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Banken Driver & Bengsch-Kunden fühlen sich betrogen

Es ist ein Paradefall für die Misere im Beratungsgeschäft deutscher Banken: Kunden des Wertpapierhändlers Driver & Bengsch fühlen sich betrogen.

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Homepage von Driver & Bengsch

So hat sich Peter S. das nicht vorgestellt. Eben erst hat er seine kleine Eigentumswohnung verkauft und hat nun 100.000 Euro auf der hohen Kante. Das Geld will er in naher Zukunft in eine größere Wohnung investieren, vielleicht sogar ein Haus. Bis dahin parkt er das Geld am besten auf einem Tagesgeldkonto, denkt sich der 33-Jährige. Seine Wahl fällt auf das Wertpapierhandelshaus Driver & Bengsch in Itzehoe, er kennt es aus der Zeitung. Driver & Bengsch bot lange Zeit sehr hohe Zinsen für Tagesgelder an, zeitweise 4,5 Prozent pro Jahr und stand deshalb in Hitlisten ganz oben.

Davon angelockt eröffnet S. ein Konto bei der Bank. Zwei Monate später ruft ihn unaufgefordert ein Driver & Bengsch-Berater an und bietet ihm eine bessere Anlage an.

Der Experte, erinnert sich S. heute, sprach von einer „sicheren Anlage“, die „fest verzinst“ sei und ihm eine höhere Rendite bringe als das Tagesgeldkonto. Daraufhin kaufte S. am 25. Juli 2007 das Produkt. Doch die sichere Investition entpuppte sich schnell als spekulative Anlage. Mit dem Fall konfrontiert, wehrt sich Driver & Bengsch gegen den Vorwurf der Falschberatung: „Richtig ist, dass wir Herrn S. den Adviser II Fonds als konservativen Fonds vorgestellt haben, der überwiegend in festverzinsliche Anleihen investiert und bei dem mittel- bis langfristig ein Vermögensverlust unwahrscheinlich ist. Herr S. wurde im Beratungsgespräch auf mögliche Risiken und Schwankungen dieses Fonds hingewiesen.“

Tatsache ist: Der Kunde hatte in einen Fonds investiert, der im Zuge der weltweiten Finanzkrise seit Juli deutlich an Wert verlor. Im Juni 2007 erreichte er bei 108,92 Euro seinen Höchststand. Mittlerweile liegt er bei rund 90 Euro.

Peter S. ist kein Einzelfall – wie ihm erging es auch anderen Anlegern, die sich von Driver & Bengsch getäuscht fühlen. Das Handelshaus weist die Vorwürfe in zwei Fällen schriftlich gegenüber den Kunden von sich. Doch Driver & Bengsch weigert sich, seine Unschuld mit der Vorlage der Telefonprotokolle der Beratungsgespräche gegenüber den Kunden zu belegen. Schon beschäftigt sich die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) mit der Sache.

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Probleme von Banken im Beratungsgeschäft. Kleine Häuser wie Driver & Bengsch leben davon, Produkte gegen Provision zu vermitteln. Der Streit mit den Kunden ist programmiert, wenn sich die Geldanlagen nicht so entwickeln wie erhofft.

Diese Spezialisierung auf das Provisionsgeschäft macht das kleine Institut zugleich besonders verwundbar; es wird mit voller Wucht von der weltweiten Finanzkrise getroffen, obwohl es – anders als viele Großbanken – gar nicht selbst mit den umstrittenen Krediten handelt, die, ausgehend von den USA, die Krise auslösten.

Die Deutsche Bank meldete erst in der vergangenen Woche unter anderem aufgrund von Abschreibungen auf derzeit schwer verkäufliche Kreditpakete einen Verlust von 141 Millionen Euro für das erste Quartal, das erste Minus seit fünf Jahren; die Allianz-Tochter Dresdner Bank musste Abschreibungen von 900 Millionen Euro verkraften. Bei Driver & Bengsch kommen die Probleme von der Kundenseite: Finanzprodukte wie Fonds verlieren an Wert – Kunden sind verärgert und wenden sich ab.

