Deutsche Bank Der neue Chef Cryan kennt keine Denkverbote

Beim Abbau von Altlasten schlachtet Deutschlands größte Bank auch heilige Kühe. Das ist gut so.

John Cryan Quelle: dpa

John Cryan, der neue Chef von Deutschlands größter Bank, will beim Abbau von personellen und wirtschaftlichen Altlasten offenbar keine Zeit verlieren. Erst seit Juli im Amt, denkt der Brite über die Abschaffung des aufgeblähten Führungsgremiums namens Group Executive Committee nach. Das berichtet das „Manager Magazin“, welches Cryan die Titelgeschichte seiner aktuellen Ausgabe widmet. Allerdings scheint es noch keine konkreten Pläne zur Umsetzung dieser Idee zu geben. „Zu Spekulationen äußern wir uns nicht“, sagte ein Sprecher der Deutschen Bank auf Anfrage der WirtschaftsWoche.

Das Group Executive Committee ist ein Vermächtnis von Cryans Vor-Vorgänger Josef Ackermann und stellt eine Ausnahmeerscheinung unter deutschen Großunternehmen dar. In diesem erweiterten Vorstand sitzen aktuell 19 Führungskräfte, während das nach deutschem Aktienrecht relevante Vorstandsgremium neben CEO Cryan nur sieben weitere Köpfe zählt. Einer von ihnen ist Jürgen Fitschen, der bis Mai kommenden Jahres noch Co-Chef neben dem von Aufsichtsratschef Paul Achleitner frisch eingesetzten Cryan bleiben soll.

Die Vorwürfe gegen Deutsche-Bank-Manager
Der Libor-Skandal um manipulierte Zinssätze hält die Deutsche Bank auch nach dem Abschied von Co-Chef Anshu Jain und Milliarden-Strafen weiter in Atem. Vier amtierende Vorstände und zwei weitere Top-Manager des Instituts sehen sich mit schweren Vorwürfen der Finanzaufsichtsbehörde Bafin konfrontiert. Sie seien ihren Kontrollpflichten nicht ausreichend nachgekommen und hätten Aufseher bei der Aufarbeitung der Affäre unvollständig und zum Teil unzutreffend informiert. Quelle: dpa
Anshu Jain: Der im Auftrag der Bafin von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY erstellte Bericht, konzentriert sich nicht nur auf die Zinsmanipulationen, die im damals von Anshu Jain geleiteten Investmentbanking stattfanden. Es geht auch um mangelnde Dokumentation sowie Behinderungen bei der Aufklärung der Libor-Vorwürfe. Zu möglichen Konsequenzen des Berichts hielt sich die Deutsche Bank bedeckt. „Es wäre unangemessen, zum jetzigen Zeitpunkt Schlussfolgerungen hinsichtlich des Verhaltens der Bank oder einzelner Personen zu ziehen“, hieß es in einer Stellungnahme. Quelle: REUTERS
Stephan Leithner: Heftige Kritik übt die Bafin in dem Bericht an dem im Vorstand unter anderem für regelkonformes Verhalten (Compliance) zuständigen Stephan Leithner. So soll die Bank intern schon 2008 nach einem entsprechenden Pressebericht über die Manipulationsanfälligkeit des Libor-Zinssatzes gesprochen haben. Fünf Jahre später mahnte Leithner auf dem Höhepunkt der Libor-Ermittlungen in einer Mail, nichts über die einstigen Diskussionen gegenüber der Presse zu erwähnen. Quelle: dpa
Henry Ritchotte: Angezählt wird auch der f ür die IT der Bank zuständige Vorstand Henry Ritchotte. Ihm wirft die Bafin vor, dass die Systeme des Instituts Fehlverhalten erst ermöglicht hätten. Laut „Wall Street Journal“, das den Bafin-Bericht veröffentlicht hatte, verteidigt sich der Manager damit, dass er seit seinem Amtsantritt an einer Verbesserung arbeite. Quelle: Handelsblatt Online
Stefan Krause: Dem früheren Finanzvorstand Stefan Krause werfen die Aufseher vor, in den von ihm geleiteten Untersuchungen nicht genau hingeschaut zu haben. Er ist derzeit im Vorstand für das globale Transaktionsgeschäft, die Abwicklungseinheit und die Tochter Postbank zuständig. Quelle: REUTERS
Stuart Lewis: Auch Chefjustiziar Richard Walker und Risikovorstand Stuart Lewis (Bild) attackiert die Bafin. Sie sollen die Informationsgesuche von US-Ermittlern nicht ernst genug genommen haben. Zudem sollen sie bei der Bafin irreführende Angaben gemacht haben. Die mangelnde Kooperation hatten die britische und amerikanische Behörden im Frühjahr als einen wichtigen Grund angegeben, weshalb sie die Deutsche Bank zu einer Rekordstrafe von 2,5 Milliarden Dollar (2,3 Milliarden Euro) verdonnerten. Quelle: Presse
Michele Faissola: „Schwerwiegende“ Versäumnisse bescheinigt die Bafin Michele Faissola, dem Chef der Vermögensverwaltungssparte der Deutschen Bank. Der frühere Investmentbanker und Jain-Vertraute soll ebenfalls Informationen zurückgehalten und trotz früher Hinweise auf Manipulationen das Prozedere bei der Feststellung des Libor nicht geändert haben. Quelle: PR

Der Neue hat kein Geheimnis daraus gemacht, dass er die Deutsche Bank für zu komplex und ineffizient hält. Umgebaut werden soll wohl nicht nur das Fundament des global tätigen Geldinstituts, sondern auch die Führungsetage. So will die Deutsche Bank laut bereits bekannt gegebener Pläne die Postbank verkaufen, über die ein Großteil des Privatkunden- und Standardgeschäfts läuft. Auch Beteiligungen in China und Indien stehen zum Verkauf, wie das Handelsblatt berichtet. Ob die Deutsche Bank nach Abschluss des Schrumpfprozesses immer noch größtes deutsches Kreditinstitut bleibt, ist offen.

Diesem Abbau von Altlasten könnte ein Abbau von Führungspositionen folgen. Präzedenzfall dafür ist die Commerzbank, der Branchenzweite. Dort hatte Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller 2013 zwei Vorstände entlassen, weil die Bank insgesamt geschrumpft war und den Abbau zahlreicher Mitarbeiter auf sämtlichen Konzernhierarchien beschlossen hatte. Der daran anschließende Streit um teure Abfindungen für einen der beiden Geschassten ist eine andere Geschichte.

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Bei der Deutschen Bank hingegen gibt es neben der allgemeinen Umstrukturierung noch ein weiteres Argument, über den Abschied von Führungskräften nachzudenken. Viele von ihnen sind in die zahlreichen Skandale des Unternehmens verstrickt und stehen daher unter besonderer Beobachtung etwa der deutschen Finanzaufsicht BaFin. Für den neuen Chef wäre es ein misslungener Start, sollten Aufseher die Abberufung von prominenten Führungskräften fordern, die in Zinsmanipulationen, Steuerbetrug und Geldwäsche verstrickt waren oder bei der Aufklärung dieser Skandale eine schlechte Figur gemacht haben. Besser ist es, wenn der Aufsichtsrat dem zuvor kommt.

Die Überlegungen über einen Umbau der Deutschen Bank auch an der Spitze zeigen, dass Cryan und Achleitner den Warnschuss der BaFin gehört haben. Das ist gut so.

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