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Deutsche Bank Der Höllenjob des Anshu Jain

Seit zwei Jahren steht Anshu Jain neben Jürgen Fitschen an der Spitze von Deutschlands größtem Kreditinstitut - und macht fast alles richtig. Seine Kritiker sind trotzdem nicht davon überzeugt, dass er der Richtige für den Job ist.

Seit er an der Spitze der Deutschen Bank steht, macht Jain alles richtig. Das reicht seinen Gegnern aber nicht Quelle: REUTERS

Dann eben auch mal Wuppertal. 130 Angestellte der Deutschen Bank sind in die größte Filiale im Stadtteil Elberfeld gekommen, um ihren obersten Chef zu treffen. Eineinhalb Stunden beantwortet Anshu Jain Fragen auf Englisch, was er sagt, wird auf Wunsch simultan übersetzt. Er erklärt, bleibt freundlich, sachlich auch bei kritischen Fragen.

Da gibt es viele: Wie konnte es mit der Bank so weit kommen? Was wusste er selbst? Wann ist es endlich vorbei? Und wer zahlt am Ende für die Verfehlungen? Jain weicht nicht aus, berichten Teilnehmer, er wirkt offen, ehrlich und bekommt dafür am Ende auch etwas geschenkt: einen Bildband über die Geschichte der Wuppertaler Schwebebahn.

Ein gewaltiges Programm

Die Exkursion an die Basis füllt einen weißen Fleck auf Jains innerer Deutschlandkarte. Das Land ist seit zwei Jahren die berufliche Heimat des gebürtigen Inders, doch es ist ihm fremd geblieben. Öffentlich ist er kaum präsent, mitunter wirkt es, als verstecke er sich. Und wenn er auftritt, tut er das so harmlos, glatt und gefällig, dass es umgehend vergessen wird. Seine Zeit an der Spitze der Investmentbank hängt an ihm wie Blei. Die Skandale machen ihn zum Chef auf Abruf und seinen Job zum Wettlauf gegen die eigene Vergangenheit.

Intern dagegen hat er seine Rolle als Co-Chef der Deutschen Bank sofort gefunden. Seit er und Jürgen Fitschen Mitte 2012 an die Spitze gerückt sind, bauen sie das Institut so schnell und tief greifend um, dass gestresste Top-Manager von einem Motorwechsel bei Vollgas auf der Autobahn sprechen. Jain tut sich dabei als Antreiber hervor. Das Programm ist gewaltig: Die Bank baut Altlasten ab, passt sich an völlig veränderte Regulierung an, spart und integriert fast wie nebenbei auch noch die Postbank.

Was für einen Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain spricht

Wie ein wildes Tier

Jain macht da eigentlich alles richtig und hat so intern auch Skeptiker auf seine Seite gezogen. Dabei hatten seine Gegner vor dem Start Angst verbreitet, als käme demnächst ein wildes Tier aus dem Dschungel gesprungen. Jain hat sie eines Besseren belehrt. „Vom ersten Tag an ist er als Chef der gesamten Bank aufgetreten“, sagt ein Manager. Also nicht als reiner Investmentbanker, der den biederen Filialanhang mehr duldet als schätzt. Mit seinem Co-Chef Jürgen Fitschen bildet er ein sehr ungleiches, aber harmonisches Paar. Und trotz ehrgeiziger Sparziele hält er sich beim Abbau von Personal zurück.

Das kommt bei den Vertretern der Arbeitnehmer an. „Die Führung hat unser Vertrauen, weil sie Altlasten entschlossen beseitigt und Wert auf Integrität und Kundenorientierung legt“, lobt der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Alfred Herling. „Fitschen und Jain sind glaubwürdige Vertreter eines Wandels zum Besseren“, sagt Stephan Szukalski, der für die Gewerkschaft DBV im Aufsichtsrat sitzt. „Wir würden uns nur wünschen, dass sie in schwierigen Situationen mehr erklären und kommunizieren.“

Auch im direkten Umgang mit Mitarbeitern hat Jain positiv überrascht. Er ist ein fordernder Chef, der keine Schwäche duldet. Wer nicht in sein Tableau passt, wird umgehend und ohne viel Aufsehen entfernt. Aber er ist fair, schätzt im direkten Gespräch auch Widerspruch und bemüht sich in größerer Runde um Offenheit. Das war früher anders. Da schickte er die erlaubten Fragen per Mail vorab an Untergebene herum. Abweichungen unerwünscht.

