Apple und Goldman Sachs Warum deutsche Kunden eine Apple-Kreditkarte brauchen

Bezahlen mit Apple Pay auf dem Smartphone: Wall-Street-Riese Goldman Sachs plant für Apple eine Kreditkarte. Quelle: REUTERS

Zwei Neulinge wagen sich in das Bankgeschäft mit Privatkunden: Apple und Goldman Sachs planen eine gemeinsame Kreditkarte – zunächst wohl für US-Kunden. Dabei bräuchten deutsche Kunden sie viel dringender.

Apples Gehversuche auf dem deutschen Bezahlmarkt können getrost als Misserfolg benannt werden. Seit Jahren warten deutsche iPhone-Nutzer und die gesamte Finanzbranche darauf, dass der IT-Riese mit seinem mobilen Bezahldienst Apple Pay durchstartet. Und nichts passiert. Jahr für Jahr. Das Momentum hat Apple mittlerweile verloren. Sollte Apple Pay doch irgendwann auch für deutsche Kunden kommen, dürften viele nur noch die Schultern zucken. Andere Anbieter haben es sich längst auf dem Markt bequem gemacht.

Laut einer aktuellen Studie des Handelsverbands EHI zahlten die Deutschen im vergangenen Jahr noch immer am liebsten auf Rechnung: 28 Prozent aller Online-Umsätze haben sie erst beglichen, nachdem das Paket samt Rechnung eintrudelte. An zweiter Stelle folgt das Lastschriftverfahren – dicht gefolgt vom Zahldienst Paypal mit 19 Prozent der Umsätze. Paypal konnte seinen Anteil um zwei Prozentpunkte gegenüber 2016 ausbauen. Erst nach Paypal folgen Zahlungen mit Kreditkarte.

Bis auf Paypal hat es bislang kein anderer Anbieter geschafft, das Vertrauen der deutschen Kunden zu gewinnen. Und an der Kasse ist die Zurückhaltung gegenüber neuen Dienstleistern noch größer. Nur sieben Prozent der Deutschen haben bislang kontaktlos mit ihrem Smartphone oder eine NFC-Karte an der Kasse gezahlt, zeigt eine Studie der Berater von Oliver Wyman.

Sollte Apple also mit einer neuen Kreditkarte auf den Markt kommen, wie das "Wall Street Journal" am Donnerstag berichtete, und das Produkt anschließend auch in Deutschland etablieren, wäre sie selbst hier nur ein weiteres Me-Too-Produkt. So viel ist klar. Auch, wenn weder Apple noch Goldman Sachs bislang Details zum gemeinsamen Projekt offenbaren wollten.

Und doch könnte Apple den deutschen Markt mächtig aufrütteln: Weil es den teuren Kontomodellen der etablierten Banken Konkurrenz machen würde. Und weil es Innovationen auf dem Zahlmarkt einen neuen Schub verpassen dürfte. Wichtigste Voraussetzung dafür: Apple hat die Finanzkraft, von der Banken im Niedrigzinsumfeld derzeit nur träumen können. 285 Milliarden Dollar lagen bei Apple Ende 2017 an Cash auf der hohen Kante. Der Konzern könnte es sich leisten, Privatkunden anzulocken: Warum nicht gemeinsam mit Goldman Sachs ein kostenloses Bankkonto anbieten? Mit kostenloser Kreditkarte? Allein das wäre auf dem deutschen Markt schon eine Rarität. Neben DKB, ING Diba und Comdirect gibt es für deutsche Kunden kaum noch echte Kostenloskonten.

Denn für Apple dürfte das Kreditgeschäft lediglich Türöffner sein, um Kunden an seine Produkte heranzuführen; Apple Music zum Beispiel; oder einen möglicherweise erscheinenden Videodienst, der Netflix Konkurrenz machen würde. Oder ihnen die Ratenzahlung für seine Premium-Smartphones schmackhaft machen.

Dann würde Apple die Bankkonten heftig subventionieren. Und möglicherweise auch seinem Zahldienst Apple Pay einen Schub verpassen. Laut dem Blog Apfel.Cash haben Nutzer bereits an über 2600 Kassen in Deutschland mit Apple Pay bezahlt. Obwohl der Dienst in Deutschland offiziell nicht gestartet ist. Wie das geht? Nahezu jeder Zahlterminal von Firmen wie Ingenico, Verifone oder dem Start-up SumUp, der kontaktlose NFC-Zahlungen abwickelt, kommt auch mit Apple Pay klar. Nur, dass Kunden mit einem deutschen Bankkonto außen vor bleiben. Bislang können nur ausländische Karten, etwa aus Großbritannien oder den USA, in der App von Apple hinterlegt werden.

Vor ein paar Jahren präsentierte die Fintech-Branche spannende neue Zahlkonzepte, auch in Deutschland. Sogar per Gesichtserkennung konnte man testweise seinen Kaffee an der Kasse zahlen. Zu früh und zu mutig waren diese Konzepte. Mittlerweile hat sich der Hype um die Zahlinnovationen gelegt. Cash, EC-Karte, Paypal und seltener die Kreditkarte genügen den Deutschen.

Mit Apple könnten die Zahlinnovationen wieder an Relevanz gewinnen. Dass die gemeinsame Kreditkarte mit Goldman Sachs auch in den USA erst ab 2019 kommen dürfte, macht nichts. Denn in Deutschland wird sich auch bis 2020 kaum etwas daran ändern, wie die Kunden an der Kasse bezahlen. Viel Spielraum also für mächtige Neueinsteiger wie Apple. Und es über ein klassisches Konto samt Kreditkarte zu versuchen, dürfte erfolgreicher sein, als gleich einen mobilen Zahldienst wie Apple Pay zu etablieren.

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