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Boom der vergangenen Jahre ist vorbei Jetzt kämpfen auch Sparkassen ums Überleben

Der Boom der vergangenen Jahre ist vorbei. Die niedrigen Zinsen belasten die Ergebnisse der Institute so stark, dass viele ums Überleben werden kämpfen müssen. Die Sparkassen müssen sich radikal reformieren, um eine Zukunft zu haben.

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Die fetten Jahre sind bei den Sparkassen jetzt auch vorbei. Manche Institute drohen gar ganz auseinander zu brechen. Quelle: Marcel Stahn

Vor der Mehrzweckhalle in Düren wehen um kurz vor 19 Uhr zwei Sparkassen-Fahnen müde im März-Wind. Die meisten der 2200 Gäste sind bereits drinnen im rot beleuchteten Innenraum und rutschen auf den Sitzflächen ihrer roten Tribünen-Stühle mit dem Sparkassenlogo herum. „Wann kommt denn der Howie?“, ist die meistgestellte Frage an diesem bodenständigen Abend – ob am Getränkestand oder an der Frikadellenbude.

Die Sparkasse Düren hat Schlagersänger Howard Carpendale in den 90.000-Seelen-Ort zwischen Aachen und Köln geladen. Eine Gruppe Mittvierzigerinnen drängelt sich am Absperrgitter, als ihr Idol die Bühne betritt. „Howie, Howie“, tönt es. „Sind Sie alle Kunden der Sparkasse?“, fragt der 67-Jährige. „Welche Sparkasse ist es noch mal? Zypern? Düren? So wie Sie alle lächeln, muss es Düren sein.“

Sparkassenchef Herbert Schmidt kann zufrieden sein. Er hat seine Kundinnen mit Howard Carpendale glücklich gemacht und stellvertretend für alle 422 deutschen Institute deren Botschaften unters Volk gebracht. Nämlich: Auch wenn Europa taumelt, ist das Geld bei den Sparkassen sicher. Sie sind nicht abgehoben, sondern nah bei den Menschen. Sie betreiben kein Bonibankertum, sondern ehrliches Handwerk. Das Image hat die Kunden gerade nach der Finanzkrise 2008 überzeugt. Da trugen sie ihr Geld am liebsten in die Geldhäuser mit dem roten S. Die Kundeneinlagen kletterten von 742 Milliarden Euro 2008 auf 799 Milliarden Euro 2012.

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Sparkassen und EZB

Doch mit den guten Jahren ist es vorbei, auf die Sparkassen rollt eine Krise zu. Schuld daran ist vor allem die Europäische Zentralbank. Seit sie Geld quasi zum Nulltarif verleiht, sind die Zinsen für langfristige Anlagen in den Keller gerauscht. Weder Unternehmens- noch Staatsanleihen bringen bei akzeptablem Risiko noch annehmbare Renditen. Die Sparkassen trifft das besonders hart. Sie nehmen viel mehr Kundeneinlagen an, als sie Kredite unters Volk bringen können. Den Überschuss legen sie an. Immer mehr alte, hoch verzinste Anleihen laufen aus und können nur durch neue, schlecht verzinste ersetzt werden. Experten erwarten den Knall für 2016.

Schon jetzt lasten Beteiligungen auf den Sparkassenbilanzen. Als Milliardenflop hat sich die 2007 gemeinsam übernommene Landesbank Berlin entpuppt. Auf ihre Beteiligung mussten die Institute 2,2 Milliarden Euro abschreiben. Hinzu kommen die Schieflagen von Landesbanken. An den Desastern sind die Sparkassen mit schuld: Ihre Vertreter in den Aufsichtsgremien hatten die Käufe von US-Schrottpapieren geduldet. Die Sparkassen in Baden-Württemberg haben die LBBW mit 1,8 Milliarden Euro gestützt, die bayrischen Institute halfen ihrer Landesbank mit 1,7 Milliarden. Um was die Institute ihre Beteiligungen abschreiben müssen, ist nicht transparent. Der Wert der HSH Nordbank dürfte sich um etwa 500 Millionen reduziert haben. Und die Abwicklung der WestLB dürfte die nordrhein-westfälischen Institute bis zu sechs Milliarden Euro kosten.