Der im Juni 2006 aufgelegte Adviser II Fonds, um den sich die Beschwerden bei Driver & Bengsch drehen, ist ein Rentenfonds, der in Unternehmensanleihen investiert, aber auch einen Anlageschwerpunkt in Aktien und Aktienindexzertifikaten hat. Im Portfolio stecken unter anderem Papiere von Nischenunternehmen, wie von der Berliner Beteiligungsgesellschaft Pongs & Zahn, von Cargofresh aus Ahrensburg, die Transporttechnologie zum Frischhalten von Obst und Gemüse verkaufen, und von der Magnum AG, die in Berlin eine Handvoll Immobilien besitzt und noch an einer Pharmagesellschaft beteiligt ist. Ein Jahr lang funktionierte diese Anlagestrategie ordentlich: Die Anleger der ersten Stunde erzielten etwa in den ersten sechs Monaten 2007 ein Plus von rund sechs Prozent.

In den Fällen, die der WirtschaftsWoche vorliegen, wurde den Kunden der Fonds im Juli oder August des vergangenen Jahres verkauft. Zu dem Zeitpunkt beherrschte bereits die Finanzkrise die Geldmärkte. Dass der Adviser Fonds unter der Finanzkrise litt, machte sich früh bemerkbar. Im Jahresabschluss des Fonds heißt es, die Phase „beginnend ab dem 1. Juli 2007 steht unter dem Einfluss der Subprime-Krise, die ausgehend von den USA die Kapitalmärkte massiv beeinflusst hat und weiter in Atem hält. Getrieben von einer Risikoaversion der Investoren verzeichneten unter anderem Unternehmensanleihen mit nicht erstklassiger Bonität starke Kursverluste.“

Genau in solche Unternehmensanleihen und Genussscheine hat der Fonds investiert. Trotzdem hat Driver & Bengsch Kleinanlegern den Fonds noch im Sommer verkauft. „Wie die meisten Marktteilnehmer konnten auch wir im Juli/August 2007 noch nicht von weiteren Verlusten im Rahmen der Finanzkrise ausgehen“, heißt es heute in einer Stellungnahme von Driver & Bengsch. „Es gab vorübergehend teilweise erfreuliche Gegenbewegungen nach oben in den Finanzmärkten ab dem Beginn der Krise im Sommer 2007, die sich unter anderem an den verschiedenen Aktienindizes ablesen lassen.“

Das Unternehmen ist auf die Vermittlung von Produkten angewiesen. Driver & Bengsch lebt fast ausschließlich von Provisionen. Im vergangenen Jahr betreute das Haus rund 38.000 Konten und Depots, 27 Prozent mehr als im Vorjahr; der Wertpapierbestand lag bei 778 Millionen Euro. Der Provisionsertrag stieg um 19,3 Prozent auf 1,9 Millionen Euro.

Doch die Neukunden hat sich Driver & Bengsch teuer erkauft. Sie wurden gelockt mit hoher Tagesgeldverzinsung – eine Aktion die das Haus laut Konzernlagebericht subventionieren musste. Das rentiert sich langfristig nur, wenn es Driver & Bengsch gelingt, mit den Kunden Anschlussgeschäfte zu machen.

Ein solch einseitiges Geschäftsmodell ist riskant. Driver & Bengsch erzielt einen erheblichen Teil seiner Provisionen in einem engen Marktsegment, heißt es im Konzernlagebericht. Speziell die vom Wertpapierhandelshaus vertriebenen Anlageprodukte seien je nach Qualität des Emittenten mit zum Teil „erheblichen Risiken verbunden“.