Ein Chef für alle

Jain hat sich so stark gewandelt, dass er auch Weggefährten verblüfft. Frühere Top-Manager erinnern sich noch gut daran, wie er über die Postbank lästerte oder das Geschäft mit dem Mittelstand als zu margenschwach kritisierte und eindampfen wollte. Heute umschmeichelt er das emsige Rückgrat der deutschen Wirtschaft bei jeder Gelegenheit. Und tut auch was dafür: 12 000 große Mittelständler hat die Bank organisatorisch von der Investmentbank in die Filialen des Privatkundengeschäfts verlagert, damit sie besser betreut werden.

Ob Berechnung oder Überzeugung: Jain weiß, was seine Rolle verlangt. So fliegt er nur noch alle zwei Wochen nach London, sein Glasbüro am Rande des Handelssaals hat er geräumt. Ein Drittel der Zeit ist er jetzt in Frankfurt, wo er mit seiner Frau Geetika eine Wohnung hat. Und wo sein Büro im 32. Stock zeigt, dass er ein Chef für alle sein will. Vor der Tür hängt das von ihm selbst geschossene Foto eines jungen Tigers, drinnen stehen Trophäen aus seiner Investmentbank-Zeit. Ein Glasrahmen zeigt aber auch ein mit Autogrammen übersätes Trikot des Postbank-Werbepartners Borussia Mönchengladbach. Jain lernt unverdrossen Deutsch, viel Zeit hat er nicht, aber für eine längere Ansprache zur Hauptversammlung am 22. Mai reicht es.

Kein Nachfolger in Sicht. Aufsichtsratschef Achleitner will an Jain festhalten, solange es geht – plant aber für den Notfall Quelle: Frank Bauer für WirtschaftsWoche

Keine Aufbruchsstimmung

Bei vielen Zielen, die Jain und Fitschen zu Beginn ihrer Amtszeit für 2015 anvisiert hatten, sind sie im Plan oder diesem voraus. Das Sparziel von jährlich 4,5 Milliarden Euro ist zur Hälfte erreicht. Die in eine Abbaubank ausgegliederten Vermögenswerte haben sich von 120 auf 50 Milliarden Euro reduziert. Die Vermögensverwaltung, die im gesamten Jahr 2012 nur 150 Millionen Euro vor Steuern verdiente, wirft mittlerweile in jedem Quartal mehr ab.

Trotz dieser Erfolge ist von Aufbruchsstimmung in der Bank nichts zu spüren, im Gegenteil. Das Befinden ist schlecht, „sauschlecht“ sogar, wie ein Insider sagt. Allenfalls stabilisiert sich die Lage allmählich. Die ständigen Skandale und Verfehlungen sorgen für eine gereizte Atmosphäre. Das Selbstverständnis ist angeknackst. Zu tief war der Absturz, zu schwer die Kränkung.

Lange wähnte sich die Bank stark und unverwundbar. Dafür hatte vor allem Jains Vorgänger Josef Ackermann gesorgt. Der hatte stets erklärt, dass in erster Linie er persönlich, in zweiter aber auch die Bank Gewinner der Krise seien. Als die Konkurrenz 2009 noch mit Aufräumarbeiten beschäftigt war, setzte er ein absurdes Zehn-Milliarden-Euro-Gewinnziel für 2011 in die Welt, als wäre nichts gewesen.

Was gegen einen Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain spricht

Vermisst wird Ackermann heute kaum noch, viele sind wütend, fühlen sich betrogen. Denn geblieben ist ein Berg von Altlasten, deren Beseitigung Milliarden kostet und immer mal wieder den Staatsanwalt auf den Plan ruft. Die Deutsche Bank, das dämmert jedem, war längst nicht so gut in Form wie behauptet. Das Verhältnis von Kosten zu Ertrag lag bei 90 Prozent, das von Eigenkapital zu Risikoaktiva hätte nach den heute geltenden Standards läppische sechs Prozent betragen.

Ackermanns letzte Amtsjahre gelten, abgesehen vom Kauf der Postbank, als verlorene Zeit, seine Ansprüche aber wirken fort. Demut passt nicht zur Bank, auch Jain will an der Weltspitze mitmischen. Statt einer Eigenkapitalrendite von 25 Prozent vor Steuern wollen er und Fitschen zwölf Prozent nach Steuern erreichen. Momentan sind sie davon meilenweit entfernt.