Der demografische Trend ist auch nicht ihr Freund. Kunden werden älter, andere ziehen in Städte, wo die Sparkasse nur eine Bank von vielen ist. Ihr großes, einzigartiges Filialnetz können sie sich so kaum noch leisten.

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Merkel und Weidmann auf dem Sparkassentag

Solche Misstöne werden kaum zu hören sein, wenn sich an diesem Mittwoch rund 2500 Gesandte zum Sparkassentag in Dresden treffen. Kanzlerin Angela Merkel wird ebenso da sein wie Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Das Treffen wird der bisher größte Auftritt in der einjährigen Amtszeit von Georg Fahrenschon an der Spitze des Sparkassenverbandes DSGV. Schon Wochen zuvor ist der ehemalige bayrische Finanzminister viel unterwegs. Früh ist er aus München nach Berlin geflogen, hastet in die DSGV-Zentrale in der Charlottenstraße, an der ein rotes S prangt, und fährt mit dem Glasaufzug nach ganz oben. Er hat sich perfekt in seine Rolle als Lobbyist eingefunden, bei Terminen trägt er rote Krawatte, die typischen Floskeln sprudeln nur so aus ihm heraus. „Wir wollen vor Ort und unseren Kunden nahe sein“, sagt er. „Wir sehen die Zukunft nicht darin, Kunden in eine menschenleere Technikhalle zu schicken.“ Und: „Die Kunden vertrauen den Sparkassen.“

Verschönerung des Rathauses

Als Politiker hat er gelernt, heikle Fragen zu beantworten, indem er sie nicht beantwortet. Die Niedrigzinsen erklärt er zur Herausforderung „einer Gesellschaft, die auf Substanz und Stabilität Wert legt“. Zu den Folgen für die Sparkassen ist ihm bei mehrmaliger Nachfrage nur zu entlocken, dass „wir vorbereitet sind und auch mit niedrigen Zinsen arbeiten können“.

Noch ist von der kommenden Krise wenig zu sehen. 4,4 Milliarden Euro verdienten die Sparkassen bei einer Bilanzsumme von 1,1 Billionen Euro 2012 insgesamt vor Steuern. Das sind sieben Prozent weniger als 2011, aber mehr als fünfmal so viel wie die Deutsche Bank, die bei einer Bilanzsumme von zwei Billionen Euro nur auf knapp 800 Millionen kam. So kann die Illusion noch eine Weile bestehen bleiben, dass die guten Zeiten weitergehen.

Da verdienten die Sparkassen mit ihren Wertpapierdepots das Geld wie im Schlaf. Kommunalpolitiker, die sie als Verwaltungsräte kontrollieren, konnten sich freuen, vor Ort eine Art schwarze Kasse zu haben, die bei Anruf Trikots für den Sportverein oder die Verschönerung des Rathauses zahlte.

Kein Wunder, dass sie den Zustand verteidigen wollen. So wie im Landkreis Kleve an der niederländischen Grenze. Hier haben Kaffeeröstereien, Logistiker und Unternehmen wie Katjes und Bofrost ihren Sitz – und jede Menge Sparkassen. Für die 300.000 Einwohner in Goch, Kleve, Emmerich und Straelen gibt es vier selbstständige Institute. Ehe die Sparkasse Krefeld das in Not geratene Institut in Geldern Anfang 2007 übernahm, waren es sogar fünf.

