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Commerzbank Blessing fährt Achterbahn

Die Commerzbank beharrt darauf, ihr wachsendes Kapitalloch ohne öffentliche Hilfen zu stopfen. Die EU-Bankenaufsicht glaubt nicht daran. 

Martin Blessing Quelle: dpa

Es hätte ein Befreiungsschlag werden sollen. Doch als die obersten Commerzbank-Manager um CEO Martin Blessing heute der Öffentlichkeit ihre Kapitalpläne vorstellten, herrschte angestrengte Entschlossenheit – statt erleichterter Entspanntheit. Nichts mehr war zu spüren von der lockeren Atmosphäre des Frühjahrs 2011, als ein sichtlich entspannter Blessing mit seinem Finanzchef Eric Strutz die spektakuläre Rückzahlung eines großen Teils der Staatshilfen ankündigte.

Von überflüssigem Kapital wollte die Bank sich damals befreien, als die Finanzkrise schon fast ausgestanden schien. Jetzt aber hat sie ein ganz anderes Problem: Die Finanzaufsicht verlangt von dem Institut eine deutliche Aufstockung der Haftungsmasse, wobei immer noch nicht ganz klar ist, ob die Commerzbank das aus eigener Kraft schafft. Notfalls müsste der Staat mit neuen öffentlichen Hilfen einspringen.

Der Absturz der Commerzbank-Aktie
Montag, 11.10.2010  Die Kapitalerhöhung wird vorerst auf Eis gelegt. Angesichts des niedrigen Aktienkurses verzichtet die Commerzbank auf die angedachte Ausgabe neuer Aktien noch im November. "Wenn man das macht, dann muss das auch einen betriebswirtschaftlichen Sinn ergeben", sagt ein Insider.  Bei einem Kurs von sechs Euro rechnete die Commerzbank mit zu geringen Einnahmen. Selbst im besten Fall seien nur gut drei Milliarden Euro drin gewesen, vermuten Experten. Die Ankündigung, die Pläne ruhen zu lassen, wirken am Aktienmarkt aber nur kurzzeitig: Bis Ende November geht es bis auf 5,70 Euro abwärts. Das Bild zeigt die Toiletten auf der Vorstandsetage im Commerzbank-Turm in Frankfurt. Quelle: Reuters
Dienstag, 11.01.2011  Die Commerzbank kündigt für das Schlussquartal schwarze Zahlen an und stellt einen Milliardengewinn für das Gesamtjahr in Aussicht. Doch die Anleger honorieren das nicht, die Commerzbank-Aktie fällt weiter zurück. Es wird immer deutlicher, dass die Commerzbank in einer Art Teufelskreis gefangen ist: Selbst mit positiven Nachrichten gelingt es Bankchef Martin Blessing (Foto) nicht, den bei gut 5,40 Euro vor sich hin dümpelnden Kurs der Commerzbank-Aktie in die Höhe zu treiben. Zu groß ist die Angst der Anleger vor einer milliardenschweren Kapitalerhöhung und damit vor einer Verwässerung ihrer Anteile. Quelle: Reuters
Freitag, 08.04.2011Es geht weiter abwärts: Am Ende des Tages kostet die Aktie nur noch 5,25 Euro. Nach Medienberichten haben Spekulanten mit Leerverkäufen in Milliardenhöhe eine Wette auf einen Kursverfall der Aktie aufgebaut. Dabei leihen sie sich die Aktie von anderen Marktteilnehmern und verkaufen sie in der Hoffnung, das Papier später zu einem tieferen Kurs zurückkaufen zu können. Die Preisdifferenz wäre dann der Gewinn der Spekulanten. Zu diesem Zeitpunkt sind rund 17 Prozent aller Commerzbank-Aktien leer verkauft - viermal mehr als noch Anfang Februar. Dies entspricht Papieren im Wert von 1,2 Milliarden Euro. Allerdings stehen nun kaum noch Aktien zur Leihe zur Verfügung. Quelle: dpa
Freitag, 06.05.2011Hauptversammlung Commerzbank: Die Aktionäre billigen die Kapitalerhöhung. Einige Aktionäre beschimpfen den Vorstand aber als "Hütchenspieler" oder "Kursvernichter". Trotzdem atmet die Börse auf. Die Aktie der Commerzbank steigt deutlich. Quelle: dpa
Freitag, 14.01.2011Trainieren für die Kapitalerhöhung: Im Schnellverfahren sammelt die Commerzbank 626 Millionen Euro durch die Ausgabe neuer Aktien ein. Die Platzierung erfolgt zum Kurs von 5,30 Euro. Die Aktie schließt mit einem Kurs von 5,57 Euro – ein positives Signal der Anleger, die den Kurs in der Folgewoche weiter leicht nach oben treiben. Doch die Mittel werden nicht eingesetzt, um die Staatshilfen zurückzuführen. Vielmehr sollen sie umgehend nachrangige Anleihen - sogenannte Hybride - ablösen. Quelle: dpa
Freitag, 11.03.2011Die Pläne zur Rückzahlung der Staatsmilliarden werden wieder konkreter. Die Bank will ihren Aktionären einen Plan zum Ausstieg des Bundes vorlegen. Gedacht sei an eine Kapitalerhöhung im Volumen von fünf bis sieben Milliarden Euro, heißt es. Zudem könnte die Commerzbank ihre üppige Kapitaldecke um bis zu vier Milliarden Euro ausdünnen. Auf diese Art kämen rund 12 Milliarden Euro zusammen. Die Anleger quittieren die Strategie mit einem Kursverlust von fast drei Prozent auf 5,80 Euro. Quelle: dpa
Mittwoch, 06.04.2011Schluss mit den Gerüchten, jetzt macht die Commerzbank ernst: Die Bank will in mehreren Schritten 14,3 Milliarden Euro am Markt einsammeln. Damit wäre ein Großteil der Staatsbeteiligung getilgt. Die Hauptversammlung, die die Beschlüsse noch absegnen muss, wird vom 18. auf den 6. Mai vorverlegt. Experten wundern sich vor allem über das Volumen der geplanten Kapitalerhöhung. Sie sind überrascht, dass die Bank so viel Kapital aufnehmen will. Und noch eine Überraschung: Die legt Aktie zu, sie steigt zeitweise um 40 Cent auf 5,98 Euro. Am Ende geht sie mit 5,70 Euro aus dem Handel. Doch der Höhenflug nur von kurzer Dauer. Quelle: Reuters