Hoffen auf die Wende

2013 verdiente die Bank 1,5 Milliarden Euro vor Steuern, 2012 war es nur halb so viel. Belastungen durch Abschreibungen, Vergleiche in Rechtsstreitigkeiten und Strafen verhageln das Ergebnis. So geht es erst mal weiter. 2014 werde sicher nicht besser laufen, heißt es in Vorstandskreisen, wieder werde es Milliarden an Strafzahlungen und Abschreibungen geben. Wieder geht es also mehr ums Aushalten als ums Wachsen. Disziplin bleibt höchstes Gebot.

Ab 2015 soll die Bank auf Wachstum umschalten. Die Pläne liegen bereit: Die Führung will die Vermögensverwaltung ausbauen, sich in den Metropolen der Schwellenländer engagieren, bei der Konsolidierung der Branche mitmischen und auch technisch ganz vorne dabei sein.

Die größten Risiken und Probleme der Deutschen Bank
Libor-Skandal Über Jahre versuchten internationale Großbanken den Referenzzins zu manipulieren, um höhere Gewinne zu erzielen. Daran waren auch Beschäftigte des Dax-Konzerns beteiligt. Mehrere Investmentbanker der Deutschen Bank mussten gehen. Das Institut schließt nach internen Untersuchungen aber aus, dass das höhere Management an Manipulationen beteiligt war. In die Kritik geraten war auch Jain, der seit Jahren das Investmentbanking verantwortet. Die drei Konkurrenten Barclays, Royal Bank of Scotland und UBS mussten bereits hohe Strafen zahlen. Das droht auch der Deutschen Bank. Quelle: dpa
Kirch-ProzessIm Dauerclinch um die Pleite des Medienimperiums des inzwischen gestorbenen Leo Kirch wurde die Bank vom Münchner Oberlandesgericht grundsätzlich zu Schadensersatz verurteilt. Die Höhe steht noch nicht fest. Die Bank wehrt sich vor dem Bundesgerichtshof (BGH) gegen den Schuldspruch, bildete in diesem Fall aber auch erstmals Rückstellungen. Die Kirch-Seite macht die Bank für die Pleite der Medienunternehmens 2002 verantwortlich und fordert gut zwei Milliarden Euro Schadenersatz. Einen Vergleich lehnte die Deutsche Bank bislang ab. Im April sah sich das Institut zu einer außerordentlichen Hauptversammlung gezwungen, weil Kläger aus dem Kirch-Lager erfolgreich Beschlüsse des letzten regulären Aktionärstreffens im Mai 2012 angefochten hatten. Quelle: dapd
USADas Land ist einer wichtigsten Märkte für die Deutsche Bank. Die Politik dort will nun die Kapitalregeln für Auslandsbanken verschärfen. Das würde die Deutsche Bank besonders zu spüren bekommen. Zudem kämpft das Institut wegen Geschäften aus den Zeiten vor der Finanzkrise 2007/08 mit zahlreichen Klagen. Oft geht es um Hypothekengeschäfte. Quelle: AP
AbbausparteDer Bereich wird auch als „Bad Bank“ der Deutschen Bank bezeichnet. In der Sparte hat sie alle Geschäfte und Anlagen geparkt, von denen sie sich trennen möchte. Dazu gehören auch einige verlustreiche Ladenhüter wie das einst von der Bank finanzierte Kasino Cosmopolitan in Las Vegas und der US-Hafenbetreiber Maher, die schon seit Jahren auf einen Verkauf warten. Der eigentlich schon vereinbarte Verkauf der Frankfurter BHF-Bank an die Finanzgruppe RHJ stockt seit Monaten, weil die Finanzaufsicht kein grünes Licht gab. Quelle: Presse
VermögensverwaltungGern hätte das Institut im vergangenen Jahr einen Großteil dieses Geschäfts verkauft. Die Verhandlungen verliefen aber im Sande, da die Gebote zu niedrig waren. Nun will die Bank die Sparte selbst weiterentwickeln. Doch die Konkurrenz wird größer. Immer mehr Institute buhlen um reiche Kunden in aller Welt, da dieses Geschäft als vergleichsweise stabil gilt. Die Deutsche Bank findet sich international in der Vermögensverwaltung bislang nur auf einem der hinteren Plätze. Quelle: REUTERS

Nicht alles unter Kontrolle

Der Auftakt dazu ist gemacht. Neulich hat Jain im Rechenzentrum in Eschborn bei Frankfurt vor mehr als 1000 Bankern erklärt, wie radikal neue Technologien wie der Mobilfunkstandard 4G das Leben der Kunden und damit das Bankgeschäft verändern. An seiner Seite Privatkundenvorstand Rainer Neske, den er bei der Gelegenheit als obersten Digital-Beauftragten der ganzen Bank vorstellte. Ein cleverer Schachzug: In Jains Anfangstagen galt Neske als Vertreter der Traditionalisten – und damit als möglicher Gegenspieler.