Grafik Wie die Sparkassen ihr Geld investieren

Traumatisches Erlebnis

Für die Politiker war das offenbar ein traumatisches Erlebnis, das sie sich nicht noch mal antun wollten. So pumpte der Kreis Kleve Ende 2012 zehn Millionen Euro in die mit 50.000 Privatkunden kleine Sparkasse Emmerich-Rees. „Das zusätzliche Eigenkapital macht das Institut fit für die Zukunft“, sagt Emmerichs Bürgermeister Johannes Diks (CDU). Eine Fusion mit anderen Kassen hatten die Politiker verworfen. „Jetzt können wir mittelständische Unternehmen noch besser fördern“, sagt Sparkassenchef Horst Balkmann. Nebenbei ist gesichert, dass jährlich rund 200.000 Euro Spenden vor Ort ankommen.

„Für den Kreis ist das eine gute Investition“, meint Balkmann. Das muss er so sagen. Wenn die Geldinfusion auch nur den Anschein einer Rettung hätte, würde die Sparkasse mit elf Filialen ins Visier der Beihilfewächter der Brüsseler EU-Kommission geraten. Problemfrei ist ihre Lage nicht: 2011 machte sie laut Konzernabschluss knapp zwei Millionen Euro Verlust.

Geflecht von Firmen

Die Bilanz weist ein Geflecht von Tochterfirmen zur Erschließung von Grundstücken aus, deren Risiken „nach wie vor erheblich sind“. 80 Millionen Euro hat das Institut in „Spezialfonds“ angelegt. Über einen hatte sie griechische Staatsanleihen im Wert von 4,2 Millionen Euro gekauft und mit fast zwei Millionen Euro Verlust wieder verkauft. Zudem liegen in den Fonds strukturierte Produkte, also verbriefte Kredite, im Wert von 25 Millionen Euro. Das Institut nimmt an, dass die Märkte so gestört sind, dass niemand die Papiere kaufen will, und vermeidet so teilweise Abschreibungen.

Dass Sparkassen auch von der Anlage von Wertpapieren leben, wird immer erst publik, wenn sie in Not geraten. Dabei sind die Volumina erheblich. So betrug das Wertpapiervermögen der Kreissparkasse Anhalt-Bitterfeld 2011 stolze 815 Millionen Euro – 171 Millionen Euro mehr, als sie Kredite an die heimische Wirtschaft ausreichte. Die Sparkasse Emmerich-Rees hat Anleihen für 240 Millionen Euro im Depot. Solange die Papiere hohe Renditen abwarfen, ließ es sich gut leben. Die Sparkassen setzten ordentlich Speck an.

In Relation mehr als Ackermann verdient

Ihren Vorständen geht es gut. 2011 kassierte Peter Fröhlich, damals Chef der Sparkasse in Düsseldorf, 664.000 Euro, davon 460.000 Euro als Grundgehalt. In Relation zur Bilanzsumme von 12 Milliarden Euro verdiente er mehr als Josef Ackermann. Der bekam 6,3 Millionen Euro für die Bilanzsumme der Deutschen Bank von 2,2 Billionen. Bei Nachfolger Arndt Hallmann legten die Verwaltungsräte noch mal 100.000 Euro fix drauf. Die Vorstände der Sparkasse Gronau – mit 460 Millionen Euro Bilanzsumme und 120 Mitarbeitern eine der kleinsten im Land – beziehen immerhin noch um die 200.000 Euro Jahresgehalt.

„Goldene Handschläge“ sichern den Vorständen der Stadtsparkasse Düsseldorf zudem für den Fall, dass ihr Vertrag nicht verlängert wird, ein Übergangsgeld bis zur Rente. Einem Vorstand der Sparkasse Sprockhövel garantiert sein Vertrag ein Jahresgehalt als Abfindung, falls er ohne seine Schuld nicht verlängert wird. Das findet sich so bei vielen Sparkassen. In den Geschäftsberichten heißt es, dass sie sich dabei an Empfehlungen der Sparkassenverbände orientieren. Die aber sind geheim.

