Deutsche Bank: Scheitern als Chance
John Cryan, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank
Foto: dpaAuf den ersten Blick kommt die Mitteilung, die die Deutsche Bank am späten Freitagabend in die Welt hinausschickte, einer umfassenden Kapitulation gleich. Auch wenn noch keine endgültigen Entscheidungen getroffen sein sollen, räumt Bankchef John Cryan erstmals offiziell ein, dass er einige zentrale Punkte seiner Agenda vermutlich nicht wird halten können.
So hatte der Brite immer wieder gesagt, dass eine Kapitalerhöhung vermutlich nicht erforderlich sei und er sie wenn irgend möglich vermeiden wolle. Nun erklärt die Bank, dass sie daran arbeitet, bis zu acht Milliarden Euro bei ihren Aktionären einzusammeln.
Auch an der – von ihm als Aufsichtsrat mit beschlossenen – Trennung von der Postbank hielt Cryan lange fest. Nun heißt es auch offiziell, dass die Bank die Re-Integration des Bonner Instituts prüft. Intern gilt dieser Schritt schon seit fast einem Jahr als wahrscheinliches Szenario. Und auch ein möglicher (Teil)Börsengang des Asset-Managements ist nun amtlich. Auch dem hatte Cryan lange eine Absage erteilt.
In den Jahren bis 2007 lief es rund bei Deutschlands größter Bank: Das Geldhaus verdiente Milliarden und Vorstandschef Josef Ackermann erwuchs zum staatsmännischen Vorstandschef, der es schaffte, dass die Kanzlerin zu seinem 60. Geburtstag ins Kanzleramt lud.
Das Bild zeigt Ackermann und Kanzlerin Angela Merkel im Jahr 2006 in Berlin.
Foto: APRückblick
Die Deutsche Bank hatte es nach der Übernahme der US-Großbank Bankers Trust zur Jahrtausendwende in den Olymp der großen Investmentbanken der Welt geschafft. Das lästige deutsche Privatkundengeschäft sollte zwischenzeitlich als „Deutsche Bank 24“ vom Rest gelöst werden – man spielte in einer anderen Liga. Der Plan wurde zwar kassiert und zurück blieb die „24“ am Ende der Deutsche-Bank-Bankleitzahlen. Doch der globale Anspruch des Instituts blieb bestehen.
Das Bild zeigt den damaligen Bankchef Rolf-E. Breuer nach der Verkündung der Bankers-Trust-Übernahme im Jahr 1998.
Foto: dpa Picture-AllianceDie Finanzkrise
Als ab 2006 der US-Immobilienmarkt kollabierte und in der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 und einer globalen Finanzkrise gipfelte, gelang es der Deutschen Bank zwar ohne Staatshilfe durch zu kommen. Eine Fußnote der Geschichte war aber: Milliardenforderungen gegenüber dem US-Versicherer AIG waren der Bank nur dank US-Staatshilfen zugeflossen. Und Missetaten aus der Zeit vor der Finanzkrise verfolgen die Bank noch heute.
Bild: Lehman-Brothers-Mitarbeiter nach der Kündigung 2008 in London.
Foto: REUTERSDie Folgen der Immobilienkrise
Die USA werfen der Deutschen Bank vor, das Risiko von Immobilienwertpapiere in den Jahren vor der Finanzkrise verschleiert und gutgläubigen Investoren angedient zu haben. Ein Verfahren läuft seit Jahren und ist ein Grund dafür, dass die Aktie am Montag ein neues Allzeittief erreichte. Denn in den Vergleichsverhandlungen fordert das US-Justizministerium umgerechnet wohl 12,5 Milliarden Euro von der Bank (bei einem Börsenwert von 16 Milliarden Euro) – und das nach einem Milliardenverlust 2015 und gebildeten Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten von 5,5 Milliarden Euro. Die Bank selbst hofft, mit eher zwei Milliarden Euro im Immobilienstreit auszukommen.