Jain weiß, was er will, er kann seine Pläne mit ein paar Strichen auf dem Notizblock deutlich machen. Und hat doch nicht alles unter Kontrolle. Wie faulige Blasen poppten nach seinem Amtsantritt Skandale an die Oberfläche. Mögliche Manipulationen von Libor-Zinsen, Devisenmärkten und Goldpreis sowie Ermittlungen von Staatsanwälten wegen Falschaussagen im Kirch-Prozess und Steuerbetrug mit Klimazertifikaten dominieren das Bild der Bank.

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So auch bei der jährlichen Pressekonferenz Ende Februar. Jain und Fitschen wollen ihre maue Bilanz für 2013 als Erfolg verkaufen. Fast neun Milliarden Euro Gewinn habe die Bank ohne Sonderbelastungen gemacht, das zweitbeste Ergebnis aller Zeiten. Doch beide wirken alles andere als euphorisch. Und das Ergebnis ist eh zweitrangig. „Warum sind Sie der Richtige?“, „Was wussten Sie von der Manipulation von Zinssätzen?“ – Fragen wie im Polizeiverhör verfolgen Jain auf Schritt und Tritt.

Mindestens so schwer wie das moralische Misstrauen wiegt das der Investoren. Aktuell beklagen sie zu wenig Transparenz bei der Vergütung. Die größten Sorgen machen sie sich aber wegen der nach wie vor schwachen Kapitalbasis, eine weitere Kapitalerhöhung ist wahrscheinlich. „Die Bank hat ihre Kapitalposition zwar schon dramatisch verbessert, ist aber immer noch auf der niedrigen Seite“, rügt David Moss, Chef des europäischen Aktiengeschäfts beim britischen Vermögensverwalter F&C. In Führungskreisen der Bank kommt die Botschaft offenbar an: „Wir haben nie gesagt, dass das Thema Kapital für uns erledigt ist“, sagt ein Top-Manager.

Die Konkurrenz zieht davon

Darunter leidet einmal mehr der Aktienkurs, der seit Jahren um die 30 Euro stagniert. Das Geschäftsmodell gilt als zu kompliziert, die Kapitalbasis als zu schwach für die weltweiten Ambitionen. Nach dem Stresstest der EZB Ende des Jahres, so die Hoffnung der Führungsspitze, könne sich der Kurs an 50 Euro annähern. Das wäre bitter nötig. Denn die Flaute ist intern ein Stimmungskiller. Die Investmentbanker in New York und London bekommen einen großen Teil ihres Salärs in Aktien. Allmählich werden sie unruhig, wollen auch mal verkaufen, Kasse machen. Die Chance ist bisher ausgeblieben.

Gleichzeitig zieht die Konkurrenz davon. In ihrem Selbstverständnis ist die Bank die Nummer eins in Europa, nach dem Börsenwert steht sie nicht mal mehr unter den ersten 15. Die US-Wettbewerber spielen längst in einer ganz anderen Liga. JP Morgan hat 2013 trotz ebenfalls heftiger Strafzahlungen 13 Milliarden Euro verdient.