Emotionale Achterbahnfahrt

Die Ereignisse um Deutschlands zweitgrößtes Geldinstitut zeigen: Die Bank, ihr Management und ihre Mitarbeiter befinden sich auf einer emotionalen Achterbahnfahrt. Auf Steuerzahler und Anleger prasseln beruhigende sowie beunruhigende Meldungen in schneller Folge ein und auch der Kurs der Commerzbank-Aktie bewegt sich synchron zur ständig wechselnden Nachrichtenlage. Vergangene Woche stieg die Hoffnung an der Börse dank Gerüchten, der Versicherungsriese Allianz könne seine 750 Millionen Euro schwere Einlage in hartes Kernkapital wandeln und der Commerzbank bei der Aufstockung ihres Haftungspolsters helfen.

Doch seit die Verhandlungen zwischen dem Pleitestaat Griechenland und dessen privaten Gläubigern stocken, dürften die Verluste der Banken aus Staatsanleihen sogar noch deutlich höher ausfallen als der bisher erwartete hälftige Schuldenschnitt. Auf mehr als sechs Milliarden Euro könnte das Kapitalloch der Commerzbank dadurch wachsen, weil die EU-Bankenaufsicht bei ihrem Stresstest Staatspapiere zu gesunkenen Marktwerten ansetzt. Die Nachricht über die möglicherweise vergrößerte Lücke versetzte dem Kurs der Commerzbank-Aktie einen Dämpfer.

Blessing beharrt jedoch weiter darauf, die Probleme seines Instituts alleine zu lösen. Das bedeutet: Keine neuen Staatshilfen. Ein gutes Stück vorangekommen ist er mit dem ehrgeizigen Plan bereits. Zum Ende des vergangenen Jahres konnte die Commerzbank ihre Kapitallücke bereits zu 60 Prozent auf 2,3 Milliarden Euro verkleinern. Bis zum Ablauf der Deadline Ende Juni 2012 will Blessing weitere 3,3 Milliarden Euro aufstocken.

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