Banken schließen Zweigstellen Nach dem Filialsterben kommt die Handy-Bank

Deutsche Geldhäuser schließen Hunderte Zweigstellen, um Kosten zu sparen, immer mehr Bankkunden nutzen Online-Angebote. Doch der Kahlschlag vor Ort überfordert viele Kunden – und auch manchen Banker.

HypoVereinsbank Quelle: dpa

Jetzt muss alles raus, und das ganz schnell. Um halb zehn hat die Filiale der Volksbank im nördlichen Frankfurter Vorort Harheim wie immer geöffnet, aber die Packer verrichten schon fleißig ihr Werk. Vor dem Eingang steht der Lieferwagen der „Tresorprofis“, auf einer Leiter schraubt ein Arbeiter das Firmenschild ab, seine Kollegen schleppen Kisten mit Unterlagen aus dem Gebäude. Ein Rentner fährt mit dem Fahrrad vor, ein anderer kommt im beigen Opel Omega, sie machen Abschiedsbesuche, gehen an den Schalter, heben Bargeld ab. Die beiden Berater kennen sie mit Namen. „Letzter Tag, schlimm, schlimm“ murmelt einer, während um ihn herum all das verschwindet, was über Jahrzehnte unverändert geblieben ist.

Frankfurt ist Deutschlands Bankenmetropole. Aber einer der großen Trends des Gewerbes lässt sich besonders schön im dörflichen Vorort Harheim besichtigen: Es gibt hier nun keine Filiale mehr, was bleibt, ist ein Geldautomat der Postbank.

Seit Jahren rechnen Berater und Analysten vor, dass deutsche Banken sich zu viele Zweigstellen leisten, die viel kosten und wenig einbringen, nicht mehr zeitgemäß sind, und Investitionen in die Digitalisierung blockieren. Trotzdem ist die Zahl der Standorte zwar stetig, aber nur maßvoll gesunken. Nun aber kann es gar nicht schnell genug gehen.

Hier machen Banken Filialen dicht
Zehn Jahre lang hat die Sparkasse Wetzlar ihr Filialnetz nicht angefasst. Jetzt kommt der große Umbau: 15 von 49 Filialen will das Geldhaus aus dem hessischen Fachwerkstädtchen schließen, also gut 30 Prozent. 26 statt bisher 42 Geschäftsstellen sollen bis Ende 2016 noch mit Personal besetzt sein. „Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir auf geänderte Kundenanforderungen und betriebswirtschaftliche Belastungen reagieren müssen“, sagt Sparkassenchef Norbert Spory (im Bild). Quelle: Handelsblatt Online
Die Kunden gehen immer weniger in die Bankfiliale. Filialschließungen stoßen trotzdem oft auf Unmut. Zum Beispiel im Wetzlarer Ortsteil Garbenheim. Die Bürger sammelten Unterschriften gegen die Filialschließung, der Sparkassenchef musste seine Pläne im Ortsbeirat verteidigen. Immerhin: Bargeld abheben können die Garbenheimer Sparkassenkunden womöglich künftig bei einem Lebensmittelladen. Eine Reportage über das Filialsterben lesen Sie hier. Quelle: Handelsblatt Online
Zusammen kommen die 416 deutschen Sparkassen noch auf mehr als 12.000 mit Mitarbeitern besetzte Filialen. Vor zehn Jahren waren es noch rund 19.000. Es wurden also schon etliche Filialen geschlossen, im vergangenen Jahr allerdings schrumpfte die Zahl nur leicht. Das wird sich nach Einschätzung von Experten nun ändern. Sie gehen davon aus, dass etliche Sparkassen in den nächsten Jahren 20 bis 30 Prozent der Filialen streichen. Quelle: Handelsblatt Online
Die Sparkasse Duisburg feiert einmal im Jahr eine Gala (im Bild: Kabarettist Wolfgang Trepper). Doch für Schlagzeilen sorgte zuletzt, dass die Sparkasse Duisburg zwar mehr Geldautomaten aufstellen möchte – bis 2022 aber die Hälfte der mit Mitarbeitern besetzen Geschäftsstellen schließen, wie sie Ende Mai ankündigte. Das Institut verweist darauf, dass die heutige Filialdichte „in weiten Teilen aber dem Netz der 80iger Jahre“ entspreche. Damals allerdings hatte Duisburg noch mehr Einwohner als heute. Quelle: IMAGO
Im sächsischen Landtagswahlkampf spazierte Kanzlerin Angela Merkel im Sommer 2014 durch Annaberg-Buchholz – im Hintergrund eine Sparkassen-Filiale. Auch die Erzgebirgssparkasse dampft ihr Filialnetz ein. Nach der Fusion mehrerer Institute wurden binnen kurzer Zeit 38 von 95 Filialen geschlossen. Auch hier regte sich Protest. Immerhin: An Bargeld kommen die Kunden nun auch in 30 sogenannter Agenturen – oft Geschäfte, die im Auftrag der Sparkasse diese Dienstleistung übernommen haben. Darunter ist beispielsweise ein Fahrradladen. Quelle: dpa
Auch die Sparkasse Osnabrück will ihr Filialnetz ausdünnen. 17 von 58 Filialen sollen geschlossen werden. Investieren will das Geldhaus – wie andere Sparkassen auch – unter anderem in das Onlinebanking und in die Kundenbetreuung per Telefon und Chat. Trotzdem ist Sparkassenchef Johannes Hartig die Präsenz vor Ort wichtig. „Das Filialnetz ist und bleibt der genetische Code unserer Sparkasse!“, sagt er. Quelle: IMAGO
Zu den Sparkassen, die jetzt Filialen in größerem Stil streichen, gehört auch die Sparkasse Koblenz. Sie macht zehn von 48 Zweigstellen zu. „Wir müssen die Sparkasse jetzt so aufstellen, dass sie den geänderten Anforderungen unserer Kunden gerecht wird und für die künftigen Herausforderungen gewappnet ist. Wir dürfen nicht warten, bis es für eine positive Beeinflussung vielleicht zu spät ist“, sagt Sparkassenchef Matthias Nester. Trotzdem sind auch für ihn die Geschäftsstellen der „genetische Code unserer Sparkasse“. Quelle: IMAGO