Die Konfliktherde der Deutschen Bank
28. April 2015Deutsche Bank Co-Chef Jürgen Fitschen muss sich in München vor Gericht verantworten. Gleichzeitig beginnt auch der Prozess gegen vier andere ehemalige Deutsche Bank-Manager. Fitschen wird versuchter Prozessbetrug im Schadenersatzstreit mit den Erben des Medienunternehmers Leo Kirch vorgeworfen. Quelle: dpa
24. April 2015Am Freitag wollen Vorstand und Aufsichtsrat der Bank über die zukünftige Strategie von Deutschlands größter Bank entscheiden. Bisher sieht es so aus, als würden zwei Modelle bevorzugt. Zur Wahl stehen die Aufspaltung der Bank in eine Unternehmer- und eine Privatkundenbank oder der Verkauf der Postbank zusammen mit einem üppigen Sparprogramm. Quelle: dpa
10. April 2014Im Libor-Skandal soll die Deutsche Bank eine Milliardenstrafe zahlen. Laut Berichten kommt es zu einem Vergleich zwischen den ermittelnden US-Behörden und der Bank, der bei umgerechnet 1,4 Milliarden Euro liegen soll. Das wäre die höchste Strafe, die im Libor-Skandal bisher verhängt wurde. Quelle: dpa
Januar 2015Seit Anfang des Jahres wird über die neue Strategie der Deutschen Bank gerätselt. Wird die Postbank verkauft und an die Börse gebracht? Oder soll das gesamte Privatkundengeschäft abgespalten werden? Noch ist nicht klar, welches Modell am Ende vorne liegt. Sicher scheint nur, dass es so nicht weitergehen kann. Quelle: dpa
09. Dezember 2014Der Steuerstreit zwischen der Deutschen Bank und den USA geht weiter. Am Montag reichte die US-Regierung Klage gegen den deutschen Branchenprimus ein. Dem Institut wird vorgeworfen, Einkommenssteuer hinterzogen zu haben. Der New Yorker Staatsanwalt Preet Bharara erklärte, die USA klagten auf 190 Millionen Dollar. Diese Summe umfasse die entgangenen Steuern, Strafen und Zinsen. Die Klage bezieht sich auf einen Fall aus dem Jahr 1999. Durch ein Geflecht aus Luftbuchungen und Scheinfirmen sei den USA eine erhebliche Summe an Steuern entgangen, so der Staatsanwalt. Quelle: REUTERS
Das Logo der Deutschen Bank der Firmenzentrale in Frankfurt am Main spiegelt sich in einem Hochhaus Quelle: dpa
19.06.2014Großinvestoren wie die Allianz-Tochter Pimco und die DZ Bank verklagen die Deutsche Bank und fünf andere Geldhäuser wegen ihrer Verwicklung in das Geschäft mit riskanten Hypothekenpapieren. Sie hätten ihre Pflichten als Treuhänder verletzt, weil sie die Emittenten hypothekenbesicherter Papiere (MBS) vor der Finanzkrise 2008 nicht zum Rückkauf wackliger Kredite gedrängt hätten, heißt es in mehreren am Mittwoch in New York eingereichten Klagen. Die Anleger fordern Entschädigung für Verluste von 250 Milliarden Dollar mit 2200 MBS, die zwischen 2004 und 2008 ausgegeben wurden. Die sechs verklagten Banken zählten zu den größten Treuhändern solcher Papiere. In den MBS waren viele Kredite an Hausbauer gebündelt, die aufgrund schmaler Einkommen eigentlich gar keine Hypothek hätten bekommen dürfen. Viele Banken nahmen es mit den Risiken im Streben nach maximalem Profit aber nicht so genau. Als mehr und mehr Immobilienbesitzer im Zuge sinkender Immobilienpreise ihre Raten nicht mehr zahlen konnten, brach das auf zwei Billionen Dollar aufgeblähte System zusammen und löste die Finanzkrise aus. Neben der Deutschen Bank wurden die britische HSBC sowie die US-Häuser Citi, Wells Fargo, Bank of New York Mellon und US Bancorp verklagt. Quelle: dpa

Symbolhaft für die Kluft sind zwei Auftritte, bei denen Jain im vergangenen Jahr mit JP-Morgan-Chef Jamie Dimon diskutierte. Der steht auch unter Druck, tönt aber trotzdem laut und selbstbewusst, dass Amerika gefälligst stolz auf die Bank sein solle. Dagegen wirkt Jain kleinlaut. Höflich, fast schüchtern gelobt er Besserung und bittet um Geduld. Natürlich werde es dauern, bis die Finanzindustrie das zu Recht verlorene Vertrauen zurückerobert habe.

Allgegenwärtige Skepsis

„Wir sind alle verunsichert“, gibt ein Vorstandskollege zu. „Aber Anshu ist besonders vorsichtig. Jeder wartet auf einen Fehltritt.“ Dabei ist das Ducken eigentlich nicht seine Sache. „Jain ist immer ein absoluter Meinungsführer gewesen“, sagt ein Manager, der jahrelang mit ihm im obersten Führungsgremium der Bank saß. „Es muss ihn schmerzen, dass er von Beginn an in die Defensive geraten ist und den Eindruck kaum noch korrigieren kann.“

Die wichtigsten Stationen der Karriere von Anshu Jain

Die Skepsis ist weiter allgegenwärtig. „Jain hat sehr lange Verantwortung für kritische Geschäfte getragen“, sagt ein Bankenaufseher. „Unabhängig von konkreten Verfehlungen muss sich die Bank fragen, ob so viel personelle Kontinuität ein glaubhaftes Zeichen für Wandel ist.“

Das Jain-Lager versucht tapfer, genau das zu vermitteln. Er kenne die Bank genau und habe genug Erfahrung und Autorität, um andere Banker vom Wandel zu überzeugen. Und schließlich sei jeder Investmentbanker, der in den Vorkrisenjahren Verantwortung trug, auf dem gleichen Irrweg gewesen. Jetzt sei die Branche klüger.

