Credit Suisse Razzien trüben Aufbruchsstimmung bei Schweizer Bank

Gerade erst hat Konzernchef Thiam den Neustart bei Credit Suisse versprochen. Nun bricht im Kerngeschäft Vermögensverwaltung ein neuer Skandal aus. Die Unsicherheit über neue Strafen könnte die Kapitalpläne gefährden.

Das Logo Credit Suisse Quelle: REUTERS

Credit Suisse wird die Geister der Vergangenheit nicht los. Gerade erst hat Konzernchef Tidjane Thiam durchgeatmet: Die größten Altlasten waren mit Milliardenstrafen beigelegt, die Schweizer Großbank konnte nach vorne schauen. Nun bricht ein neuer Skandal aus - und das ausgerechnet im Kerngeschäft Vermögensverwaltung. Generalstabsmäßig organisiert knöpften sich die Behörden vor wenigen Tagen tausende Kunden in fünf europäischen Ländern vor und führten auch bei Credit Suisse Razzien durch. Der Verdacht: Steuerhinterziehung.

Vieles liegt noch im Dunkeln, vor allem die Frage neuer Geldbußen. Doch der Zeitpunkt könnte kaum unpassender sein: Die Bank steht kurz davor, erneut die Anleger anzupumpen. Und nichts hassen die Investoren mehr als Unsicherheit.

"Der Lärm ist eine schlechte Nachricht", sagt Stephan Sola vom Broker Kepler Cheuvreux. Das Vertrauen in Credit Suisse, das am Markt gerade erst zurückgekommen sei, könne schnell wieder wegbrechen. Der 2015 angetretene Thiam galt bislang als Garant dafür, dass die Großbank einen Neustart hinlegt und künftig keine unsauberen Geschäfte mehr macht - ähnlich wie John Cryan bei der Deutschen Bank.

Mit dem Erbe seiner Vorgänger ging Thiam wenig zimperlich um. Hastig stieß er riesige Anleihenpositionen ab, die ihm zu riskant erschienen. Und er korrigierte den Wert einer überteuerten Übernahme in der Bilanz nach unten. Zusammen mit einem milliardenschweren Vergleich wegen Tricksereien am US-Immobilienmarkt sorgte das zwei Jahre in Folge für tiefrote Zahlen.

Für 2017 hatte der Credit-Suisse-Chef nun eigentlich die Wende ausgerufen. Bei der Verwaltung von Vermögen reicher Privatkunden wollte das Institut weiter Gas geben. Schlagzeilen zum Thema Steuer-Razzien sind da wenig hilfreich, wie Insider stöhnen. Mit doppelseitigen Werbeanzeigen bemüht sich das Institut deshalb um Schadensbegrenzung. Der Tenor: Wir halten uns streng an die geltenden Spielregeln. Unter dem Druck insbesondere der USA und Deutschlands kehrten die meisten größeren Schweizer Banken dem einträglichen Geschäft mit Schwarzgeld nach der Finanzkrise den Rücken.

2011 begann Credit Suisse ihren europäischen Kunden klar zu machen, dass unversteuerte Gelder nicht mehr akzeptiert werden. Wer sich weigerte, musste gehen, und so flossen bei der Bank insgesamt 40 Milliarden Franken ab. "Wir sind durch mit der Regularisierung in Europa", betonte Iqbal Khan, Leiter des internationalen Vermögensverwaltungsgeschäfts der Bank, in einem Reuters-Gespräch. Tatsache ist: Die federführenden niederländischen Ermittler sprechen von 55.000 verdächtigen Konten. Der Widerspruch lässt sich praktisch nur auflösen, falls alte Konten einbezogen wurden, die inzwischen geschlossen wurden.

