Bundesbank Die Profite von Sparkassen und Volksbanken schrumpfen

Der Niedrigzins lässt die zuletzt noch üppigen Gewinne vor allem kleiner und mittlerer Banken stark einbrechen. Für viele Verbraucher könnte Banking daher teurer werden.

Das Logo der Sparkasse an der Spitze der Düsseldorfer Zentrale. Quelle: dpa

Es ist paradox: Die niedrigen Leitzinsen der Europäischen Zentralbank sollen den Finanzsektor mit Liquidität versorgen und dadurch krisenfester machen. Doch das Gegenteil wird erreicht. Zwar können sich Banken dank der ultralockeren Geldpolitik jederzeit billig Geld besorgen. Doch die Medizin hat eine starke Nebenwirkung: Sie lässt die Gewinne besonders derjenigen Banken deutlich schrumpfen, die stark vom Zinsgeschäft abhängig sind. Im Klartext trifft das solche Institute, die das Spargeld ihrer Kunden als Bau- oder Investitionskredit weiter reichen, also vor allem kleine und mittlere Volksbanken und Sparkassen.

Die Bundesbank und die Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin haben heute Zahlen für den deutschen Markt vorgelegt. Danach sinken die Gewinne vor Steuern laut einer Umfrage bei 1500 kleinen und mittleren Banken bis 2019 um 25 Prozent – falls das Niedrigzinsumfeld bestehen bleibt. Sinken die Zinsen noch weiter, könnten die Profite in einem solchen Szenario sogar um 75 Prozent schrumpfen. Je nach Szenario leiden 40 bis 300 Institute besonders stark.

Hier machen Banken Filialen dicht
Zehn Jahre lang hat die Sparkasse Wetzlar ihr Filialnetz nicht angefasst. Jetzt kommt der große Umbau: 15 von 49 Filialen will das Geldhaus aus dem hessischen Fachwerkstädtchen schließen, also gut 30 Prozent. 26 statt bisher 42 Geschäftsstellen sollen bis Ende 2016 noch mit Personal besetzt sein. „Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir auf geänderte Kundenanforderungen und betriebswirtschaftliche Belastungen reagieren müssen“, sagt Sparkassenchef Norbert Spory (im Bild). Quelle: Handelsblatt Online
Die Kunden gehen immer weniger in die Bankfiliale. Filialschließungen stoßen trotzdem oft auf Unmut. Zum Beispiel im Wetzlarer Ortsteil Garbenheim. Die Bürger sammelten Unterschriften gegen die Filialschließung, der Sparkassenchef musste seine Pläne im Ortsbeirat verteidigen. Immerhin: Bargeld abheben können die Garbenheimer Sparkassenkunden womöglich künftig bei einem Lebensmittelladen. Eine Reportage über das Filialsterben lesen Sie hier. Quelle: Handelsblatt Online
Zusammen kommen die 416 deutschen Sparkassen noch auf mehr als 12.000 mit Mitarbeitern besetzte Filialen. Vor zehn Jahren waren es noch rund 19.000. Es wurden also schon etliche Filialen geschlossen, im vergangenen Jahr allerdings schrumpfte die Zahl nur leicht. Das wird sich nach Einschätzung von Experten nun ändern. Sie gehen davon aus, dass etliche Sparkassen in den nächsten Jahren 20 bis 30 Prozent der Filialen streichen. Quelle: Handelsblatt Online
Die Sparkasse Duisburg feiert einmal im Jahr eine Gala (im Bild: Kabarettist Wolfgang Trepper). Doch für Schlagzeilen sorgte zuletzt, dass die Sparkasse Duisburg zwar mehr Geldautomaten aufstellen möchte – bis 2022 aber die Hälfte der mit Mitarbeitern besetzen Geschäftsstellen schließen, wie sie Ende Mai ankündigte. Das Institut verweist darauf, dass die heutige Filialdichte „in weiten Teilen aber dem Netz der 80iger Jahre“ entspreche. Damals allerdings hatte Duisburg noch mehr Einwohner als heute. Quelle: IMAGO
Im sächsischen Landtagswahlkampf spazierte Kanzlerin Angela Merkel im Sommer 2014 durch Annaberg-Buchholz – im Hintergrund eine Sparkassen-Filiale. Auch die Erzgebirgssparkasse dampft ihr Filialnetz ein. Nach der Fusion mehrerer Institute wurden binnen kurzer Zeit 38 von 95 Filialen geschlossen. Auch hier regte sich Protest. Immerhin: An Bargeld kommen die Kunden nun auch in 30 sogenannter Agenturen – oft Geschäfte, die im Auftrag der Sparkasse diese Dienstleistung übernommen haben. Darunter ist beispielsweise ein Fahrradladen. Quelle: dpa
Auch die Sparkasse Osnabrück will ihr Filialnetz ausdünnen. 17 von 58 Filialen sollen geschlossen werden. Investieren will das Geldhaus – wie andere Sparkassen auch – unter anderem in das Onlinebanking und in die Kundenbetreuung per Telefon und Chat. Trotzdem ist Sparkassenchef Johannes Hartig die Präsenz vor Ort wichtig. „Das Filialnetz ist und bleibt der genetische Code unserer Sparkasse!“, sagt er. Quelle: IMAGO
Zu den Sparkassen, die jetzt Filialen in größerem Stil streichen, gehört auch die Sparkasse Koblenz. Sie macht zehn von 48 Zweigstellen zu. „Wir müssen die Sparkasse jetzt so aufstellen, dass sie den geänderten Anforderungen unserer Kunden gerecht wird und für die künftigen Herausforderungen gewappnet ist. Wir dürfen nicht warten, bis es für eine positive Beeinflussung vielleicht zu spät ist“, sagt Sparkassenchef Matthias Nester. Trotzdem sind auch für ihn die Geschäftsstellen der „genetische Code unserer Sparkasse“. Quelle: IMAGO
Auch in Nienburg an der Weser stehen Filialschließungen bei Sparkasse und Volksbank an. Beide machten ihre Pläne sogar fast zeitglich bekannt. Die Volksbank Nienburg streicht sechs von 18 Geschäftsstellen, die Sparkasse Nienburg soll künftig 22 statt 33 Filialen mit Mitarbeitern haben. Daneben behält sie zehn Standorte mit Geldautomaten. In den Orten, wo es künftig keine Filialen mehr gibt, soll der Sparkassen-Bus Station machen. Der tourt bereits durch das Geschäftsgebiet. Quelle: IMAGO
Die Prognose, dass viele Filialen wegfallen werden, gilt auch für genossenschaftliche Institute, also Volks- und Raiffeisenbanken. Die Beratungsfirma Investors Marketing rechnet damit, dass die Zahl der Filialen bis 2020 um fast 18 Prozent auf dann rund 9500 fallen werde. Der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken meint, dass deren Zahl binnen drei bis fünf Jahren um mehr als zehn Prozent sinken werde. Quelle: IMAGO
Bei allen privaten Banken fällt die Zahl der Filialen bis 2020 um 20 Prozent, schätzt Investors Marketing. Einige Geldhäuser haben entsprechende Pläne bereits bekanntgemacht – mit teils kräftigen Einschnitten. So will die Deutsche Bank von den derzeit 700 Filialen bis zu 200 streichen, also mehr als jede vierte. Das soll bis zum Jahr 2017 passieren. Quelle: IMAGO
Die Hypo-Vereinsbank ist der Trendsetter. Sie hat mit ihren Filialstreichungen längst begonnen. Die Tochter der italienischen Großbank Unicredit verzichtet künftig auf fast jede zweite der 580 Filialen. Die Bank mit Hauptsitz in München hatte im Sommer vergangenen Jahres angekündigt, sie werde 240 Standorte bis Ende 2015 zusammenlegen oder schließen. 1500 Stellen sollen zudem wegfallen. Sie will nun eine „echte Multikanalbank“ werden. Eine Reportage über das Filialsterben lesen Sie hier. Quelle: dpa

