal. So dürfen kleine Hedge-fonds, die weniger als 30 Profi-Klienten bedienen, ohne Lizenz der Aufsichtsbehörde MAS arbeiten. Von 2011 an brauchen diese aber eine Zulassung, wenn sie umgerechnet mehr als 187 Millionen US-Dollar verwalten.

Derzeit bremst nur der Faktor Mensch das Wachstum: Europäische Banken stellen vor allem im Devisenhandel und der Vermögensverwaltung Hunderte neuer Leute ein. Und es könnten noch mehr sein: Bei einer Umfrage im Herbst gaben 81 Prozent der befragten Personalmanager an, es herrsche ein Mangel an qualifiziertem Personal für die Finanzbranche.

Das Schattenreich

Bundesbankpräsident Weber, sein italienischer Kollege Mario Draghi, Citi-Chef Vikram Pandit und Jamie Dimon, Chef von JP Morgan –  sie alle haben in den vergangenen Wochen gewarnt: Durch die stärkere Regulierung der gewöhnlichen Banken könnten Risiken ins Schattenbankensystem abwandern und dort auch künftig die finanzielle Stabilität gefährden.

Experten sehen die Möglichkeit durchaus als real an. Handelsgeschäfte könnten außerhalb von Banken weiter nahezu ohne Aufsicht betrieben werden. Über gesellschaftsrechtliche Konstruktionen könnten diese dann mit den gewöhnlichen Banken verbunden sein.

Hier haben die Aufseher zwar Regeln festgelegt, die den Kreis der in das Risiko des gesamten Konzerns einzubeziehenden Aktivitäten erweitern. Aber auch sie dürften kaum abschätzen können, ob sich diese nicht umgehen lassen. Eine Erweiterung der bereits beschlossenen Vorschriften auf andere Finanzgesellschaften scheint damit unumgänglich.

Vor der Krise hat sich das Schattenbankensystem ähnlich spektakulär aufgebläht wie die übrige Bankenwelt. Nach Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) stiegen von Banken gehaltene Vermögenswerte zwischen 2002 und 2009 von 13 auf rund 30 Billionen Dollar. Die von Nichtbanken legten ähnlich sprunghaft von knapp 12 auf 27 Billionen Dollar zu. Inzwischen sind letztere geschrumpft, aber längst nicht tot.

Manche verhängnisvolle Geschäfte fanden fast ausschließlich hier statt. Verbriefungen etwa wurden vor allem über Zweckgesellschaften abgewickelt. Die wurden außerhalb der Bilanz geführt, von den Banken aber mit Kreditlinien gestützt. Deshalb waren die Rückkopplungen auf die regulierte Finanzwelt gewaltig, als Investoren ab 2007 klar wurde, dass auch mit Höchstnoten versehene Produkte diese nicht immer verdienten, und sie zusätzliche Sicherheiten verlangten.

Regulierer fordern deshalb vor allem mehr Transparenz. Die Vorschläge reichen von Versicherungen durch die Notenbanken, für die eine hohe Prämie gezahlt werden müsste, bis zu verschärften Anforderungen an die Sicherheiten, mit denen die Geschäftspartner sich Liquidität besorgen. Für die Aufseher ist es schwierig, den extrem heterogenen Schattenbereich ans Sonnenlicht zu zerren.

Sie zweifeln offenbar selbst an ihren Fähigkeiten: „Selbst wenn wir jetzt eine Liste der Schattenbanken erstellen könnten, wie stellen wir sicher, dass wir das auch in Zukunft hinbekommen?“, fragt Paul Tucker, Vizechef der englischen Notenbank. Als ein Beispiel nennt Tuckers Kollege Andy Haldane die außerbilanzlichen Zweckgesellschaften. „Sie stellten im Vorfeld der Krise ein großes Risiko dar. Dieses Risiko wurde durch die Krise nicht vermindert.“

Einige Banken haben sich bereits in Hedgefonds eingekauft. In den USA sind Investmentbanker aus den Eigenhandelsabteilungen zu Finanzinvestoren wie Blackstone, Fortress und KKR gewechselt oder haben sich selbstständig gemacht.

Einer ist wieder ganz vorne mit dabei. Greg Lippmann, der für die Deutsche Bank mit Wetten gegen den US-Häusermarkt Milliarden verdiente, hat das Institut im April verlassen. Mit anderen Ex-Kollegen hat er den Hedgefonds Libre Max aufgemacht. Er sehe dabei auch mit Investitionen in seinem Spezialgebiet gute Chancen:  Wertpapieren, die auf Hypotheken wenig zahlungskräftiger Kunden basieren. Das Spiel beginnt von vorn.

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