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2,2 Milliarden Euro Die riskante Boni-Wette der Deutschen Bank

Deutsche Bank Quelle: dpa

Milliardenboni trotz Verlusten – mit dieser fragwürdigen Entscheidung setzt das Institut voll darauf, dass in diesem Jahr endlich die Trendwende klappt. Bleibt sie aus, droht der Bank mehr als nur Empörung.

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Nun sind die Zahlen offiziell. Mit mehr als 2,2 Milliarden Euro zahlt die Deutsche Bank noch etwas mehr Boni als erwartet. Allein die Investmentbanker werden mit 1,4 Milliarden Euro beglückt. Die Bank sieht darin eine Rückkehr zu einer „normalen Vergütungspraxis“. Angesichts eines Verlusts von rund 730 Millionen Euro im Jahr 2017 ist diese Einschätzung nur schwer nachvollziehbar. Normal ist dieses Missverhältnis allenfalls nach einer ganz speziellen Logik.

Und die geht so: Wenn es bei der Bank irgendwann mal wieder besser laufen soll, braucht sie fähige Mitarbeiter. Die sind selten und vor allem schnell weg, wenn sie nicht angemessen bezahlt werden – das Institut selbst spricht von einem „erheblichen Fluktuationsrisiko.“ Es droht eine Abwärtsspirale: Die Bank zahlt weniger Boni, verliert deshalb Mitarbeiter, macht deshalb weniger Geschäft, zahlt wieder weniger Boni und so weiter. Nach der Vergütungsdiät im vergangenen Jahr ist die Gefahr umso größer. 2016 hat die Deutsche Bank nahezu komplett auf Boni verzichtet. Zwar ist die Sparrunde trotzdem nicht ganz so radikal ausgefallen, wie es der Konzern selbst darstellt. Denn neben geringen Boni hat die Bank immerhin rund eine Milliarde Euro langfristige Halteprämien gezahlt.

Das war aber offenkundig immer noch zu wenig. Denn mit der allzu ambitionierten Sparsamkeit ist es nun vorbei. So ist nicht nur die Gesamtvergütung in der Investmentbank deutlich gestiegen. Die Bank nutzt offenkundig auch wieder Praktiken, die eigentlich verpönt sind.

So hat sie zum Beispiel – wenn auch in geringem Umfang – Bankern, die zu ihr wechseln, Antrittsprämien („Sign-On-Payments“) gezahlt. Einige Mitarbeiter haben zudem Extrazahlungen für bei ihrem alten Arbeitgeber entfallene Ansprüche erhalten. Davon profitiert etwa der von der US-Bank Citi abgeworbene Finanzvorstand James von Moltke, der so immerhin auf eine variable Vergütung von knapp fünf Millionen Euro kommt. Der übrige Vorstand verzichtet in einem symbolischen Akt auf einen Bonus. Mit 3,4 Millionen Euro zählt Vorstandschef John Cryan dadurch nicht nur zu den Geringverdienern im Dax. Selbst in der Deutschen Bank bekommen einige Mitarbeiter deutlich mehr als ihr oberster Boss. So kassieren immerhin elf Beschäftigte jeweils insgesamt mehr als fünf Millionen Euro.

Mit Wetten aller Art kennt sich die Deutsche Bank aus. Mit der Boni-Entscheidung setzt das Institut alles darauf, dass die Trendwende nun wirklich klappt. Sollte am Ende des Jahres wie angekündigt wieder ein Gewinn stehen, dürfte die Aufregung um die Boni weitgehend vergessen sein. Die Chancen stehen gar nicht mal so schlecht. Die wichtigsten Prozesse hat die Bank abgehakt, die zuletzt gestiegene Volatilität an den Finanzmärkten schiebt das Geschäft an. Und auch die US-Steuerreform, die mit einem Effekt von 1,4 Milliarden Euro in diesem Jahr letztlich zum Verlust geführt hat, dürfte sich von nun an positiv auf das Ergebnis des Instituts auswirken.

Wenn die Wende aber ausbleibt, wird das gravierende Folgen haben. Dann sind nicht nur die Posten von Vorstandschef John Cryan und Ober-Investmentbanker Marcus Schenck akut gefährdet. Das ganze Geschäftsmodell der Deutschen Bank könnte sich als unhaltbar entpuppen. Seit einiger Zeit schon kursieren in Finanzkreisen Szenarien, die auf eine Zerschlagung des Instituts hinauslaufen. Es würde seine Handelsaktivitäten verkaufen oder aufgeben und mit der Commerzbank zu einem großen Konzern- und Mittelstandsfinanzierer verschmelzen. Das Management beider Institute und auch große Investoren sind von der Idee bisher wenig begeistert. Ein „Weiter so“ könnte es bei einer abermaligen Enttäuschung allerdings auch nicht mehr geben.

Boni mit der Gießkanne

Trotzdem ist die Boni-Logik zumindest fragwürdig. Anders als vor der Finanzkrise ist der Arbeitsmarkt für Investmentbanker immer noch eng. Nur wenige haben tatsächlich die Option, überhaupt zu einem anderen Arbeitgeber zu wechseln und da auch noch wesentlich mehr zu verdienen. Und von diesen hat die Deutsche Bank zuletzt schon etliche verloren. Das dürfte allerdings weniger mit einem bescheidenen Bonus als mit der mittelfristigen Perspektive zusammenhängen. Die ist bei vielen anderen Banken einfach besser. Nachvollziehbarer wäre es deshalb gewesen, wie im Vorjahr besonders wichtige und erfolgreiche Mitarbeiter gezielt zu bedenken. Nun aber wird die Gießkanne ausgepackt. Das dürfte das mitunter depressive Binnenklima zumindest etwas aufhellen. Der Effekt auf den geschäftlichen Erfolg wird aber überschaubar sein.

Auch im Branchenvergleich ist die Boni-Zahlung nur schwer erklärbar. Die britische Großbank HSBC etwa hat ungefähr drei Mal so viele Beschäftigte wie die Deutsche Bank und im vergangenen Jahr acht Milliarden Euro nach Steuern verdient. Mit umgerechnet 2,7 Milliarden Euro zahlte sie aber nur unwesentlich mehr Boni als das Frankfurter Institut.

Ein leuchtendes Beispiel für eine vernünftige Vergütung ist aber auch HSBC nicht. Denn gerade erst hat eine Untersuchung ergeben, dass Frauen bei dem britischen Institut 59 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Auch zehn Jahre nach der Lehman-Pleite ist genügend Aufregung über die Banker-Vergütung gewiss.

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