„Die Ertragslage ist sehr ernst“, sagt Raimund Röseler, Exekutivdirektor Bankenaufsicht bei der BaFin. Das sei aber kein Anlass zur Panik, denn die betroffenen Banken hätten in den vergangenen Jahren hohe Reserven aufgebaut, mit denen sie die Durststrecke überstehen könnten. Tatsächlich haben regional verankerten Volksbanken und Sparkassen die Zahl ihrer Kunden deutlich gesteigert und viel daran verdient, weil sie in den Krisenzeiten im Gegensatz zu den internationalisierten Großbanken als sichere Häfen für das Geld der Sparer galten.

Die EZB-Bankenaufseher bezeichnen Volksbanken und Sparkassen fast schon herablassend als „less significant institutions“ – weniger bedeutende Kreditinstitute, mit denen sich die nationalen Bankenaufseher von Bundesbank und BaFin abgeben dürfen, während die Zentralbankaufseher vor allem auf die 123 Großbanken in der Europäischen Union schauen. Entgegen diesem Zerrbild aber sind Sparkassen und Volksbanken mit großem Abstand Marktführer im Privatkundengeschäft. Die Reaktionen der Banken auf die schrumpfenden Zinseinnahmen schlagen also auch auf den Großteil der deutschen Bankkundschaft durch.

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Denn Bankenaufseher Röseler will dafür sorgen, dass die Banken ihre üppigen Reserven tatsächlich für die Stabilisierung ihrer Finanzlage nutzen. Wo das nicht funktioniert, will die Bankenaufsicht Kapitalaufschlägen anordnen oder Boni an Management und Mitarbeiter sowie Ausschüttungen an die Eigentümer verbieten. Um diese Maßnahmen zu verhindern, werden Banken natürlich alles versuchen und an anderen Stellschrauben drehen. Das heißt: Filialen schließen, Mitarbeiter abbauen und zentrale Aufgaben an Billigtöchter auslagern. Gleichzeitig könnten die Gebühren für die Kunden steigen. Kostenlose Girokonten sind in der Welt der Volksbanken und Sparkassen ohnehin nicht verbreitet, was eine schleichende Gebührenerhöhung möglich macht. Und der Service wird sicher nicht besser, wenn gespart wird.

Negative Zinsen auf das Ersparte drohen den meisten Kunden immerhin keine – zumindest nicht auf breiter Front. Denn den Strafzins der EZB auf Liquiditätsüberschüsse an die Kundschaft weiterzugeben, darüber denkt nur eine Minderheit der von der Bundesbank befragten Institute nach.

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