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Brexit Frankfurt braucht einen langen Atem

Obwohl viele Banken Interesse an Frankfurt bekunden, dürften sich die tatsächlichen Umzüge von Londoner Bankern zunächst in Grenzen halten. Frankfurt muss abwarten - und braucht arbeitsrechtliche Unterstützung aus Berlin.

Frankfurt wartet auf Londons Banker. Quelle: dpa

Mit ein bisschen Glück könnte der Finanzplatz Frankfurt für internationale Banken das Tor nach Europa werden. Die Stadt könnte das "Einfallstor" werden, erklärte Michael Kemmer, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken (BdB) am Donnerstag in Frankfurt. Die Chancen, das Frankfurt profitiert, stünden gut. Zu hoch hängen sollte man die Erwartungen allerdings nicht.

Auf eine feste Anzahl von Bankern, die von der Themse an den Main kommen könnten, wollte sich Kemmer demnach nicht festlegen. "In der ersten Welle werden es vermutlich nicht so viele sein", sagt er. Viele würden wohl zunächst Pendeln und ihren Wohnsitz wenn überhaupt schrittweise nach Frankfurt verlegen.

Da sich die britische Premierministerin Theresa May mittlerweile für einen harten Brexit entschieden hat, spitzt sich die Situation für die Finanzindustrie zu. Noch in diesem Frühjahr, so die Meinung der Beteiligten, müssten sich die Banken entscheiden, ob sie Teile aus London nach Frankfurt oder an andere Finanzplätze wie Paris oder Dublin verlegen wollen. In London zumindest können sie nach dem Brexit ihr Europageschäft nicht mehr abwickeln, denn Großbritannien wird dann Drittstaat und Banken können das sogenannte EU-Passporting dort künftig nicht mehr nutzen.

Diese Städte wollen das nächste London sein
Die irische Hauptstadt lockt vor allem mit niedrigen Steuersätzen für Unternehmen. Damit hat Irland bereits große US-Konzerne überzeugt – und zugleich Kritik auf sich gezogen. Der IT-Riese Google zum Beispiel muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er deutschen Fiskus austrickst. Quelle: imago
Um sich dem Zugriff des Staates zu entziehen, verschieben einige Unternehmen über ihre Niederlassungen in Irland Gewinne in andere Steueroasen. Punkten kann Dublin natürlich auch damit, dass Englisch gesprochen wird. Gegen den Standort spricht aber, dass er nicht gerade zentral in der EU liegt und auch nicht gerade viele Banker unbedingt dort hinziehen werden. Quelle: imago
Der französische Staatschef François Hollande hat gleich Paris als Alternative zu London ins Spiel gebracht – und Banken Hoffnungen auf Steuererleichterungen gemacht . Die Regierung müsse daher „unsere Regeln, darunter die fiskalischen, anpassen, um den Finanzplatz Paris attraktiver zu machen“, sagte Holland. Paris hat als Bankenstadt bereits eine Bedeutung – allein schon, weil die großen französischen Banken dort ihren Hauptsitz haben. Quelle: REUTERS
Und wenn es um Kultur, Lifestyle und Nachtleben geht, hängt Paris sowieso alle anderen Städte ab. Die Attraktivität Paris‘ ist zugleich ein Manko. Die Stadt ist extrem teuer, die Wege sind weit.   Quelle: imago
Dass Luxemburg ein wichtiger Finanzplatz in der EU ist, ist unbestritten. Viele Banken, Fondsgesellschaften und Dienstleister haben dort große Büros. Der Großteil der Fonds, die in Deutschland verkauft werden, wurde nach den Luxemburger Regeln gestartet. Quelle: dpa
Und ähnlich wie Dublin hat auch das Großherzogtum Unternehmen mit geringen Steuersätzen angelockt. Diese Praxis ist aber mehr denn je hochumstritten. Zudem ist die Stadt mit rund 110.000 Einwohnern alles andere als groß. Fraglich wäre, ob dort einfach tausende weiterer Banker hinziehen könnten. Quelle: imago
New York ist das globale Finanzzentrum. Entsprechen viele Banken aus aller Welt haben ohnehin einen großen Standort dort. Deshalb dürfte in einigen Fällen – wenn es nicht um Europageschäft geht – naheliegend sein, Jobs von London nach New York zu verlagern. In einer Umfrage der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group nannten Topbanker von sich aus New York  als beste Alternative zu London. Quelle: AP

Interessant wird aus Sicht des Bankenverbandes vor allem sein, wie sich die Banken aus Drittstaaten entscheiden, etwa US-Banken, die ihr Europa-Geschäft bisher aus London betrieben haben. Entweder sie verlagern ihre Zentralen an einen EU-Standort, oder sie ziehen sich an ihren Heimatstandort zurück. Letzteres ist aus Sicht von Kemmer das schlechteste Szenario. "Dann hätten wir wirklich mit Zitronen gehandelt."

Arbeitsrecht entscheidend

Für Frankfurt dürfte am Ende nicht entscheidend sein, ob die verwöhnten Londoner Banker sich mit den bodenständigen Frankfurter Bars anfreunden können, sondern, ob Berlin sich dazu durchringen kann, den Kündigungsschutz zu lockern. Das erste Argument gegen Frankfurt, erzählt Kemmer, sei immer das Arbeitsrecht. Die Banken befürchten, ihre teuren Investmentbanker im Zweifel nicht schnell los zu werden. Auch der Bankenverband plädiert dafür, für sehr gut verdienende Mitarbeiter die Kündigungsregeln zu lockern. Noch äußert sich die Regierung nicht offiziell dazu. Zu hören sei aber, dass man dem Thema gegenüber mittlerweile aufgeschlossener ist, so Kemmer.

Große Hoffnungen setzen viele in Frankfurt darauf, dass die Europäische Bankenaufsicht EBA nach Frankfurt kommt. Schließlich wacht hier auch schon die Europäische Zentralbank (EZB) über die Banken der Euro-Zone. Wann es da zu einer Entscheidung kommt, ist aber noch unklar.

Grundsätzliches Interesse an Frankfurt zeigen zahlreiche ausländische Banken. Laut Informationen der Nachrichtenagentur Reuters findet am kommenden Montag ein mehrstündiges Treffen zwischen deutschen Aufsehern und internationalen Bankenvertretern von mehr als 20 Instituten statt, bei dem die BaFin einen Überblick über die wichtigsten Themen geben will. Auch Teilnehmer von Goldman Sachs, Morgan Stanley und der Citigroup haben sich angesagt.

Die britische Bank Barclays plant dagegen laut Insidern, nach Dublin umzuziehen. Laut einem Bloomberg-Bericht könnten 150 Mitarbeiter zusätzlich nach Irland ziehen. Das Beispiel zeigt: Frankfurt mag zwar objektiv betrachtet eine naheliegende Lösung sein, trotzdem liegt die Mainmetropole nicht klar auf der Poleposition. Denn subjektiv gesehen ziehen viele Banker andere Standorte vor. Bis die rund 10.000 Jobs an den Main verlagert wurden, von denen Optimisten ausgehen, ist es noch ein langer Weg.

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