Deutsche Bank Fitschen-Anklage macht Banker nervös

Trotz der Anklage im Kirch-Verfahren sitzt Jürgen Fitschen bei der Deutschen Bank fest im Sattel. Doch unter der selbstbewussten Oberfläche des Instituts gärt es.

Jürgen Fitschen, Co-Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank. Quelle: dpa

In der schnelllebigen Welt der Investmentbanken ist Christian Thun-Hohenstein eine Institution. Seit 30 Jahren hat er unter anderem in Diensten von Merrill Lynch, der Deutschen Bank und der japanischen Nomura Konzepte für Übernahmen und Restrukturierungen von Unternehmen entworfen. Manchmal, so beim Kauf von Mannesmann durch Vodafone Ende 1999, wurden die Pläne wahr. Oft jedoch wanderten sie, wie das in der Branche üblich ist, als bloße Fallstudien in den „Erledigt“-Ordner der Festplatte.

Ein Szenario des aus österreichischem Adel stammenden Medienexperten hat jedoch ein langes, folgenschweres und dabei völlig ungeplantes Nachleben. In ihm skizzierte der Banker im Jahr 2002, wie sein damaliger Arbeitgeber Deutsche Bank den angeschlagenen Kirch-Medienkonzern möglichst profitabel zerlegen könnte.

Ein Rücktritt ist kein Thema

Die Bank erklärt die Überlegungen heute zu Planspielen mit geringem Realitätsbezug. Für die Münchner Staatsanwaltschaft sind sie ein wichtiges Beweisstück in ihrem beispiellosen Feldzug gegen das Frankfurter Institut. Der gipfelt nun in einer spektakulären Anklage. Mit Rolf Breuer, Josef Ackermann und Jürgen Fitschen wollen die Ermittler alle drei in diesem Jahrtausend amtierenden Vorstandsvorsitzenden vor Gericht. Hinzu kommen die früheren Vorstände Tessen von Heydebreck und Clemens Börsig. Die Anklageschrift soll nebst umfangreicher Anhänge 600 Seiten umfassen. Bei den Betroffenen war sie vergangene Woche noch nicht eingegangen.