So sieht das auch Paul Achleitner. Der Aufsichtsratsvorsitzende hat Jain früh von jeder direkten Verantwortung für die Manipulation der Libor-Zinssätze freigesprochen und hält weiter treu zu ihm. Achleitner hat die Sitzordnung im Aufsichtsrat so umgestellt, dass dessen Mitglieder nun alphabetisch und nicht mehr nach Arbeitnehmern und Kapital getrennt angeordnet sind. Er legt auch sonst viel Wert auf Balance. Mit dem früheren UBS-Finanzchef John Cryan hat er Jain in dem Gremium einen ebenbürtigen Experten zur Seite gestellt. Beide lieferten sich schon Rededuelle, denen die Kollegen nur mit Mühe folgen konnten, etwa zu einer weiteren Kapitalerhöhung. Cryan war dafür, Jain wollte sie lieber vermeiden, um bessere Argumente für seinen Sparkurs zu haben.

Der wunde Punkt

Gerüchteweise könnte Cryan Jain ersetzen, sollte der wegen einer Verfehlung stürzen. In Kreisen des Aufsichtsrats heißt es, Jain sitze fest im Sattel. Eine Ablösung war bei den letzten Sitzungen kein Thema. Die kritischsten Fragen müsse sich derzeit Finanzvorstand Stefan Krause anhören. Aber jedem ist klar, dass ein neuer Skandal Jains Ende wäre. Für diesen Fall will die Bank gerüstet sein. Angeblich soll bereits ein Personalberater nach einem externen Kandidaten suchen, der Jain, Fitschen oder gleich beide ersetzen kann.

Fitschens wunder Punkt sind die Ermittlungen wegen angeblicher Falschaussagen im Kirch-Prozess. Er hat bisher nicht definitiv erklärt, dass er bleibt, wenn gegen ihn ein Strafverfahren beginnt. Ob es so weit kommt, dürfte sich bald entscheiden. Intern gilt die Situation als „kompliziert“.

Kirch gegen Deutsche Bank
Der Fall Leo KirchFebruar 2002Rolf Breuer, der Chef der Deutschen Bank, stellte vor 10 Jahren die Kreditwürdigkeit der Kirch-Gruppe infrage. In einem TV-Interview, dass am 4. Februar bei Bloomberg TV ausgestrahlt wurde, sagt er, nach allem, was man „darüber lesen und hören“ könne, sei der Finanzsektor nicht mehr bereit, „auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen“. Quelle: AP
Interview im Wortlaut Quelle: AP
Insolvenz Quelle: AP
Taurus-Holding Quelle: AP
BGH Quelle: dpa/dpaweb
Rücktritt Quelle: REUTERS
Abgewiesen! Quelle: dpa

Jains wunder Punkt sind neun Millionen E-Mails. 300 Experten, darunter 150 externe Anwälte, durchsuchen den elektronischen Schriftverkehr nach Hinweisen auf Manipulationen von Referenzgrößen. Über die Geschehnisse beim Libor gibt es inzwischen Klarheit: „Die Untersuchung ist abgeschlossen, wir wissen genau, was passiert ist“, heißt es in hochrangigen Kreisen der Bank. Es handele sich um Verfehlungen Einzelner. Mit dem Abschluss aller Verfahren rechnen die Verantwortlichen nicht vor Ende des Jahres, wenn die Aufseher in den USA und Großbritannien ihr Strafmaß verkündet haben.

Treiber statt Getriebener

Schluss ist dann noch lange nicht. Anzeichen für eine Schrauberei am Goldpreis gibt es bisher nicht. Im Vorstand und bei den Aufsehern gilt vor allem die mögliche Manipulation von Devisenkursen wegen der Größe des Marktes als heikel. Die Untersuchungen sind noch am Anfang. Im Fall eines Händlers für argentinische Peso gibt es klare Indizien für eine Absprache. Ob er aber wirklich einen Manipulationsversuch gestartet hat, ist nicht klar.