Genauso wie die Verteilung ihrer Wohltaten. Sparkassen stiften einen Großteil ihrer Erträge für gemeinnützige Zwecke. Mal wird der Dorfkindergarten mit einer Schaukel bedacht, mal die Musikschule mit Instrumenten. Wer wie viel und warum erhält, ist nicht transparent. Gerechtfertigt wird das meist damit, dass man keine Begehrlichkeiten wecken wolle. Der grüne Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer war 15 Jahre Mitglied im Verwaltungsrat der Sparkasse Düren und ärgert sich maßlos, dass niemand wissen darf, was mit deren Gewinnen passiert. „Würde das veröffentlicht, würde das Geld anders verteilt.“

Anzahl der Sparkassen und ihrer Filialen seit 1998

Verschwendung statt Ideen

Die wenigen Informationen über die Spendenpolitik der Sparkasse Düren, die an die Öffentlichkeit gelangen, werfen Fragen auf. So etwa die Beziehung zur Entwicklungsgesellschaft Indeland. Die haben der Kreis Düren und einige Kommunen gegründet, um Konzepte für die Tagebaufläche Inden zu entwickeln, wenn dort ab 2030 keine Braunkohle mehr gefördert wird. Eine Million Euro schenkt die Sparkasse der Indeland über fünf Jahre.

Dabei fällt Indeland weniger durch kluge Vorschläge als durch Verschwendung auf. So ließ die Gesellschaft 2008 Herbert Grönemeyer für ein Konzert anreisen. Kostenpunkt: mehr als drei Millionen Euro. Am Ende blieb ein Verlust von 400.000 Euro. Zudem hat sie mit Jens Bröker, einem SPD-Politiker aus dem Kreis Düren, einen hauptamtlichen Geschäftsführer eingestellt – ohne Ausschreibung. Der Fünfjahresvertrag sichert ihm ein Fixgehalt von 150.000 Euro im Jahr, zuzüglich Versicherungen und Dienstwagen. Wenn sein Vertrag ausläuft, schließt sich nahtlos ein Beratervertrag an, der Bröker bis zur Rente 85.000 Euro pro Jahr sichert. Die Spende der Sparkasse macht’s möglich.

Kulturinitiative

Sparkassenchef Herbert Schmidt hält die Zuwendung für eine gute Investition. Die Region müsse sich für die Zeit nach dem Tagebau aufstellen. „Es gehört zu unserem öffentlichen Auftrag, dass wir sie dabei unterstützen.“ Am Tagebau hingen 2000 bis 2500 Arbeitsplätze. Wie Indeland das Geld einsetze, habe er nicht zu entscheiden. Es sei lediglich vertraglich geregelt, dass das Geld der Sparkasse nur für Maßnahmen ausgegeben werden dürfe, die dem Strukturwandel dienten. Brökers großzügiger Vertrag geht für Schmidt in Ordnung.

Von der Sparkasse profitiert auch die Kulturinitiative im Kreis Düren, die die Grünen am Ort mal „als Briefkastenverein zur Verwertung von Spenden der Sparkasse“ bezeichneten. Der CDU-Landrat Wolfgang Spelthahn engagiert sich in der Kulturinitiative. Vorsitzende ist mit Käthe Rolfink eine Parteikameradin. Sie will nicht sagen, wie viel Geld sie von der Sparkasse bekommt. Deren Chef Schmidt sagt lediglich, die Initiative erhalte „keinen sechsstelligen Betrag“. Ihn und den Verein würden Verträge zur Verschwiegenheit verpflichten. Die aber hat er selbst ausgehandelt.

Löwe aus Metall

Eine hohe fünfstellige Summe wäre für einen Verein mit 29 Mitgliedern auch schon gewaltig. Für Renommierprojekte ist jedenfalls Geld da: Die Initiative ließ zum Beispiel einen Löwen aus Metall auf dem Vorplatz der Kreisverwaltung aufstellen. 45.000 Euro – so behauptet es die Kreistagsfraktion der Grünen auf ihrer Homepage – ließen die Sparkasse und ihre Stiftungen dafür springen. Die Sparkasse kann nicht sagen, ob die Summe stimmt. „Ich bin davon überzeugt, dass der Löwe für Düren die Bedeutung erlangen wird, die der Eiffelturm für Paris besitzt“, schwärmte ein Vorstand bei der Einweihung. Anderswo dagegen wird gespart: zum Beispiel beim Verein Endart, der sich um drogenabhängige Jugendliche kümmert. Die 5000 Euro, die der Verein für einen Band-Wettbewerb brauchte, konnte die Sparkassenstiftung nicht auf einen Schlag, sondern nur verteilt über zwei Jahre zahlen.

