Deutsche Bank John Cryan muss behutsam aufräumen

Am Mittwoch tritt John Cryan seinen neuen Job an. Die Voraussetzungen sind für ihn ganz andere als für seine Vorgänger: Der Chef der Deutschen Bank soll für Ruhe sorgen und den größten Umbruch seit Jahrzehnten gestalten.

John Cryan, der neue Chef der Deutschen Bank. Quelle: REUTERS

Wenn John Cryan an diesem Mittwoch zunächst als Partner von Jürgen Fitschen an die Spitze der Deutschen Bank rückt, sind die Erwartungen an ihn ganz anders als bei seinen Vorgängern. Bei ihnen standen die Zeichen stets auf Angriff, die Deutsche Bank befand sich in einer Position der Stärke und zählte sich wie selbstverständlich zu den wichtigsten Instituten der Welt.

Selbst Anshu Jain und Jürgen Fitschen traten vor gut drei Jahren noch in dem Bewusstsein  an, Gewinner der Finanzkrise zu sein. Ihre Agenda war vor allem ein Wachstumsprogramm, sie wollten in Lücken vorstoßen, die der Rückzug schwacher Konkurrenten aufriss.

Stimmen zum Chefwechsel bei der Deutschen Bank

Heute dagegen stehen die Zeichen auf Rückzug. Die Bank ist im weltweiten Wettbewerb vor allem gegenüber den großen US-Instituten dramatisch zurückgefallen, anders als bei den meisten Konkurrenten stagniert der Börsenkurs seit Jahren, eine schier unendliche Kette von Prozessen und Ermittlungen hat die Beschäftigten zermürbt. Die neue Strategie des Geldhauses  ist vor allem eine Schrumpfkur, ein spätes Eingeständnis, dass es lange über seine Verhältnisse gelebt und die eigene Kraft überschätzt hat. Als sichtbarstes Resultat der Neuorientierung soll die ab 2008 übernommene Postbank wieder abgegeben werden.

Die Erwartungen an Cryan klingen denn auch vergleichsweise bescheiden, sind in Wahrheit aber äußerst anspruchsvoll:  Der Neue soll endlich für Ruhe sorgen, die zerstrittenen Lager einen, die Skandale der Vergangenheit in den Griff bekommen und dem orientierungslosen Unternehmen wieder zu einer Identität und einer klaren Perspektive verhelfen. Erneute strategische Kehrtwenden stehen nicht auf seinem Programm, es geht um Details, um die möglichst geschmeidige Umsetzung der im Großen und Ganzen bereits bekannten Pläne.

Ob der 54-jährige Brite, der gut Deutsch spricht, der richtige Mann dafür ist, lässt sich kaum beurteilen. Was ihn für den Job qualifiziert sind vor allem die Leistungen der Vergangenheit. Bei der UBS geraten ehemalige Mitarbeiter geradezu ins Schwärmen, wenn sie über ihren früheren Kollegen sprechen. Als Finanzvorstand hat er dort ab 2008 in einer existenzbedrohenden Krise mit ebenso entschlossenen wie sachlich fundierten Schnitten für Stabilität gesorgt. Auch Mitglieder des Aufsichtsrats beschreiben den Musikfan als extrem kompetent und dabei äußerst angenehm im Umgang.

Ob das reicht? Die Lage bei der Deutschen Bank ist diffizil, einfache Blaupausen funktionieren nicht. Cryan kann nicht dem Beispiel der UBS folgen, das Investmentbanking radikal einzudampfen und auf die Vermögensverwaltung zu setzen. Die UBS ist in diesem Geschäft weltweit die Nummer Eins, die Deutsche Bank ein Spieler aus der zweiten Liga. Für sie bleibt ein starkes, am Kunden ausgerichtetes Investmentbanking schon mangels Alternativen unverzichtbar.

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