Sollte sich ein Beleg für ein direktes Mitwissen oder gar eine Anstiftung durch Jain finden, wäre er sofort erledigt. Enge Mitarbeiter glauben das nicht. „Sein moralischer Kodex ist so streng, dass es schon fast irritierend ist“, betont einer. Aber kommt es wirklich darauf an, ob sich irgendwo die eine Mail findet, die ihn überführt? Jain hat als Ober-Investmentbanker über Jahre alles getan, um sein Geschäft auszubauen. Er war kein Getriebener, sondern Treiber. Und damit bei allen Irrwegen vorne dabei.

In seiner Amtszeit zogen Vertriebstruppen los, um komplexe Derivate an Kommunen zu verticken, die deren Finanzplanung ruinierten statt sanierten. Der Aufstieg zu einem der größten Spieler auf dem Markt für verbriefte US-Immobilienkredite schwacher Bonität war vor allem Jains zweifelhaftes Verdienst. Hier drohen weiter die höchsten Strafzahlungen. Intern gilt es schon als Erfolg, dass sich die Bank in einem Verfahren kürzlich auf eine Strafe von 1,4 Milliarden Euro geeinigt hat, während die Bank of America wenig später fast zehn Milliarden Dollar zahlen musste.

Erkaufter Frieden

Jain will alle Altlasten schnell weghaben. So hat er auch besonders darauf gedrängt, 925 Millionen Euro nach München zu überweisen, um endlich den Streit um die Kirch-Pleite im Jahr 2001 zu beenden.

Nach außen erkauft sich die Bank so etwas Frieden. Intern sorgen die Summen für Unruhe. Denn das Sparprogramm „Operational Excellence“ verordnet jeder Abteilung ein knallhartes Sparziel. Stellen werden nicht wieder besetzt, sogar die Drucker bedrucken das Papier seit Kurzem nur noch beidseitig. Abteilungsleiter rechnen aus, wie viele Jahre es dauert, bis ihre Einsparungen den Kirch-Vergleich finanziert haben. Und kommen auf Jahrzehnte.

Es grummelt gewaltig. Bei Überweisungen im Privatkundengeschäft sind schon immer Kontrollen wie das Vier-Augen-Prinzip vorgesehen, während Milliardenspiele im Investmentbanking unbehelligt abliefen. Ackermann und Jain fuhren die Überwachung teilweise zurück. Kein Wunder, dass Banker beider Lager einander mit Skepsis begegnen. Bei den Kulturwandel-Seminaren erforschen Führungskräfte aus allen Bereichen, wie es zu den Sünden kommen konnte. Die Investmentbanker haben da erst mal einen schweren Stand.

Müssen sich Anleger Sorgen machen?

Mancher in der Bank stellt den Kurs der vergangenen 20 Jahre komplett infrage. Erst investierte sie Milliarden in den Aufbau des Kapitalmarktgeschäfts, verdiente so eine Weile Milliarden und zahlt dafür nun Milliardenstrafen. In der Führung heißt es, die Bilanz des Investmentbankings insgesamt sei positiv und die Bank nur wegen ihm als einzige in Deutschland international wettbewerbsfähig. Doch die Filialmitarbeiter zahlen einen hohen Preis, wenn ihre Kunden sie auf die neueste Ungeheuerlichkeit der Kollegen ansprechen.

Da ist es ein schwacher Trost, dass Jain keinen Bereich der Bank so radikal umkrempelte wie seinen eigenen. In der Investmentbank hat er seit 2012 das härteste Sparprogramm durchgezogen. 2000 Stellen fielen weg, und das schwache Geschäft dürfte dafür sorgen, dass der Schrumpfprozess noch weitergeht. Wie ihre Wettbewerber leidet die Deutsche Bank unter dem schwachen Handel mit Anleihen und einem lahmen Devisengeschäft.

Weiches Thema in harter Zeit

Dabei geht es nicht nur um eine der üblichen Flauten, sondern um tief greifende Veränderungen durch Regulierung. Die betrifft vor allem den Handel mit Anleihen, Devisen und Rohstoffen, aus dem Jain selbst kommt. „Die Welt hat sich verändert, und wir müssen uns anpassen“, sagt Colin Fan, der das Geschäft gemeinsam mit Robert Rankin leitet, seit Jain an die Spitze der gesamten Bank gerückt ist. Die Bank hat den Eigenhandel dichtgemacht und den physischen Handel mit Rohstoffen eingestellt. Anders als mancher Wettbewerber will sie aber grundsätzlich weiter alle wesentlichen Dienstleistungen anbieten. Nur so könne sie ihre globalen Ambitionen aufrechterhalten.

