WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Deutsche Bank auf Diät „Liebling, ich habe die Bank geschrumpft!“

Die Deutsche Bank ist viel zu schlecht mit Kapital ausgestattet, wettern Experten. Nun fährt das Führungsduo Anshu Jain und Jürgen Fitschen die Bilanzsumme herunter – und nimmt dafür einen Gewinnrückgang in Kauf.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Runter mit den Risiken: Die Deutsche Bank schrumpft ihre Bilanzsumme. Quelle: ap

Düsseldorf/Frankfurt „Schrecklich unterkapitalisiert“, nannte Tom Hoenig, Chef der US-Einlagensicherung FDIC, die Deutsche Bank. Die Japanische Notenbank bezeichnete Deutschlands größtes Geldhaus gar als das gefährlichste Institut der Welt. Deren Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen feuerte zurück: „Wir werden uns zur Wehr setzen.“ Doch der Ruf von Analysten und Investoren nach einer besseren Kapitalausstattung der Bank verstummte nie ganz. Auch die Kapitalerhöhung im April, bei der das Haus fast drei Milliarden Euro einsammelte, besänftigte die Finanzwelt nur kurz.

Nun geben Fitschen und sein Co-Chef Anshu Jain dem Druck von Aufsehern, Analysten und Anlegern nach und gehen das Problem auch von der anderen Seite her an: Sie wollen das Geschäft der Bank auf ein Maß schrumpfen, das den Anforderungen an die Eigenkapitalausstattung entspricht. „Wir werden unsere Bilanzsumme weiter verringern“, kündigte die Doppelspitze am Dienstag an.

„Dies wollen wir auf eine Weise tun, die es uns ermöglicht, die Anforderungen in Hinblick auf das Verhältnis von Bilanzsumme zu Kapital zu erfüllen, unser Angebot für Kunden beizubehalten und unser Geschäftsmodell zu stärken“, erklärten Jain und Fitschen. Und zwar „ohne dass dies materielle Auswirkungen auf unser Ergebnis hätte.“ Für den Bilanzabbau hat der Konzern nach eigener Einschätzung bis zu 250 Milliarden Euro Spielraum. Finanzvorstand Stefan Krause rechnet aber in einer Analystenkonferenz vor, dass der Bank dadurch 300 Millionen Euro Gewinne entgehen. Zudem würde die Aktion einmalig 600 Millionen Euro kosten.

Der Abbau entspricht rund 16 Prozent der bereinigten Bilanzsumme von 1,6 Billionen Euro. Ohne Bereinigung lag die Bilanzsumme Ende Juni bei 1,91 Billionen Euro. JP-Morgan-Analyst Kian Abouhossein zeigt sich jedoch skeptisch: „Wir gehen davon aus, dass die Deutsche Bank die Bilanz eher um 500 Milliarden Euro verkleinern muss.“ Das Geldhaus hatte wegen hoher Rückstellungen für Prozesskosten im zweiten Quartal überraschend einen Gewinneinbruch erlitten.

Die Forderung von Aufsehern und Investoren nach einer besseren Kapitalausstattung und der bisher hartnäckige Widerstand der Deutschen Bank entspringen einem Streit um Kennziffern. Die Diskussion spaltet Regulierer, Experten, Politik und die Finanzbranche.

Bislang setzen Banken und Aufseher das Eigenkapital ins Verhältnis zu den Krediten, welche die Bank vergeben hat. Wie viel eigenes Geld ein Institut dabei für ein Geschäft als Sicherheit bereitlegen muss, richtet sich nach dem einkalkulierten Risiko. Für Anleihen aus Industriestaaten etwa müssen die Banken praktisch kein Geld zurückhalten, für Kredite an ein strauchelndes mittelständisches Unternehmen können es erhebliche Summen sein. Dabei legen die Institute gemäß ihren eigenen Risikomodellen fest, welche Gefahren ein Geschäft birgt. Dies entspricht den Vorgaben der aktuellen internationalen Finanzregulierung, im Fachjargon Basel III genannt, wie sie in Europa umgesetzt wird.


USA plädieren für einfache Grenze

Die US-Bankaufseher machen sich hingegen für eine einfachere, aber strikte Grenze stark. Sie setzen die gesamte Bilanzsumme einer Bank ins Verhältnis zum Eigenkapital (Schuldenquote oder Leverage Ratio). Die Institute sollen drei Prozent an Eigenkapital für das gesamte Geschäft zurückhalten, später dann sogar fünf Prozent. Wie riskant ein Kredit ist, spielt dabei keine Rolle.

„Im Grunde handelt es sich hier um eine Glaubensfrage“, fasst Rolf Schäffer, Leiter der Kreditstrategie bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), den Streit zusammen. Die US-Institute können offenbar gut mit der Regel leben, europäische Geldhäuser sträuben sich aber dagegen. Eine Abkehr von der risikogewichteten Eigenkapitalquote und eine absolute Begrenzung des Geschäfts wie von den US-Aufsehern gefordert sah besonders die Deutsche Bank als Rückschritt – bislang. Kein Wunder, denn nach eigener Angabe erfüllt der deutsche Primus diese Kennziffer nur knapp, nach Berechnungen von US-Experten gar nicht.

