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Deutsche Bank Der Höllenjob des Anshu Jain

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Ein Chef für alle

Jain hat sich so stark gewandelt, dass er auch Weggefährten verblüfft. Frühere Top-Manager erinnern sich noch gut daran, wie er über die Postbank lästerte oder das Geschäft mit dem Mittelstand als zu margenschwach kritisierte und eindampfen wollte. Heute umschmeichelt er das emsige Rückgrat der deutschen Wirtschaft bei jeder Gelegenheit. Und tut auch was dafür: 12 000 große Mittelständler hat die Bank organisatorisch von der Investmentbank in die Filialen des Privatkundengeschäfts verlagert, damit sie besser betreut werden.

Ob Berechnung oder Überzeugung: Jain weiß, was seine Rolle verlangt. So fliegt er nur noch alle zwei Wochen nach London, sein Glasbüro am Rande des Handelssaals hat er geräumt. Ein Drittel der Zeit ist er jetzt in Frankfurt, wo er mit seiner Frau Geetika eine Wohnung hat. Und wo sein Büro im 32. Stock zeigt, dass er ein Chef für alle sein will. Vor der Tür hängt das von ihm selbst geschossene Foto eines jungen Tigers, drinnen stehen Trophäen aus seiner Investmentbank-Zeit. Ein Glasrahmen zeigt aber auch ein mit Autogrammen übersätes Trikot des Postbank-Werbepartners Borussia Mönchengladbach. Jain lernt unverdrossen Deutsch, viel Zeit hat er nicht, aber für eine längere Ansprache zur Hauptversammlung am 22. Mai reicht es.

Kein Nachfolger in Sicht. Aufsichtsratschef Achleitner will an Jain festhalten, solange es geht – plant aber für den Notfall Quelle: Frank Bauer für WirtschaftsWoche

Keine Aufbruchsstimmung

Bei vielen Zielen, die Jain und Fitschen zu Beginn ihrer Amtszeit für 2015 anvisiert hatten, sind sie im Plan oder diesem voraus. Das Sparziel von jährlich 4,5 Milliarden Euro ist zur Hälfte erreicht. Die in eine Abbaubank ausgegliederten Vermögenswerte haben sich von 120 auf 50 Milliarden Euro reduziert. Die Vermögensverwaltung, die im gesamten Jahr 2012 nur 150 Millionen Euro vor Steuern verdiente, wirft mittlerweile in jedem Quartal mehr ab.

Trotz dieser Erfolge ist von Aufbruchsstimmung in der Bank nichts zu spüren, im Gegenteil. Das Befinden ist schlecht, „sauschlecht“ sogar, wie ein Insider sagt. Allenfalls stabilisiert sich die Lage allmählich. Die ständigen Skandale und Verfehlungen sorgen für eine gereizte Atmosphäre. Das Selbstverständnis ist angeknackst. Zu tief war der Absturz, zu schwer die Kränkung.

Lange wähnte sich die Bank stark und unverwundbar. Dafür hatte vor allem Jains Vorgänger Josef Ackermann gesorgt. Der hatte stets erklärt, dass in erster Linie er persönlich, in zweiter aber auch die Bank Gewinner der Krise seien. Als die Konkurrenz 2009 noch mit Aufräumarbeiten beschäftigt war, setzte er ein absurdes Zehn-Milliarden-Euro-Gewinnziel für 2011 in die Welt, als wäre nichts gewesen.

Was gegen einen Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain spricht

Vermisst wird Ackermann heute kaum noch, viele sind wütend, fühlen sich betrogen. Denn geblieben ist ein Berg von Altlasten, deren Beseitigung Milliarden kostet und immer mal wieder den Staatsanwalt auf den Plan ruft. Die Deutsche Bank, das dämmert jedem, war längst nicht so gut in Form wie behauptet. Das Verhältnis von Kosten zu Ertrag lag bei 90 Prozent, das von Eigenkapital zu Risikoaktiva hätte nach den heute geltenden Standards läppische sechs Prozent betragen.

Ackermanns letzte Amtsjahre gelten, abgesehen vom Kauf der Postbank, als verlorene Zeit, seine Ansprüche aber wirken fort. Demut passt nicht zur Bank, auch Jain will an der Weltspitze mitmischen. Statt einer Eigenkapitalrendite von 25 Prozent vor Steuern wollen er und Fitschen zwölf Prozent nach Steuern erreichen. Momentan sind sie davon meilenweit entfernt.

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