Die verkörpert Fan ähnlich wie Jain, zu dessen engsten Vertrauten er zählt. Er wurde in China geboren und wuchs in Kanada auf. Seine wichtigste Aufgabe ist es nun, den von Jain und Fitschen ausgerufenen Kulturwandel auch den hartgesottenen Händlertruppen zu vermitteln. Leicht ist das nicht. „Alle waren überrascht über das vermeintlich weiche Thema in einer Zeit, in der die Bank mit Herausforderungen in ihrem Kerngeschäft konfrontiert ist“, sagt Fan.

Härtere Strafen

Damit es nicht nur Gerede bleibt, wird das richtige Verhalten in Rollenspielen eingeübt. Wer nicht hören will, muss büßen. „Strafen für Fehlverhalten müssen drastisch ausfallen. Wir sollten diese Personen enttarnen, ihnen kündigen, ihre Boni und Belegschaftsaktien kassieren und die Aufsichtsbehörden informieren“, droht Fan.

Auf die Skandale reagiert die Bank mit deutlich mehr Kontrollen und mit Rückzug, etwa bei der Ermittlung des Goldpreises oder von einigen Devisenkursen. „Wir können unsere Teilnahme nicht komplett einstellen, weil wir in manchen Märkten ein wichtiger Teilnehmer sind. Bis dato haben wir die Zahl der Fixings, an denen wir teilnehmen, um zwei Drittel gesenkt“, sagt Fan. Um Fehlverhalten auszuschließen, wird stärker automatisiert: Rund die Hälfte des Devisenhandels wird elektronisch abgewickelt, der Anteil dürfte bald auf 80 bis 90 Prozent steigen. Und Fan setzt auf einfache Produkte, er wolle „dem Brot-und-Butter-Geschäft Priorität einräumen“.

Wie deutsch ist die Deutsche Bank?
Anshu Jain Quelle: dapd
Jürgen Fitschen Quelle: dapd
Rainer Neske Quelle: unbekannt.
Stefan Krause Quelle: dapd
Stephan leithner Quelle: dpa
Stuart Lewis, Chief Risk Officer der Deutsche Bank Quelle: Presse
Henry Ritchotte Quelle: unbekannt.

Vertraute wie Fan sollen verhindern, dass Jains größte Angst wahr wird und aus Geschäften von heute Altlasten von morgen werden. Ein neuer Libor-/Devisen-/Kirch-Fall wäre das Ende seiner Karriere und ein weiterer Tiefschlag für das Image der Bank. Nur wenn sie längere Zeit sauber bleibt, kann Jain zu einem ganz normalen Manager werden, dem die Leute vertrauen.

Durch die Hintertür

Nirgends fehlt es daran so wie in Berlin. 15 Mal im Jahr ist Jain in der Hauptstadt, sie ist sein deutscher Lieblingsort. Die Ministerien aber betritt er durch den Hintereingang. Sich mit ihm zu zeigen gilt unter Politikern als unschick, viele würden ihn gerne abgelöst sehen.

Da muss Jain jede Chance nutzen. Im Innenhof der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft in Berlin steht das Deutsche-Bank-Logo in der Ecke. Mitte Februar stellt Ex-Kanzler Gerhard Schröder hier ein neues Buch vor, und weil Schröders Agenda heute als deutsches Erfolgsrezept gilt, ist der Saal voll.

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Jain ist ein artiger Gastgeber, er kommt genau pünktlich, dunkelblauer Anzug, die rechte Hand lässig in der Hosentasche, lächelt er freundlich, fast schelmisch. Er macht das souverän, zitiert auf Englisch sogar Thomas Mann: „Wir wollen kein deutsches Europa, sondern ein europäisches Deutschland.“ Es ist ein kurzer Auftritt ohne Widerhaken. Nach fünf Minuten ist die Pflicht vorbei. Als Belohnung für Jain gibt es gemeinsame Fotos in den Zeitungen.

In seiner Ansprache hat Jain Schröder gelobt, weil der auch gegen Widerstände durchsetzte, was er für richtig hielt. Heute bekommt Schröder anders als für seine Freundschaft zu Wladimir Putin dafür Applaus. Jain strebt nicht wie sein Vorgänger Ackermann einen Platz in einem Geschichtsbuch an. Wenn es irgendwann hieße, dass er der richtige Mann am richtigen Ort war, würde ihm das schon reichen.

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