Sollte es zu Zahlungsausfällen der Emittenten kommen, würden Kunden „erhebliche Verluste erleiden und könnten als Folge sowohl ihre Konten abziehen als auch die Gesellschaft auf Schadensersatz verklagen. Sollte dies erfolgen, könnte dies erheblichste negative Auswirkungen auf die Reputation sowie die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage der Gesellschaft und des Konzerns haben.“ Wer will schon in Fonds investieren, mit denen er Geld verliert?

Peter S. hatte sich das auch anders vorgestellt. Er musste zusehen, wie sein Fonds ab August an Wert einbüßte. S. verlor 4500 Euro, als er im März dieses Jahres seine Papiere wieder verkaufte. Wie er sind auch andere Anleger wütend auf Driver & Bengsch. Sie sind der festen Überzeugung, dass das Haus ihnen das Geld wegen Falschberatung erstatten muss. Dass sie von den Beratern hinters Licht geführt worden seien, lässt sich ihrer Meinung nach problemlos beweisen. Denn die telefonischen Verkaufsgespräche zwischen Kunden und Bankberater wurden aufgezeichnet.

Nach eigener Ansicht hat das Wertpapierhandelshaus keine Fehler gemacht. In Briefen an zwei Kunden bestreitet es, falsch beraten zu haben – verweigert jedoch die Herausgabe der Telefonprotokolle. In den Briefen heißt es, dass die Aufzeichnungen nur für den internen Gebrauch bestimmt seien und grundsätzlich nicht herausgegeben würden. Die Mitschnitte erfolgten zur „Sicherung eines einheitlich hohen Qualitätsstandards“ sowie „um den aus den gesetzlichen Vorgaben folgenden Dokumentationspflichten gegenüber den Aufsichtsbehörden nachkommen zu können“. Gegenüber der WirtschaftsWoche heißt es, dass es nicht gesetzlich gefordert sei, Mitschnitte und Protokolle zu veröffentlichen. „Hinzu kommt, dass bei derartigen Mitschnitten auch die Persönlichkeitsrechte der Mitarbeiter betroffen sind, die einer Veröffentlichung daher zustimmen müssen.“

Branchenüblich ist dieses Verhalten nicht. Wenn es unterschiedliche Auffassungen darüber gebe, was in einem Telefonat gesagt wurde, „schicken wir den Kunden eine Abschrift der Gespräche zu“, sagt etwa ein Sprecher der Direktbank ING Diba. Sollte es dann immer noch Unklarheiten geben, „laden wir den Kunden ein, sich die Bänder gemeinsam mit uns anzuhören“. Genauso verhält sich die Comdirect, die Direktbanktochter der Commerzbank.

Mehrere Anleger von Driver & Bengsch haben sich schon bei der BaFin beschwert. Den Kunden zu ihrem Recht verhelfen kann die Behörde zwar nicht, doch „wir nehmen solche Beschwerden auch zum Anlass, uns im Rahmen der jährlichen Prüfung bestimmte Dinge genauer anzusehen“, sagt eine Sprecherin. „Zum Beispiel schauen wir uns gemeinsam mit den Wirtschaftsprüfern regelmäßig an, wie die Kundenunterlagen, die über die Risiken einer Anlage aufklären sollen, formuliert sind, oder aber ob die Analysebögen, auf denen die Anlagewünsche, die Risikobereitschaft oder auch die Erfahrung der Kunden mit Wertpapieren vermerkt werden müssen, sauber ausgefüllt sind“, sagt sie.

Die vermeintlich Geschädigten haben davon zunächst nichts. „Sie können nur versuchen über eine zivilrechtliche Klage zu ihrem Recht zu kommen“, sagt Jens Graf, Verbraucherrechtsanwalt aus Düsseldorf. Wenn sie gewinnen, „bekommen sie nicht nur ihren Verlust sondern auch Gewinne erstattet, die sie gemacht hätten, wenn sie ihr Geld anderweitig angelegt hätten“.

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