Foto: dpaSchwaches Kerngeschäft
Nach der Finanzkrise gab es zwei wesentliche Entwicklungen unter globalen Großbanken. Die in den USA beheimateten Institute (Bild: New Yorks Finanzdistrikt) – mit zwangsweiser Staatshilfe versorgt – konnten die Krise beschleunigt hinter sich lassen. Sie wuchsen gar zu neuer Größe. Die andere Gruppe stutzte das Investmentbanking, dass weniger lukrativ wurde und mit weniger Mitarbeitern zu leisten war – und fokussierte sich auf die hauseigene Vermögensverwaltung. Die Deutsche Bank suchte den Mittelweg aus eigener Kraft: keine Staatshilfe, kein großer Strategieschwenk. Die Folge: Dutzende Strafzahlungen etwa wegen Zinsmanipulationen schlugen ins Kontor, während gleichzeitig das Kerngeschäft litt.
Foto: dpaRiskante Finanzierung
Sowohl der Internationale Währungsfonds als auch die US-Einlagensicherung halten die Bank für das riskanteste Institut der Welt. Im Verhältnis zum Eigenkapital ist die Deutsche Bank hochverschuldet. Die sogenannte „Leverage Ratio“ ist die niedrigste unter den globalen Großbanken. Zwar hat die Bank in den vergangenen Jahren Kapitalerhöhungen durchgezogen. Doch an dieser weltweit beachteten Kennziffer hat sich wenig geändert.
Foto: dpaWenig Reserven
Die Deutsche Bank rühmt sich zwar eines hohen Polsters an Liquidität, also stets zu veräußernder Wertpapiere in ihren Büchern. Das soll zeigen: Wir haben Reserven, auf die wir zugreifen können. Doch die drohenden Justizstrafen lassen Analysten vermuten, dass eine Kapitalerhöhung nötig werden könnte. Das würde den Aktienkurs noch weiter schwächen – in vorauseilendem Gehorsam fällt der Kurs.
Foto: dpaVerzweifelter Umgang mit der Postbank
Mit dem Ausbruch der Finanzkrise kaufte die Deutsche Bank die Postbank mit allein mehr als fünf Millionen Girokonto-Kunden in Deutschland. Zunächst galt der Deal als raffinierter Schachzug des damaligen Chef Ackermanns, das Institut unabhängiger vom Kapitalmarkt zu machen – dank der Einlagen von Sparer auf Sparbüchern und Konten. Doch das Geschäft bindet auch viel Eigenkapital etwa bei den Immobilienfinanzierungen. Und so sollte die Postbank verkauft werden. Doch der Konkurrenzdruck ist hart und wohl kein akzeptabler Preis zu erzielen. Es drohen Abschreibungen.
Foto: REUTERSGroßaktionär Katar
Großaktionär der Deutschen Bank ist die katarische Herrscherfamilie über zwei Investmentvehikel – knapp unter zehn Prozent inklusive Optionen. Die Aktie hat allerdings extrem gelitten und wie eng die Bande zwischen Arabien und Frankfurt sind, ist unbekannt. Die Kataris senden zwar einen deutschen Anwalt als Vertreter in den Aufsichtsrat. Dennoch ist unklar, wie langfristig das Investment sein wird.
Bild: Aufsichtsratschef Paul Achleitner.
Foto: dpaSchwäche im Kerngeschäft
Vorstandschef John Cryan (Bild) will das Investmentbanking schrumpfen und auf lukrative Bereiche beschränken. Dieser Übergangsprozess läuft just in dem Moment, da die Verhandlungen mit der US-Justiz eskalieren und die Postbank zum Bilanz-Sorgenkind mutiert. Die Aussage eines Sprechers, dass das dritte Quartal 2016 gut gelaufen sei, lässt noch nicht wirklich den Schluss zu, dass dieser Strategieschwenk bald Früchte trägt. In wichtigen Rankings der globalen Investmentbanken rutschen die Deutschen ab.