590 Kilometer von Düren entfernt liegt Annaberg-Buchholz. Die Kreisstadt des Erzgebirges sieht aus wie von einer Modelleisenbahnplatte zwischen die Hügel des Erzgebirges gesetzt, das Schaufenster eines Holzfigurenladens wirbt: „Neue Wichtel eingetroffen“. Ein paar Touristen spazieren durch die lückenhafte Idylle: Geschäfte suchen Mieter, bei manchen Häusern sind die Fenster zerbrochen.

90.000 Einwohner hat der sächsische Kreis in den vergangenen 20 Jahren verloren. Bis 2025 werden es noch mal 60.000 weniger, und die 300.000 Verbliebenen werden dann im Durchschnitt 52 Jahre alt sein. Statt früher fast 5000 machen jährlich noch 2300 Schüler einen Abschluss. Die Zahlen trägt Sparkassenchef Roland Manz aus einem dicken Hefter mit der Aufschrift „Strategie“ vor. „Wir bewegen uns in einem schrumpfenden Markt“, sagt er. Das ist so, seit er 1990 als junger Sparkassenmanager aus Bayern zugewandert ist.

Sparen

Die Sparkasse muss sparen. Nur an einer Stelle wird der Rotstift nicht angesetzt: 1,2 Millionen Euro hat sie 2012 für Spenden ausgegeben, und das nicht bloß für Kleckerprojekte, sondern auch für Spitzensport. Seit Jahren unterstützt sie die Winterathleten in Oberwiesenthal, seit 2011 kickt zudem der aktuell abstiegsbedrohte Zweitligist aus Aue im „Sparkassen-Erzgebirgsstadion“. Für zehn Jahre hat sich das Institut die Namensrechte gesichert.

Ihr Slogan „Wir sind Erzgebirge“ prangt nun an der altertümlichen Sportstätte, und im Sommer darf dann auch mal ein Sparkassenteam gegen die Profikicker ran. „Ein Signal der Verbundenheit mit der Region“, sagt Manz. „Auch im Erzgebirge sind Spitzenleistungen möglich.“ Weiterer Vorteil: Die Eintrittspreise bleiben moderat.

Sind das die Aufgaben der Sparkasse?

Aber sind solche Imageprojekte wirklich Aufgaben der Sparkasse? Klare Regeln fehlen. In der Praxis kungeln Sparkassenmanager und Lokalpolitiker aus, was mit dem Geld geschieht. „Eigentlich dürften sie Sponsoring nur so betreiben, dass wirklich alle Einwohner davon profitieren“, sagt der Frankfurter Juraprofessor Helmut Siekmann. „Und statt üppiger Spenden müssten die Sparkassen, wenn sie hohe Gewinne erzielen, ihre Konditionen kundenfreundlicher machen.“ Schließlich sei es ihr öffentlicher Auftrag, Finanzdienstleistungen auch für ärmere Bevölkerungsschichten möglichst günstig anzubieten.

Doch die Sparkassen haben vielerorts ganz andere Probleme. Sie stehen unter Kostendruck – auch im Erzgebirge, wo sich gerade drei Sparkassen zusammengeschlossen haben. „Wir durchleuchten alle 97 Filialen genau“, sagt Chef Manz. Alle können nicht bleiben, es geht um Alternativkonzepte. In 16 Einzelhandelsläden können Kunden mit der EC-Karte Geld abheben. Die Sparkasse macht auch mit beim Projekt „Große Emma“ des Ostdeutschen Verbandes. Dabei nutzen etwa Versicherungen und Stromerzeuger die Gebäude mit, um ihre Produkte zu vertreiben. So sinken die Kosten für jeden Mieter. Zudem hat Manz neun knallrote Minis angeschafft, die mit dem Aufdruck „Ihre Sparkasse für zu Hause“ zu den Kunden rollen.