Die größten Steueroasen der Welt
Bei der Nichtregierungsorganisation Tax Justice Networks steht die Schweiz an erster Stelle der Steueroasen – trotz aller Abkommen zum Informationsaustausch. Grund für die Top-Platzierung ist für die NGO die nach wie vor hohe Geheimhaltung von Finanzdaten in der Alpenrepublik. Quelle: dpa
Hongkong steht wegen seiner Verschwiegenheit bei der NGO Tax Justice Networks auf Rang zwei der Schattenfinanzplätze. Auch hier spielt der britische Einfluss noch eine große Rolle, da HK über mehr als ein Jahrhundert eine Kronkolonie war, bevor es in den 90er Jahren wieder an China fiel, aber weiter getrennt verwaltet wird. Quelle: AP
Luxemburg hat sich seinen Wohlstand – das Pro-Kopf-Einkommen liegt doppelt so hoch wie in Deutschland – durch eine äußerst wohlwollende Besteuerung erarbeitet, bei dem die Finanzverwaltung in geheimen Vereinbarungen („tax rulings“) gern auch mal nur ein Prozent Steuern verlangt. Quelle: dpa
Der US-Bundesstaat Delaware profiliert sich durch extrem niedrige Unternehmenssteuern. Hunderttausende Firmen sind dort registriert, auch namhafte deutsche. Nicht nur das Steuerklima ist dort günstig; Firmen lassen sich binnen eines Tages gründen. Quelle: dpa
Karibikeilande wie die Cayman Inseln, die Britischen Jungferninseln und die Bermudas zählen zu den echten Paradiesen mit viel Sonne, Strand und keinen Steuern für Unternehmen, Werktätige und Privatiers. Quelle: dpa
Irland ist für Unternehmen ein interessantes Land. Allerdings ist der Klassiker, das Double Irish mit Dutch Sandwich, nicht mehr im Angebot. Statt dessen gibt es nun eine „Knowledge Box“, mit deren Hilfe Unternehmen nur 6,25 Prozent Steuern zahlen müssen. Quelle: dpa
Deutschland gilt ebenfalls für manche als Steueroase, vor allem für reiche Unternehmer, die vererben wollen. Dank großzügiger Verschonungsregeln können selbst Milliardäre steuerfrei übertragen, wenn sich das Vermögen in Unternehmen befindet. Das Bundesverfassungsgericht hat deshalb eine Reform angemahnt. Quelle: dpa

Mit der Bereinigung der Kundenbestände und der Teilnahme der Schweiz an einem Austausch von Kontoinformationen zwischen den Steuerbehörden vieler Länder hakten auch die meisten Anleger das Thema als potenziellen Gefahrenherd ab. Nun kommt bei einigen die Sorge auf, ob auch andere Schweizer Häuser wie etwa die UBS wieder in den Schwarzgeld-Strudel hineingezogen werden.

Doch Credit Suisse ist zur Zeit verletzlicher als der größere Rivale. Denn Thiam will erneut den Kapitalmarkt anzapfen, das zweite Mal in seiner Regentschaft. "Bezüglich einer Kapitalbeschaffung hilft das Credit Suisse natürlich nicht", erklärte Vontobel-Analyst Andreas Venditti. Insidern zufolge dürfte Credit Suisse die als notwendig erachteten zwei bis vier Milliarden Franken eher mit einer Privatplatzierung als mit dem ursprünglichen favorisierten Teil-Börsengang des Schweizer Geschäfts einsammeln. Gegenüber einer Kapitalerhöhung über Bezugsrechte hat eine Privatplatzierung den Vorteil, dass sie viel schneller und ohne Prospekt abgewickelt werden kann. Trotzdem dürften die Anleger auch in diesem Szenario Klarheit haben wollen, welche Konsequenzen die jüngsten Razzien haben werden. "Man wird sehen müssen, ob das eine Bagatelle ist oder ob sich die Credit Suisse plötzlich mit hohen Forderungen konfrontiert sieht", erklärt ein Investmentbanker. Seit Bekanntwerden der Affäre hat die Credit-Suisse-Aktie vergleichsweise moderate Verluste verbucht - gut zwei Prozent. Das allein dürfte nicht zu einer Verzögerung der Kapitalmaßnahme führen, glaubt der Banker.

Ähnlich sieht das Moritz Baumann, Bankenexperte beim Vermögensverwalter Albin Kistler. Auch vor den jüngsten Razzien hat er Credit Suisse noch nicht in ruhigerem Fahrwasser gesehen. "Was man sicher sagen kann: Die juristischen Probleme werden bei den Banken nicht so schnell abnehmen, wie man sich das erhofft hat."

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