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Deutsche-Bank-Chef Sewing gibt Widerstand gegen Fusion auf

Commerzbank und Deutsche Bank: Christian Sewing nicht mehr gegen Fusion Quelle: AP

Seit Wochen halten sich die Gerüchte über baldige Fusionsgespräche von Deutscher Bank und Commerzbank hartnäckig. In Berlin wirbt die Politik dafür. Nun kommt offenbar Bewegung in die Unternehmen.

Deutsche Bank und Commerzbank sprechen Bundesfinanzminister Olaf Scholz zufolge über ein mögliches Zusammengehen. „Es gibt Beratungen über die Situation, wie sie ist“, sagte der SPD-Politiker am Montag in Brüssel auf die Frage nach Presseberichten über eine geplante Fusion der Geldinstitute. „Mehr gibt es dazu nicht zu sagen“, sagte er bei einem Euro-Finanzministertreffen. Scholz und sein Staatssekretär Jörg Kukies, der ehemalige Deutschland-Chef der US-Investmentbank Goldman Sachs, gelten als Befürworter einer „Banken-Ehe“, weil sie fürchten, dass die beiden letzten verbliebenen deutschen Großbanken zu schwach sind, um eine neue Finanzkrise oder eine Rezession zu überstehen.

Unter dem Druck der Politik hat offenbar auch Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing seinen Widerstand aufgegeben - eigentlich wollte er zunächst die Postbank integrieren und sich danach den großen strategischen Fragen seines Hauses stellen. Nun muss der 48-jährige Top-Banker, der noch nicht einmal ein Jahr auf dem Chefsessel sitzt, womöglich schneller über eine Fusion entscheiden, als ihm und vielen wichtigen Aktionäre des größten deutschen Geldhauses lieb ist. Noch im vergangenen Jahr hatte er sich „zwölf bis 18 Monate“ Zeit erbeten. Ob am Ende der jetzt begonnenen Gespräche dann auch offizielle Verhandlungen stehen, ist gegenwärtig völlig offen.

Gesprochen wird Insidern zufolge im extrem kleinen Kreis. Oft waren und sind es Sewing und Commerzbank-Chef Martin Zielke alleine, die über Chancen und Risiken eines Zusammenschlusses brüten. Sewing sei nicht dagegen, hätte sich aber gewünscht, erst beweisen zu können, dass die Integration der Postbank gelingen kann, hieß es am Montag aus der Deutschen Bank. Im Kern geht es darum, wie eine Brücke aussehen könnte, über die beide Institute gehen können, ohne öffentlich Schaden zu nehmen. Denn klar ist, dass bei einer Fusion offensichtlich würde, was in den Bilanzen der beiden Banken auch zehn Jahre nach der Finanzkrise noch schlummert - und damit auch, wie groß der Kapitalbedarf für ein neues Geldhaus nach einer Fusion wäre.

Bei den mächtigen Großaktionären der Deutschen Bank lösen die Nachrichten über informelle Gespräche keine Begeisterung aus. Zwar legten die Aktien der Deutschen Bank am Montag um gut fünf Prozent zu, die der Commerzbank sogar um sieben Prozent. Wichtige Anteilseigner der Deutschen Bank meldeten aber zugleich Zweifel an, ob ein Zusammenschluss die beste Lösung ist.

„Keine gute Idee“

Sewing hat sich für die Gespräche mit Zielke schon vor einigen Wochen das Plazet seiner Kollegen im Vorstand geholt. Ein offizielles Mandat des Aufsichtsrats gibt es bislang nicht. Klar ist aber auch, dass in dem Kontrollgremium schon oft über Optionen für die Bank und damit auch über eine Fusion mit dem kleineren Frankfurter Konkurrenten diskutiert wurde. Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Paul Achleitner gilt als Befürworter einer nationalen Lösung. Von den Großaktionären hat bislang aber lediglich der US-Finanzinvestor Cerberus, der an beiden Instituten beteiligt ist und Sewing berät, seine Zustimmung zu einem Deal signalisiert.

Andere Investoren sehen das nicht so: „Wir sind weiterhin gegen eine solche Fusion und halten das im Grundsatz für keine gute Idee“, sagte eine Person aus dem Umfeld von einem der größten Anteilseigner der Deutschen Bank am Montag zu Reuters. Ein Zusammenschluss koste in erster Linie Zeit und Geld und sei zudem keinerlei Garantie für steigende Erträge. Sollten die Sondierungsgespräche zu konkreten Ergebnissen führen, die einen validen Zukunftsplan zeigten, werde man diesen aber prüfen. Ähnlich hatte sich am Wochenende ein anderer Großaktionär geäußert und aufs Tempo gedrückt. Die Gespräche dürften nicht allzu lange dauern, sondern sollten in „drei bis fünf Wochen“ abgeschlossen sein, hieß es. Spätestens bis Ende April müsse dann Klarheit herrschen. Der Aufsichtsrat der Commerzbank trifft sich Insidern zufolge am 21. März zu einer regulären Sitzung, die schon vor einiger Zeit anberaumt wurde.

Der Zeitplan ist relativ eng. Am 25. April will Deutsche-Bank-Chef Sewing die Zwischenbilanz für das erste Quartal vorlegen - das traditionell wichtigste Vierteljahr in der Bankenbranche. Zuletzt wuchs aber wieder die Sorge, dass die Geschäfte bei der Deutschen Bank - wieder einmal - nicht gut gelaufen sind. Am 8. Mai lässt sich dann die Commerzbank in die Bücher schauen. In der zweiten Maihälfte, am 22. und 23. Mai, würde es womöglich zum Showdown kommen: Erst lädt die Commerzbank ihre Aktionäre zur Hauptversammlung ein, einen Tag später treffen sich dann die Anteilseigner der Deutschen Bank.

Nur ein Flirt oder mehr?

Über eine Fusion der beiden letzten verbliebenen deutschen Großbanken wird seit Monaten spekuliert, weil Scholz und Kukies diese Idee hinter den Kulissen massiv vorantreiben, wie Insider berichten. Der Staat hält auch zehn Jahre nach der Rettung in der Finanzkrise gut 15 Prozent an der Commerzbank.

Neu sind die Gedankenspiele nicht. Mitte 2016 hatte es schon einmal Gespräche zwischen den beiden Banken gegeben, dieser sogenannte „Sommerflirt“ war aber schnell wieder beendet worden, weil beide Häuser erst ihre Hausaufgaben machen wollten. Das Tagesgeschäft schwächelt aber heute immer noch. Die Deutsche Bank hatte zwar 2018 nach drei Verlustjahren in Folge erstmals wieder einen Gewinn geschafft, doch die Renditen sind so niedrig wie bei keinem großen Konkurrenten. Immer mehr Beobachter bezweifeln deshalb, dass dem Geldhaus die Wende aus eigener Kraft gelingt. Eine Rezession würde sowohl die Deutsche Bank als auch die Commerzbank hart treffen, denn viel Polster für magere Zeiten haben beide nicht.

Durch eine Fusion entstünde ein neuer deutscher Bankenriese mit rund 38 Millionen Kunden, einer Bilanzsumme von fast zwei Billionen Euro und anfänglich rund 130.000 Mitarbeitern. Im Vergleich mit europäischen Konkurrenten wäre das neue Institut allerdings mit einem Börsenwert von rund 24 Milliarden Euro immer noch ein Leichtgewicht. Wie viele Jobs eine Fusion kosten würde, ist unklar.

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