EZB-Zinsentscheid Die Lunte zum Kauf von Staatsanleihen ist gelegt

EZB-Präsident Mario Draghi dreht nicht weiter an der Zinsschraube, trotz anhaltend niedriger Inflation. Doch der Zentralbank-Chef denkt über schweres Geschütz nach.

Die alten Herren der EZB
Mario Draghi (Italien)Im September feierte der EZB-Präsident seinen 66. Geburtstag. Damit ist er der Zweitälteste im Direktorium - und auch älter als das Durchschnittsalter, das bei etwa 59 Jahren liegt. Laut US-Journalist Neil Irwin ist das kein Nachteil. Schließlich erfordere der Job viel Erfahrung und Wissen. Quelle: dpa Picture-Alliance
Jens Weidmann (Deutschland)Er ist mit 45 Jahren der Zweitjüngste im Rat und scheint auf diesem Bild vor Energie nur so zu sprühen. In seiner Antrittsrede sprach er sich für eine klare Trennung von Geld- und Fiskalpolitik aus. Im September 2011 distanzierte er sich von der Krisenpolitik der EZB. Er hielt die eingegangenen Risiken für zu hoch. Waidmann ist übrigens gegen eine Frauenquote: „ Ich möchte mehr Frauen in Führungspositionen haben und das möglichst schnell“, sagte Weidmann. „Eine Quote zu setzen, die ich am Ende nicht erreichen kann und Erwartungen zu schüren, die ich nicht erfüllen kann, ist nicht mein Ansatz.” Quelle: REUTERS
Vítor Constâncio (r.) (Portugal)Der Vizepräsident der EZB wird im Oktober stolze 70. Damit ist er der älteste im Rat. Auch wenn das Foto in einem anderen Zusammenhang gemacht wurde, es sieht fast so aus, als könne er das selbst nicht glauben. Quelle: dpa Picture-Alliance
Jörg Asmussen (Deutschland)Er gehört zu den Küken des EZB-Direktoriums. Im Oktober knackt er die 47. Aber damit liegt er immer noch über zehn Jahre unter dem Durchschnitt. Quelle: dpa Picture-Alliance
Benoît Cœuré (Frankreich)Der Franzose ist mit seinen 44 Jahren der Zweitjüngste im Rat. Er hat sich gemeinsam mit Jörg Asmussen zum Ziel gesetzt, die EZB transparenter zu machen, so erzählten sie dem Focus-online. Quelle: REUTERS
Peter Praet (Belgien)Der belgische Chefvolkswirt des Direktoriums ist 64 Jahre alt. Lange ist er bei der Vergabe von Top-Ämtern in der europäischen Geldpolitik leer ausgegangen. 2011 nutzte er seine Chance und wurde Direktoriumsmitglied der EZB. Er gilt als idealer Kompromisskandidat zwischen Deutschland und Frankreich. Quelle: dpa Picture-Alliance
Yves Mersch (Luxemburg)Der fast 64-jährige Direktor wurde anfangs gar nicht aufgenommen. Sein Platz wurde sechs Monate für eine Frau freigehalten. Dann gab der Europäische Rat nach. Quelle: dpa Picture-Alliance

Die Psychologie spielt in der Wirtschaft eine große Rolle: Ist die Stimmung bei den Konsumenten positiv? Glauben Sie an eine stabile Konjunktur? Wenn ja, dann hoffen die Unternehmen mehr Produkte verkaufen zu können. Sind die Unternehmen zuversichtlich, steigt auch das Vertrauen der Konsumenten. So schließt sich der Kreis. Die Frage, wie stabil die wirtschaftliche Erholung tatsächlich ist, die spielt dann gar nicht mehr die entscheidende Rolle.  

Geldpolitik hat dagegen wenig mit Psychologie zu tun, da liegen die Dinge ernster: Geldpolitik ist Psychoanalyse. Der Patient, „die Wirtschaft“, liegt auf der Couch, und der Psychiater, die EZB, versucht den Patienten zu helfen, in dem er nicht mehr tut, als zuzuhören und hier und da mal ein paar Worte fallen zu lassen, die aufmuntern sollen. Tatsächlich die Probleme des Patienten lösen, das kann der Psychiater aber nicht. Der Patient muss sich letztlich selbst aus dem Loch helfen.  

Auf die Geldpolitik übertragen sieht das dann so aus: Patient Wirtschaft kämpft mit ernsthaften Problemen. Wie ernst sie sind, wer will das so genau wissen? Wer will denn gleich von Deflation sprechen? Sehr niedrige Teuerungsrate, das hört sich schon gleich besser an. Die ist gefährlich, schon klar, das sieht auch Zentralbank-Chef Draghi so. Je länger die Phase niedriger Preissteigerung anhalte, umso größer sei die Gefahr, dass Unternehmen und Verbraucher in Erwartung noch weiter sinkender Preise Anschaffungen aufschöben.

Und welchen Schluss zieht die EZB daraus? Der EZB-Rat sehe trotz der extrem niedrigen Teuerungsrate im Euroraum von 0,5 Prozent im März derzeit nicht die Gefahr einer Deflation. „Das heißt aber nicht, dass sich der EZB-Rat darüber keine Gedanken machen muss.“

Die Gedanken sind frei, mag man darauf erwidern. Doch was tut denn jetzt die Geldpolitik? Tatsächlich erst einmal gar nichts. EZB-Präsident Draghi belässt den Leitzins bei 0,25 Prozent, trotz der Gefahr fallender Preise auf breiter Front, der die Konjunktur abwürgen könnte. Dazu bekräftigt er das Zinsversprechen der EZB: Der wichtige Zins für Zentralbankgeld im Euroraum werde noch für einen längeren Zeitraum auf diesem Niveau bleiben oder könnte sogar nochmals gesenkt werden.

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