„Die Finanzindustrie hatte einen schweren Unfall. Deshalb ist es noch lange nicht klug, vom Automobil zur Kutsche zurückzukehren“, schimpfte Deutsche-Bank-Finanzvorstand Stefan Krause noch vor kurzem. Er spielte damit auf die veränderte Regulierung nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers an. Auch Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken, wetterte gegen eine absolute Schuldenquote. „Das stammt aus der regulatorischen Steinzeit und wäre eine Kapitulation vor der ureigensten Aufgabe von Banken, der Gewichtung von Risiken nämlich.“

Doch nun beugt sich die Deutsche Bank den Forderungen. Denn auch bei den internationalen Bankaufsehern findet die Leverage Ratio Gehör. Eine Mindestquote von drei Prozent soll formal erst ab 2018 gelten. Veröffentlicht werden muss die Quote aber schon 2015, und spätestens dann dürften die Finanzmärkte erwarten, dass große Banken die Anforderungen erfüllen. Finanzchef Krause betonte jedoch in der Analystenkonferenz, dass die Deutsche Bank als europäisches Geldhaus sich vorrangig an die hiesige Regulierung halten werde. Die genaue Ausgestaltung sei hier noch nicht festgelegt.

Auch hierzulande findet der einfache US-Ansatz Anhänger. „Die Banken sind viel zu stark verschuldet“, sagte die Wirtschaftsweise Claudia Buch der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. „Mehr Eigenkapital schont den Steuerzahler“, so die Präsidentin des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle. Die risikogewichtete Eigenkapitalquote vernachlässige aber relativ große Teile einer Bilanz.

Hinzu kommt: „Bei dem nach Risiken gewichteten Modell kann es zu unterschiedlichen Bewertungen von Institut zu Institut kommen“, erläutert Experte Schäffer. Ein Gutachten des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht kommt zu dem Ergebnis, dass der Unterschied zwischen der Bewertung ein und desselben Risikos bis zu zwei Prozent betragen kann. Bei 100 Milliarden Euro Kreditrisiken schätzen Geldhäuser Gefahren also um bis zu zwei Milliarden Euro unterschiedlich ein – weil jede Bank ihr eigenes Berechnungsverfahren anwenden darf.


„Die eigene Promillegrenze festlegen“

Kritiker wenden ein, dass diese Berechnungen nicht transparent und nachvollziehbar seien. Den Banken stünden Tür und Tor offen, die Risiken schön zu rechnen. Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin verglich die Gestaltung der Risikomodelle durch die Banken mit einem Recht für Autofahrer, ihre eigene Promillegrenze festzulegen. Die Finanzinstitute holen sich zwar bei der Aufsicht eine Genehmigung für ihre Rechenverfahren ein. „Dennoch bleibt die Gewichtung bis zu einem gewissen Grad subjektiv“, sagt Schäffer.

Ein einheitliches, von der Regulierung vorgegebenes Risikomodell wiederum müsste auf die verschiedenen Kundengruppen, von Konsumentenkrediten bis hin zu Darlehen an Großkonzerne, angepasst werden. „Das ist nur schwer umzusetzen“, sagt Schäffer. Erweist sich ein Risikomodell gar als völlig falsch, kann sich die Kapitaldecke einer Bank rasch als zu dünn erweisen. Dies war etwa bei Ramschpapiern auf den US-Immobilienmarkt der Fall und führte mit zum Ausbruch der Finanzkrise 2008.

Bei der Leverage Ratio nach US-Vorbild ist das Gesamtvolumen der Kredite hingegen begrenzt. Es gibt keinen Spielraum, Risiken schön zu rechnen. „Doch diese Methode kann wiederum den Anreiz setzen, dass Banken eher Kredite mit höheren Margen und damit mit höherem Risiko ausgeben“, erläutert Analyst Schäffer. Die Gefahr ist also, dass die Institute zwar weniger, dafür aber riskantere Geschäfte eingehen.

Erschwerend kommt hinzu, dass nach US-Bilanzierungsstandards Banken gewisse Derivatepositionen herausrechnen dürfen. Die Bilanzsumme von US-Geldhäusern ist also meist geringer als die von europäischen Banken. Auf dem alten Kontinent dürfen hingegen Staatsanleihen als weitgehend risikolose Investments anrechnen und investieren auch entsprechend stark darin. Die Leverage Ratio würde Europas Geldhäuser daher empfindlicher treffen als ihre amerikanischen Pendants.

So drohten Banken, bei der Einführung einer Leverage Ratio nicht mehr in Euro-Staatsanleihen zu investieren. Das könnte die Schuldenkrise der Südstaaten wieder anheizen. Zudem sei die Kreditvergabe etwa an Unternehmen in Gefahr. Doch solche Argumente gelten unter Experten als Panikmache: Allein schon aus Gründen der Risikostreuung werden Banken nach wie vor Staatsanleihen kaufen und an Unternehmen Kredite vergeben, zumal etwa die Deutsche Bank erst jüngst eine Mittelstandsoffensive angestoßen hat.

„Ich würde weder für das eine, noch für das andere Modell eine Lanze brechen wollen“, resümiert Schäffer. „Am Ende kommt es auf eine Gesamtschau mehrerer Kennziffern an.“ Diese Ansicht setzt sich immer mehr durch. Die internationalen Regulierer ziehen in ihren jüngsten Entwürfen beide Kennzahlen heran, neben den USA wird eine Kombination beider Ziffern auch in Großbritannien, Japan und der Schweiz diskutiert – und auch die Deutsche Bank zeigt nunmehr Zeichen der Einsicht.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%