Die Banken fliehen aus der Fläche, schließen deutschlandweit Hunderte Filialen. Die HypoVereinsbank hat knapp die Hälfte dichtgemacht, die Deutsche Bank verabschiedet sich von bis zu 200 Filialen, die Commerzbank hält vorerst an ihrem Netz fest, hat aber in den vergangenen Jahren schon 500 Zweigstellen geschlossen. Volks- und Raiffeisenbanken – die wie die Sparkassen gut ein Drittel der bundesweit 35.000 Bankfilialen betreiben – wollen in den nächsten drei Jahren bis zu 2500 Zweigstellen wegfallen lassen.

Wo man auch hinschaut, ist der Prozess in vollem Gange: Die Sparkasse Koblenz schließt 10 von 48 Filialen, die Kreissparkasse Herzogtum Lauenburg sieben, die Sparkasse Hanauerland hat Anfang August 6 von 17 Standorten aufgegeben; die Sparkasse Märkisch-Oderland verabschiedet sich von 6 Filialen, die Sparkasse Wetzlar von 17, die Volksbank Kaufbeuren-Ostallgäu von fünf, die Volksbank an der Niers von sieben, die Volksbank Münsingen von 13. Und so weiter und so fort.

Es spricht ja auch alles dafür, zumindest auf den ersten Blick. Die niedrigen Zinsen drücken die Erträge im Geschäft mit Krediten und Einlagen, die Regulierer belasten mit Beratungsprotokollen und anderen Vorgaben das Geschäft. Der Kostendruck ist enorm. Selbst Bankenaufseher empfehlen den Abschied von Filialen, um die Erträge zu stabilisieren.

Schließlich hat sich auch das Kundenverhalten geändert: Viele besuchen die Filiale nur, um Geld am Automaten abzuheben. 65 Prozent nutzen das Internet für Bankgeschäfte, mehr als die Hälfte aller Kunden erscheint nicht öfter als einmal im Jahr zum Gespräch. Und der Trend setzt sich fort, demnächst soll auch noch das Smartphone zum Geldsteuerer werden.

Trotzdem ist der Filial-Kahlschlag eine gefährliche Gratwanderung. Denn auch wenn die Zahl der Internetkunden steigt, sind deutsche Bankkunden bei neuen Techniken skeptisch. Nur 19 Prozent erledigen Geschäfte mobil, in kaum einem anderen Land sind es weniger. Gerade bei komplexen Themen bleibt persönlicher Kontakt unverzichtbar. „Selbst junge Kunden wollen die Option haben, sich persönlich beraten zu lassen“, sagt Martin Zielke, Privatkundenvorstand der Commerzbank.

Das macht den Umbau des Kundengeschäfts zur echten Herausforderung: Es reicht nicht, einfach nur Filialen zu schließen und darauf zu hoffen, dass die Kunden schon dabeibleiben. Denn der Filial-Kahlschlag an sich überfordert viele Kunden. Wie schaffen es Banken also, gleichzeitig die Kosten im Griff und Kunden im Geschäft zu halten?

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