Niedrigzinsen im Osten

Ein Grundproblem aber wird schon im Foyer der Zentrale offensichtlich, wo ein Zweifamilienhaus für 39.000 Euro angeboten wird. „Die Preise haben sich stabilisiert, die Nachfrage steigt“, sagt Manz. Und es gebe viele Mittelständler, die Kredite nachfragten. Dennoch haben die Kunden der Sparkasse doppelt so viel Geld anvertraut, wie sie an Krediten ausgereicht hat.

Das ist fast überall im Osten so, und deshalb belasten die Niedrigzinsen dort besonders stark. Letztlich treffen die gedrückten Renditen aber alle Banken mit starkem Einlagengeschäft, auch die Volksbanken und die Postbank. Die Renditen für Unternehmens- oder Staatsanleihen haben Tiefststände erreicht, eine Aufwärtsbewegung ist nicht absehbar (siehe Grafik). Weil die Konditionen, die Sparkassen an ihre Kunden zahlen müssen, damit die ihnen das Geld überlassen, nicht im selben Tempo sinken, sinkt die Zinsmarge und damit der mögliche Gewinn.

Bislang macht sich das in den Bilanzen kaum bemerkbar. Bundesweit fiel der Rückgang des Zinsergebnisses mit 1,6 Prozent moderat aus. Der Zinsüberschuss der Sparkasse Bodensee sank 2012 im Vergleich zum Vorjahr um zwei Prozent auf 72,3 Millionen Euro. Beim Sparkassenprimus aus Hamburg, der Haspa, ging der Zinsüberschuss im selben Zeitraum schon um 5,4 Prozent auf 729 Millionen Euro zurück. In Düsseldorf sank er um 30 Millionen auf 236 Millionen Euro.

Renditen deutscher Staatsanleihen

Zinsen

„Noch sind die Niedrigzinsen nicht voll spürbar“, sagt der frühere Kapitalmarktvorstand einer Großbank. Denn die Sparkassen halten noch viele länger laufende Papiere, die höher verzinst sind. Wenn diese auslaufen, müssen sie durch neue, schlecht verzinste ersetzt werden.

Wenn die Zinsen irgendwann wieder steigen, verzögert sich die Erholung der Renditen entsprechend: Selbst wenn der Durchschnittszins aller umlaufenden Anleihen von aktuell 1,4 bis 2016 wieder auf drei Prozent steigt, werden die Renditen für die Wertpapierportfolios der Sparkassen bis 2018 weiter fallen, weil die aktuellen Tiefststände so lange nachwirken.

Aggressive Angebote

Steigende Langfristzinsen können auch Nachteile haben: Dann sinkt der Marktwert schlecht verzinster Anleihen. Hat eine Sparkasse solche im sogenannten Handelsbestand verbucht, was manche so handhaben, muss sie diese abschreiben. Weiteres Risiko: Konkurrenten könnten mit aggressiven Tagesgeldangeboten an den Markt gehen und so die Sparkassen zwingen, ihre Konditionen ebenfalls zu verbessern. Dann bleibt die Zinsmarge auch bei steigenden Anlagezinsen niedrig.

Lösen lässt sich das Zinsproblem nur auf zwei Weisen: Die Sparkassen können riskantere Wertpapiere kaufen, die mehr Zinsen abwerfen. Das allerdings passt nicht zu ihrer soliden Philosophie. Deshalb müssen die Kosten runter. Die Kreissparkasse Köln etwa schließt in diesem Jahr jede fünfte ihrer 216 Filialen. 2,5 Millionen Euro sollen dadurch pro Jahr eingespart werden. Schließungen sind jedoch limitiert. Denn die Sparkassengesetze verpflichten sie dazu, die Bevölkerung in der ganzen Region mit Bargeld und Krediten zu versorgen.

