Deutsche Bank Cryans Banksanierung zwischen Abbruch und Aufbruch

Beim radikalen Umbruch von Vorstandschef John Cryan gehen nicht nur Altlasten über Bord. Er birgt auch Risiken für die Zukunft der Deutschen Bank.

Deutsche Bank in der Krise: Aufbruch oder Abbruch nach Einbruch? Quelle: Marcel Stahn

Es sind lange, arbeitsreiche Tage für John Cryan, sie dauern meist 18 Stunden. Der Co-Chef der Deutschen Bank analysiert, fräst sich durch Zahlen und Details, delegiert wenig, macht fast alles selbst. Zwischendurch trifft er Kunden, Vertreter von Politik und Bankenaufsicht, führt Einzelgespräche mit Managern und mitunter wendet er sich an die Mitarbeiter, per E-Mail oder bei einer größeren Versammlung. Dann sagt er ihnen, wie ernst es um die Bank steht, dass harte Zeiten auf sie zukommen, „es klingt nach Blut, Schweiß und Tränen“, sagt einer, der dabei war.

Der im Juli als Nachfolger Anshu Jains installierte Cryan feilt nicht, er nimmt die Axt. Nach Jahren gefühlten Stillstands kann der Umbruch nun gar nicht hart genug ausfallen, und dass er tatsächlich stattfindet und nicht bloß angekündigt wird, sollen alle merken. Investoren, Aufseher und auch die Mitarbeiter haben es sich so gewünscht. „Es musste sich etwas ändern“, sagt ein Aufsichtsrat.

Die besten Zeiten im Investmentbanking sind vorbei

Der Weg, der sich nun abzeichnet, ist beschwerlich, aber grundsätzlich richtig. Cryan schert sich wenig um Allianzen und persönliche Befindlichkeiten, agiert streng strukturiert und an der Sache orientiert, seine Folgerungen sind nachvollziehbar. Und doch besteht die Gefahr, dass er auch ausmistet, was wertvoll war und auch künftig sein kann. „Beim Aufräumen kann man auch viel zerstören“, mahnt ein Banker.

Stimmen zum Chefwechsel bei der Deutschen Bank

Cryan muss schließlich nicht nur die Kosten drücken, sondern auch sicherstellen, dass die Bank künftig genug verdient. Bisher hat sie vor allem vom Investmentbanking gelebt, aber dessen beste Zeiten sind vorbei und kommen auch nicht wieder. Das Geschäft ist schwankend wie nie, die Regulierer haben es unattraktiv gemacht, und die starken US-Banken ziehen davon.

Aber was kommt stattdessen? Am Donnerstag soll sich der Nebel heben, dann wird Cryan im Detail verkünden, wo er wie viel spart und wo die Bank weiter stark und wo noch stärker sein soll. Klar ist, dass sie sich stärker an den Kunden ausrichten soll, mit denen sich Geschäfte lohnen. Das sind wohlhabende Privatanleger, institutionelle Investoren und vor allem die großen Unternehmenskunden. Auf sie ist die neue Struktur zugeschnitten, deren Grundzüge Cryan bereits am vergangenen Sonntag bekannt gab.

Das gehört zu Cryans Programm, das er nüchtern und Schritt für Schritt abarbeitet. Erst hat er so viele Milliarden abgeschrieben, dass die Bank am Donnerstag den höchsten Quartalsverlust ihrer Geschichte melden wird. Dann hat er das Topmanagement umbesetzt und sich dabei von etlichen Mitstreitern Jains getrennt. Das findet breite Zustimmung. „Es ist gut, dass die Treppe von oben gefegt wird“, sagt ein Aufsichtsrat.

Das ist nicht nur ein Signal für die Mitarbeiter, dass keiner geschont wird. Es soll künftig auch ein anderer Typ Manager für die Bank stehen, die Egos dürfen gerne etwas kleiner ausfallen, Vorstände sollen nicht in erster Linie ihrem Geschäftszweig, sondern dem großen Ganzen verpflichtet sein.

Mit den Managern geht die Erfahrung

Beim Kehraus gibt es auch Härtefälle, in der Person von Stephan Leithner etwa. Der langjährige Topmanager war mit seiner zeitweisen Rolle als Chef der Rechts- und Personalabteilung sowie des Europageschäfts offenbar überfordert, besitzt aber ein beispielloses Netzwerk in deutschen Unternehmen, das der Bank fehlen wird. Auch auf den Ebenen unter dem Vorstand sollen Manager auf dem Absprung sein, auch mit ihnen gehen Erfahrung und wertvolle Kontakte.

Wo die Deutsche Bank überall Ärger hat

Noch wissen sie alle nicht, woran sie wirklich sind, im Zwiegespräch ist Cryan ein interessierter Zuhörer, seine Ansagen sind klar, aber wirkliche Nähe lässt er kaum zu. Der Kreis der Eingeweihten ist sehr klein, sein engster Vertrauter ist Finanzchef Marcus Schenck, den die Bank Ende 2014 von Goldman Sachs abgeworben hat. Cryan kann unbelastet an die Dinge herangehen, aber er weiß auch nicht, wem er vertrauen kann, er fürchtet Indiskretionen und Intrigen, und das nicht zu Unrecht: „Er ist von einem Schlangennest umgeben“, sagt ein Londoner Banker.

Es stehen ja auch keine guten Nachrichten an, es geht um Tausende Stellen. Wie viele es wo sein werden, wissen auch die Mitglieder des Aufsichtsrats noch nicht. Aber sie ahnen, dass es knüppeldick kommt.

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