Kirch gegen Deutsche Bank
Der Fall Leo KirchFebruar 2002Rolf Breuer, der Chef der Deutschen Bank, stellte vor 10 Jahren die Kreditwürdigkeit der Kirch-Gruppe infrage. In einem TV-Interview, dass am 4. Februar bei Bloomberg TV ausgestrahlt wurde, sagt er, nach allem, was man „darüber lesen und hören“ könne, sei der Finanzsektor nicht mehr bereit, „auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen“. Quelle: AP
Interview im Wortlaut Quelle: AP
Insolvenz Quelle: AP
Taurus-Holding Quelle: AP
BGH Quelle: dpa/dpaweb
Rücktritt Quelle: REUTERS
Abgewiesen! Quelle: dpa
April 2010Kirch scheitert mit einer Strafanzeige gegen Breuer. Das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt verwirft einen Antrag auf Klageerzwingung als unzulässig. Quelle: dpa
Februar 2011Das Landgericht München weist milliardenschwere Schadenersatzforderungen Leo Kirchs zurück. Es geht um Ansprüche der Printbeteiligungs GmbH, in der Kirch seinen Anteil am Springer-Konzern gebündelt hatte. Quelle: dpa
März 2011Am 25. März 2011, neun Jahre nach der Plaite des Kirch-Konzerns, treffen Breuer und Kirch erstmals vor Gericht aufeinander. Die Vernehmung des schwer kranken Kirch vor dem OLG München wird nach gut eineinhalb Stunden abgebrochen. Quelle: dapd
März 2011, das TreffenEs ist 9.52 Uhr, als Kirch in einem Rollstuhl in den Saal 411 des Münchner Oberlandesgerichts (OLG) gefahren wird. Der 84-Jährige lächelt, schaut fast vergnügt durch die gelbgetönten Gläser seiner Brille. Breuer grüßt er nicht, die beiden älteren Männer haben sich nichts mehr zu sagen. Der fast blinde Kirch hat Mühe zu sprechen, er ist heiser, kaum zu hören. Quelle: dapd
Juli 2011Am 14. Juli stirbt Kirch im Alter von 84 Jahren. "Unser geliebter Ehemann, Vater, Bruder, Dr. Leo Kirch, ist heute im Kreise seiner Familie friedlich verstorben. Wir sind sehr traurig!", teilte seine Familie am 14.07.11 mit. Jahrzehntelang war Kirch die graue Eminenz der deutschen Medienlandschaft. Er galt als unersättlich, gewieft und risikobereit - eine Kombination, die nicht nur seine Gegner fürchteten. Durch seine Öffentlichkeitsscheu - lange Zeit gab es nicht einmal Fotos von ihm - wurde dieser Mythos noch verstärkt. Einen seiner wenigen öffentlichen Auftritte hatte Kirch im Mai 2008 als Trauzeuge bei der zweiten Hochzeit von Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl, mit dem er persönlich befreundet war. Die guten Kontakte Kirchs zu einflussreichen Politikern und großzügige Kredite der Banken trugen in Kirchs besten Jahren zum Image des machtbesessenen Medienmoguls bei. Zum Portrait Quelle: AP
Springer Quelle: dapd
November 2011Die Deutsche Bank stellte einen Befangenheitsantrag gegen das Richter-Trio, über den noch nicht abschließend entschieden ist. Grund für den Befangenheitsantrag war, dass in den vergangenen Monaten die Kanzlei von Anwalt Peter Gauweiler - die die Kirch-Seite in den Zivilverfahren vertritt - Akteneinsicht bekam, ohne dass die Verteidigung davon informiert worden sei, sagte Verteidiger Sven Thomas. Dies habe er bereits schriftlich moniert, ohne Ergebnis. Zudem habe Richter Winkler in einer Stellungnahme zum Befangenheitsantrag geschrieben, ihm sei „das Schreiben nicht aufgefallen“. Auch deshalb zweifle er an der Eignung Winklers. Quelle: REUTERS
Prozess eingestellt Quelle: dapd
Dezember 2012Am 14. Dezember 2012 kommt es nach zehn Jahren das sensationelle Urteil des Oberlandesgerichts im Streit mit den Erben des Medienmanagers Leo Kirch: Die Deutsche Bank muss Schadenersatz für Verluste in Folge der Pleite des Kirch-Imperiums 2002 zahlen. Die Höhe der Wiedergutmachung sollen zwei Gutachter bestimmen, für deren Benennung beide Seiten bis Ende Januar 2013 Vorschläge unterbreiten können. Die Kirch-Seite hatte die Bank in diesem Verfahren auf mehr als zwei Milliarden Euro verklagt. Eine Revision gegen das Urteil ist nicht zugelassen. Die Deutsche Bank hält die Ansprüche der Kirch-Erben für haltlos und geht gegen das OLG-Urteil beim Bundesgerichtshof vor. Quelle: dpa
November 2013Die Staatsanwaltschaft München ermittelt jetzt auch gegen den Co-Chef der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen. Es gebe einen Anfangsverdacht des versuchten Betrugs. Ob gegen Fitschen Anklage erhoben werde, stehe noch nicht fest. Die Deutsche Bank bestätigte, dass Fitschen über die Ermittlungen in Kenntnis gesetzt worden sei. Es gehe um den Verdacht, dass während der Beweisaufnahme bewusst unwahre Angaben gemacht worden seien. „Die Bank ist davon überzeugt, dass sich der Verdacht als unbegründet erweisen wird.“ Quelle: REUTERS
20. Februar 2014Die Deutsche Bank zahlt den Kirch-Erben 775 Millionen Euro plus Zinsen. Mit diesem Vergleich zieht das Geldhaus einen Schlussstrich unter den seit fast zwölf Jahren andauernden Streit um eine Mitverantwortung der Bank für die Pleite des Kirch-Konzerns. Quelle: dpa

Vorerst rechnet sich die Bank gute Chancen aus, dass das Verfahren für Fitschen glimpflich endet. Intern wird seine Position kaum hinterfragt, ein Rücktritt ist derzeit kein Thema. Dennoch wäre ein weiterer Großprozess ein schwerer Schlag für das angekratzte Image des Instituts.

Dabei fallen die Vorwürfe gegen Fitschen tatsächlich eine Nummer kleiner aus als die gegen seine Ex-Kollegen. Während die beim Schadensersatzprozess in München gelogen haben sollen, wirft die Staatsanwaltschaft dem amtierenden Co-Chef der Bank vor, dass er falsche Aussagen nicht korrigiert hat. Die Strafverfolger hatten ihm bereits angeboten, die Sache gegen eine Zahlung von 500 000 Euro zu vergessen. Doch Fitschen sieht sich im Recht, „er will kämpfen“, heißt es in der Bank. Der Aufsichtsrat stehe dabei „geschlossen hinter ihm“, sagt ein Mitglied des Gremiums.

Unter der Oberfläche

Auch sein Amt als Präsident des Bankenverbandes steht nicht zur Debatte. Die Lobby-Organisation ist Kummer mit dem Führungspersonal gewohnt. Als Ex-Vorstand der BayernLB stand Geschäftsführer Michael Kemmer wegen der missglückten Übernahme der österreichischen Hypo Alpe Adria zuletzt in München vor Gericht.

Unter der selbstbewussten Oberfläche herrscht in der Deutschen Bank jedoch Nervosität. Eine Nachfolgedebatte soll unbedingt vermieden werden. Die Kirch-Affäre ist ohnehin schon denkbar dumm und teuer gelaufen, nun haben sich die Bankmanager einmal mehr verrechnet. Anfang des Jahres hatten sie nach fast zwölf Jahren Streit einen Vergleich mit den Kirch-Erben geschlossen und fast eine Milliarde an sie überwiesen. Die Banker hofften, damit auch die Strafverfolger um die Staatsanwältin Christiane Serini milde zu stimmen.

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