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Deutsche Bank Kann John Cryan Deutsche Bank?

Obwohl Aufsichtsratschef Paul Achleitner auf der Hauptversammlung im Zentrum der Aktionärskritik steht, bleibt Vorstandschef John Cryan den leidgeprüften Aktionären eine zukunftsweisende Vision schuldig.

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John Cryan, der bisherige Co-Vorstandsvorsitzender und zukünftiger Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, spricht am 19.05.2016 auf der Hauptversammlung in Frankfurt am Main. Quelle: dpa

„Lieber John, die Bank ist bei Dir in guten Händen“. Nahezu liebevoll übergab der scheidende Co-Vorsitzende Jürgen Fitschen den Staffelstab der Deutschen Bank an John Cryan. Nach der Hauptversammlung am Donnerstag wird der Brite die größte deutsche Bank alleine führen – es ist eine Herkulesaufgabe im wahrsten Sinne des Wortes, die Cryan bewältigen muss.

Eigentlich könnte der Banker der richtige Mann zur richtigen Zeit sein. Er gilt als knallharter, analytischer Sanierer, der mit seinen schillernden Vorgängern wie Anshu Jain oder Josef Ackermann wenig gemein hat. Wäre die Deutsche Bank ein solider Mittelständler, würde das Sanierer-Modell Cryan sicherlich aufgehen. Der deutsche Branchenprimus der Bankenwelt sieht sich aber gerne als internationales Aushängeschild der deutschen Finanzwelt.

Diese Position ist allerdings akut gefährdet, und auch John Cryan war auf der Hauptversammlung nicht in der Lage, die Aktionäre vom Gegenteil zu überzeugen. „Herr Cryan, sie mögen ein Sanierer sein, aber sind sie auch ein Visionär?“, fragte ein Aktionärsvertreter. Cryan muss die Bank nicht nur von ihren Altlasten befreien, sondern auch aufzeigen, wo das Institut in Zukunft Erträge erzielen will. Sonst riskiert der Brite, die Deutsche Bank endgültig ins Mittelmaß abrutschen zu lassen.

Früher war mehr Lametta. Das gilt nicht nur für die Vorstände der Deutschen Bank, auch das „Rahmenprogramm“ der Hauptversammlung fiel schon mal üppiger aus. Lediglich ein paar Protestplakate flatterten am Donnerstag vor der Frankfurter Festhalle im Wind, einzelne Trommler und Aktivisten hofften vergeblich auf Aufmerksamkeit der Aktionäre.

Die, so scherzte Anlegervertreter Klaus Nieding von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), würden für ihre Eintrittskarte im Wert von unter 15 Euro „richtig was geboten“ bekommen. Damit legt Nieding den Finger in die Wunde, denn der Aktienkurs ist Spiegelbild des Abstiegs der größten deutschen Bank. Die alte Führung habe Milliardenwerte vernichtet, klagt ein Aktionärsvertreter. Die Bank segele beim Thema Marktkapitalisierung weit unter dem Dax durch. Von einer Dividende kann nicht die Rede sein, das vergangene Geschäftsjahr hat einen Rekordverlust geliefert und im ersten Quartal 2016 lagen die Erträge um satte 22 Prozent unter dem entsprechenden Vorjahreswert.

Die Problemfälle der Deutschen Bank
Mai 2016Der italienische Staatsanwalt Michele Ruggiero ermittelt wegen Marktmanipulation gegen die Deutsche Bank und fünf aktuelle und ehemalige Top-Manager. Es geht um den Verkauf von italienischen Staatsanleihen im Wert von sieben Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2011. Die Deutsche Bank soll öffentlich versichert haben, dass die italienischen Staatsschulden stabil seien, gleichzeitig aber den Märkten und dem Finanzministerium in Rom verschwiegen haben, dass sie ihre eigenen Bestände drastisch abbauen werde. Quelle: REUTERS
Mai 2016Die Deutsche Bank legt ein Verfahren in den USA außergerichtlich bei. Sie zahlt 50 Millionen Dollar wegen des Vorwurfs der Manipulation des Marktindexes Isdafix. Mehrere Pensionsfonds und Kommunen hatten insgesamt 14 Banken vorgeworfen, den Wettbewerb auf dem Markt für sogenannte Zinsswaps behindert zu haben. Quelle: REUTERS
Mai 2016Die britische Finanzaufsicht FCA wirft der Deutschen Bank grobe Versäumnisse bei ihren Kontrollsystemen vor. Die Aufsicht kritisiert die Vorkehrungen des Instituts gegen Geldwäsche, Terrorismusfinanzierung und Sanktionsverstöße. Diese wiesen "systematische Mängel" auf. Führungskräfte seien nicht ausreichend im Kampf gegen Finanzkriminalität engagiert. Quelle: REUTERS
28. April 2016Dieser Ärger ist hausgemacht: Georg Thoma, Leiter des Integritätsausschusses im Aufsichtsrat der Deutschen Bank, legt sein Amt nach massivem Druck seiner Kollegen nieder. Da Thoma vor allem die Aufklärung von Skandalen vorantreiben sollte, verunsichert sein Rückzug die Investoren.    Quelle: dpa
25. April 2016Ausnahmsweise mal ein juristischer Erfolg für die Bank. Das Münchner Landgericht spricht Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen und vier Ex-Spitzenbanker vom Vorwurf des versuchten Prozessbetrugs frei. Die Staatsanwaltschaft hatte den Angeklagten vorgeworfen, im Zivilprozess um die Pleite des Medienunternehmers Leo Kirch gelogen zu haben. Quelle: dpa
22. April 2016Aktionärin Marita Lampatz verlangt eine umfangreiche Sonderprüfung bei der Deutschen Bank. Neben vergangenen Jahresabschlüssen soll ein externer Experte auch Schadenersatzansprüche gegen Aufsichtsratschef Paul Achleitner und andere Topmanager wegen des Libor-Zinsskandals prüfen. Über den Antrag entscheidet die Hauptversammlung am 19. Mai. Quelle: dpa
April 2016Die Veröffentlichung der „Panama Papers“ zeigt, dass rund 30 deutsche Banken in den vergangenen Jahren die Dienste der Kanzlei Mossack Fonseca genutzt und mit ihrer Hilfe Briefkastenfirmen aufgesetzt haben. Auch die Deutsche Bank ist dabei. Quelle: REUTERS