Mehr Geld

„Mitarbeiter einer öffentlich-rechtlichen Sparkasse sind nur schwer kündbar“, klagt zudem der Chef einer westfälischen Sparkasse. „Ich habe da keinerlei Spielraum.“ Entlassungen sind teuer, „so teuer, dass es sich in meiner Amtszeit nicht mehr rentiert“, sagt ein anderer Sparkassenvorstand. Also vererbt man das Problem an den Nachfolger. Wie lange lässt sich dieser Kurs noch durchhalten? Zwei Jahre noch, sagt der westfälische Sparkassenchef. Und wenn die Zinsen dann nicht wieder steigen? „Dann haben wir ein Problem.“

Das haben bereits die 14 Sparkassen in Schleswig-Holstein. Drei von ihnen mussten in jüngerer Zeit gerettet werden. Drei weitere sollen schwer angeschlagen sein. Die Sparkasse Südholstein brauchte 2009 110 Millionen Euro. Die soll sie bis 2019 an die Stützungsfonds der Sparkassen in Land und Bund zurückzahlen. Ob sie das schafft, ist offen. Derzeit sieht es eher danach aus, als würde sie noch mehr Geld brauchen. Grund waren Abschreibungen auf die Beteiligung an der maroden HSH Nordbank.

Bürgerstiftung

Im nördlichsten Bundesland zeigt sich die Schwäche des so offensiv beworbenen Sicherungssystems, bei dem in Schieflage geratene Sparkassen möglichst von anderen aufgenommen werden. Zwar hat so noch nie ein Sparkassenkunde Geld verloren. Ein Krisenhaus kann aber gesunde anstecken. So schluckte die Nordostseesparkasse (Nospa) 2008 die Sparkasse Flensburg, die sich unter anderem mit Krediten an das Erotikunternehmen Beate Uhse verhoben hatte. Doch die Nospa war selbst zu schwach und brauchte 2010 180 Millionen Euro aus dem Rettungsfonds.

Obwohl sie selbst ein Sanierungsfall ist, muss sie erneut als Retter in der Not antreten und die kleine Spar- und Leihkasse zu Bredstedt, deren Geschäftsgebiet von dem der Nospa umschlossen ist, auffangen.

Das Institut in Bredstedt gehört mehrheitlich nicht der Kommune, sondern einer Bürgerstiftung. Und die wollte viel Gutes tun. Unter ihrer Anweisung gab die Sparkasse schließlich 45 Prozent aller Kredite für erneuerbare Energien, für Biomasse und Windräder aus. Sie avancierte sogar außerhalb der Landesgrenzen zum Konsortialführer bei Finanzierungen. Dabei fehlte es an Kapital, um die Kredite ausreichend zu decken mit der Folge, dass nun laut Geschäftsbericht die „Risikotragfähigkeit nicht mehr gegeben ist“. Zunächst retteten die Hamburger Sparkasse und der Verband in Schleswig Holstein die Bredstedter vor der Pleite.

Banken



Innovative Ideen

Dass die Sparkassen zuletzt überzeugende Ergebnisse lieferten, liegt daran, dass die Wirtschaft läuft und sie weniger Geld als üblich für Kreditausfälle zurückstellen mussten. Trübt sich die Lage ein, drohen Belastungen. Die Sparkassen müssen sich also wandeln, um sich erhalten zu können. Sie können ihr solides Image und die Nähe zu den Bürgern nutzen, um die mit innovativen Ideen an sich zu binden. Es gibt auf den unterschiedlichen Ebenen der Organisation auch einige vielversprechende Pilotprojekte.

Eins steht jedenfalls fest: Wenn es die Sparkassen nicht mehr gäbe, würde den Bürgern etwas fehlen. Auch in Düren. In der Arena steht nach dem Konzert noch eine alte Dame herum. Als ein Sparkassenmitarbeiter vorbeigeht, drückt sie ihm einen Brief für Howard Carpendale in die Hand. „Na klar. Ich gebe das weiter“, versichert er. Das ist Sparkasse in Reinkultur.

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