Foto: dpaDebatte um Staatshilfen
In der Finanzkrise hatte die Deutsche Bank in Berlin für Staatshilfen in der Branche geworben, selbst aber dann keine in Anspruch nehmen wollen. Das säte Zwietracht zwischen Regierung und Geldhaus. Die prekäre Entwicklung des Aktienkurses lässt jetzt die Debatte aufkochen, ob Deutschland im Zweifelsfall bereit wäre, die Bank zu stützen. „Die Deutsche Bank ist fest entschlossen, ihre Herausforderungen alleine zu lösen", sagt ein Banksprecher. Und Investoren sind gewiss, dass im Fall der Fälle der Staat bereitstünde – schließlich trägt die Bank das „Deutsche“ im Namen. Doch es gibt eben auch die europäischen Regeln, wie Gläubiger an Rettungen beteiligt werden müssen. Das schürt Unsicherheit.
Foto: REUTERSOffene Opposition
Mehrere Hedgefonds sind Wetten auf einen Fall des Aktienkurses der Deutschen Bank eingegangen. Der britische Fonds Marshall Wace setzt beispielsweise mit einer Position von 0,88 Prozent der ausstehende Papiere (etwa 12 Millionen Aktien) auf fallende Kurse (Stand: 23. September) – immerhin hat zumindest Investorenlegende George Soros (Bild) seine Wette auf den Sturz der Bank inzwischen unter die meldepflichtige Marke von 0,5 Prozent gesenkt.
Foto: REUTERSSollte sich zudem bewahrheiten, dass die Bank das gerade erst in zwei Hälften getrennte Investmentbanking wieder zusammenlegt, wäre das Bild einer nahezu kompletten Kehrtwende vollständig. Für Cryan durchaus unangenehm: Schließlich hatte er die von seinen Vorgängern geerbte Strategie zu Beginn seiner Amtszeit gelobt und erklärt, dass es der Bank in der Vergangenheit weniger an Strategien als an deren Umsetzung gefehlt habe.
Das heißt aber nicht, dass die nun diskutierten Schritte falsch wären. Im Gegenteil: Im Grunde wird nun nur offiziell, was Beobachter ohnehin schon lange erwartet haben: Dass der Anfang 2015 beschlossene Weg nicht gangbar sein würde, war für die meisten ohnehin klar.
Für die Bank können die nun angedachten Maßnahmen durchaus sinnvoll sein: Eine Kapitalerhöhung galt schon lange als unausweichlich, nachdem die Bank die wichtigsten Rechtsfälle beigelegt hatte, wird sie die Unsicherheit weiter reduzieren.
Ein Szenario wie im vergangenen Herbst, als es ernste Bedenken um die Stabilität des Instituts gab, wäre damit bis auf Weiteres ausgeschlossen. Das ist auch im Sinne der Aktionäre. Dass das Anzapfen der Märkte funktioniert, dürfte außer Frage stehen. Schließlich hat das kürzlich erst bei der italienischen Unicredit geklappt.
Auch die Kehrtwende bei der Postbank dürfte sich langfristig auszahlen. Zwar hat das Hin und Her wohl bereits einen hohen dreistelligen Millionenbetrag gekostet, eine abermalige Kehrtwende würde die Milliardengrenze sprengen. Die Bank würde so aber Abschreibungen bei einem Börsengang vermeiden und mit der dann wohl unausweichlichen Komplett-Integration zudem dauerhaft ihre Finanzierungskosten senken. Denn dann dürfte sie anders als bisher auf die Einlagen der Postbank-Kunden zugreifen.
Noch sinnvoller wäre der Verbleib der Bonner Bank, wenn die Deutsche Bank perspektivisch mit der Commerzbank zusammen gehen sollte. Dann würde ein wirklich großer Spieler auf dem deutschen Privatkundenmarkt entstehen.
Auf jeden Fall käme Cryan mit diesen Schritten bei der schwierigen Sanierung der Bank entscheidend voran. Die ist von Anfang an seine Mission gewesen. Dass sie in absehbarer Zeit beendet sein könnte, zeigen zwei Personalien: Offenbar sollen die beiden Vorstände Marcus Schenck und Christian Sewing offiziell zu Cryans Stellvertretern aufrücken.
Inoffiziell gelten sie schon lange als mögliche Nachfolger eines Chefs, der trotz des offenkundigen Scheiterns letztlich ziemlich erfolgreich sein könnte.