Bis 2018, so Cryan, strebe die Bank eine Kosten-Ertragsquote von etwa 70 Prozent an. Das ist gerade mal Durchschnitt in der deutschen Bankenlandschaft. Aktuell muss die Bank sogar 80 Cent ausgeben, um einen Euro einzunehmen. Umso wichtiger wäre es, dass John Cryan aufzeigt, in welchem Geschäftsfeld die Deutsche Bank in Zukunft ihre Erträge einfahren will. Aber Zukunftsfantasien wollen auch in seiner Amtszeit bisher nicht aufkommen. Stattdessen ist der Aktienkurs um rund fünf weitere Euro gesunken, ein Turn-Around ist nicht in Sicht.

Cryan wird von Altlasten ausgebremst

Im ersten Quartal belastete vor allem der schwache Handel das Geschäft der Bank, bisher ist aber offen, welches Geschäftsfeld die Erträge aus dem schwankenden Geschäft ausgleichen sollen. Zumal die Altlasten weiterhin wie Blei in den Bilanzen liegen. Ohne Rechtskosten wäre auch das Segment Global Markets ein Ertragstreiber gewesen.

Cryan mag ein guter Sanierer sein, aber solange er von den Altlasten ausgebremst wird, dürfte er nicht zum erkennbaren Visionär werden. Dass die Aufklärung der Vergangenheit noch lange dauern wird, zeigt sich nun erneut. Wie am Donnerstag bekannt wurde, wird der Deutschen Bank in den USA zusammen mit anderen Banken vorgeworfen, an Preismanipulationen im Anleihenmarkt beteiligt zu sein. John Cryan glaubt zwar, die Bank sei auf einem guten Weg, erwartet aber weitere Kosten für Rechtsstreitigkeiten bis Ende dieses Jahres.

"Im Notfall spannt die Regierung ein Sicherheitsnetz"
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) Quelle: dpa
Martin Wansleben Quelle: dpa
Regierungspolitiker Quelle: REUTERS
John Mack, ehemaliger CEO von Morgan Stanley Quelle: REUTERS
Fondsmanager Marc Hellingrath, Union Investment Quelle: imago images
Christian Gattiker, Chefstratege und Leiter Research bei Julius Bär Quelle: REUTERS

Zu Recht fordern Aktionäre unabhängige Sonderprüfungen gegen Vorstände und Aufsichtsräte, insbesondere gegen Chefkontrolleur Paul Achleitner, dem vorgeworfen wird, zu lange an ehemaligen Vorständen festgehalten zu haben. „Es gilt, den Dingen auf den Grund zu gehen“, erklärte der Anwalt von Aktionärin Lampertz, welche die Sonderprüfung gefordert hatte.

Noch kann sich Cryan hinter seinem Chefkontrolleur Achleitner verstecken. Dieser stand auf der diesjährigen Hauptversammlung klar im Zentrum der Kritik der Aktionäre, viele wollen Achleitner nicht entlasten. Nicht nur der Umgang mit den ehemaligen Vorständen, auch der Weggang des kritischen Wirtschaftsanwalts Georg Thoma aus dem Aufsichtsrat kratzt an Achleitner, der Thoma in den Kreis der Aufseher geholt hatte.    

Wo die Deutsche Bank überall Ärger hat

Das Problem für Cryan: derartige Querelen nehmen beim deutschen Branchenprimus einen viel zu großen Raum ein und belasten das Image, wie Aufsichtsratschef Achleitner am Anfang der Hauptversammlung zu Recht feststellte. Cryan kann also sanieren, das marode IT-System der Bank auf einen neueren Stand bringen und Baustellen beheben – das Image der Bank wird er damit aber nicht retten.

Und die Fantasie der Anleger entfacht er mit Erläuterungen zu Einsparungen und dem anstehenden Stellenabbau auch nicht gerade. Cryan muss nun nicht nur die Altlasten beseitigen, sondern auch noch mit einem deutlich angezählten Chefkontrolleur leben. Gleichzeitig darf er die Zukunftsperspektiven der Bank nicht vernachlässigen. Angesichts dieses Spagats gilt: Es gibt wahrlich leichtere Jobs als den des Deutsche Bank-Chefs.

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