Deutsche Bank John Cryan räumt auf

Die Deutsche Bank kündigt den höchsten Verlust ihrer Geschichte an. Der Druck auf ihren neuen Co-Chef John Cryan steigt. Zumindest die Aktionäre bleiben gelassen.

John Cryan, Chef der Deutschen Bank Quelle: REUTERS

Die Mitteilung zum voraussichtlichen Quartalsergebnis, die die Deutsche Bank am Mittwochabend verschickte, ist ein trauriger Rekord. Mehr als sechs Milliarden Euro innerhalb von drei Monaten  hatte das Institut nicht mal auf dem Höhepunkt der Finanzkrise Ende 2008 verloren. Damals waren gerade die Investmentbank Lehman Brothers Pleite  und mit ihr fast das weltweite Finanzsystem untergegangen. Ein auch nur annähernd vergleichbares externes Ereignis hat es nun nicht gegeben. Die Deutsche Bank hat mit John Cryan lediglich einen neuen Chef bekommen.

Der dürfte nun jedoch für eine ähnliche Zeitenwende bei der Bank sorgen wie der externe Schock im September 2008. Cryan hat Ehrlichkeit versprochen und die nun auch geliefert. Anders als unter seinen Vorgängern soll die Lage nicht mehr schön geredet werden. Die neue Offenheit zeigt in aller Härte, dass es um die Bank noch schlechter steht als viele angenommen haben. Das trifft auch Aktionäre und Mitarbeiter, die mit dem Ausfall der Dividende und niedrigeren Boni rechnen müssen. Immerhin braucht die Bank wohl keine neue Kapitalerhöhung, ihre Kapitalquote von derzeit elf Prozent kann sie einigermaßen stabil halten.

Stimmen zum Chefwechsel bei der Deutschen Bank

Die Dimensionen des Verlusts sind nicht damit zu erklären, dass der neue Chef hier und da etwas abschreibt, um die Vorgänger schlecht aussehen zu lassen und selbst später umso mehr glänzen zu können. Auch Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten spielen mit 1,2 Milliarden Euro nur eine untergeordnete Rolle. Bei dieser radikalen Aufräumaktion geht es um mehr. Um fast sechs Milliarden Euro hat die Bank Geschäfts- und Firmenwerte nach unten korrigiert. Der größte Korrekturbedarf dürfte für die Beteiligung an der Postbank angefallen sein. Die hatte die Deutsche Bank bis zuletzt mit mehr als sechs Milliarden Euro bewertet, Insider halten jedoch einen Wert von drei bis vier Milliarden Euro für realistisch. 

Cryan hat nun ein realistisches Bild der Deutschen Bank gezeichnet. Und er hat vor der lang erwarteten Verkündung der Details zur neuen Strategie der Bank kräftig Luft geholt. Einige schon erwartete Einzelheiten wie die Trennung vom Anteil an der chinesischen Hua Xia Bank hat er nun erstmals offiziell bestätigt.  Alle Details wird er am 29. Oktober bekanntgeben. Der Druck ist groß. Dann muss der große Wurf folgen.

Für Aktionäre der Deutschen Bank ist vor allem die in Aussicht gestellte Kürzung oder gar komplette Streichung der Dividende bitter. Zuletzt war eine Dividende von 76 Cent je Aktie erwartet worden. Fiele die Ausschüttung im Frühjahr 2016 komplett aus, wäre es das erste Mal seit den Fünfzigerjahren.

Insgesamt tragen die Anleger Rekordverlust und Dividendenschock jedoch mit Fassung. Hatte es am Morgen vor Börseneröffnung noch nach einem herben Kursverlust ausgesehen – vorbörslich lag das Papier bis zu acht Prozent im Minus – haben Käufer der Aktie in den ersten Handelsstunden doch noch die Wende und sogar ein kräftiges Plus beschert.

Offenbar honorieren die Anleger, das Cryan gründlich aufräumt, Altlasten in Angriff nimmt und damit die Basis für künftige Erfolge legt. Die Analysten von Citigroup, Nomura und Credit Suisse bestätigten bereits ihre Kaufempfehlungen für Papiere der Deutschen Bank. Leidglich Goldman Sachs bleibt skeptisch, ob die Aufräumarbeiten damit schon abgeschlossen seien.

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Entsprechend kletterte der Kurs der Deutschen Bank am Vormittag um bis zu drei Prozent auf 26,28 Euro, gegen Mittag lag sie 1,4 Prozent im Plus. Mit den Einsparungen sinke die Gefahr, dass die Bank die Aktionäre ein weiteres Mal um Kapital bitten müsse, sagten Analysten und Investoren. "Cryan macht mit dem Schritt deutlich, dass er keine Kapitalerhöhung braucht", sagte einer der zehn größten Investoren nach Meldungen der Nachrichtenagentur Reuters. "Das ist die entscheidende Botschaft." Ein anderer Top-20-Investor argumentierte: "Nun gibt es klare Anzeichen, dass man sich an die schwierigen Entscheidungen heranwagt." Die Analysten von Citi rechnen aber damit, dass die Bank trotzdem nicht an einer Kapitalerhöhung vorbeikommt, allerdings erst 2016.

Nachdem es anfangs so aussah, als würden die Verluste der Deutschen Bank den Börsenindex Dax belasten, atmeten Börsenbeobachter wenig später auf: Der Dax stieg zeitweise über 10.000 Punkte, pendelte anschließend auf Vortagsniveau und kann damit seinen Wochengewinn von rund fünf Prozent verteidigen.

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