Finanzkonzern Deutsche Börse Der Milliardenzukauf rettet den Börsen-Boss

Hauptsitz der Deutschen Börse in Eschborn bei Frankfurt: CEO Weimer, der als überaus ambitioniert gilt, ist sicherlich nicht glücklich damit, dass die Aktien anderer Börsenbetreiber deutlich stärker hinzugewonnen haben. Quelle: dpa

Die Jahreszahlen der Deutschen Börse sind besser ausgefallen als erwartet. Bloß: Wie nachhaltig ist der Erfolg von Konzernchef Theodor Weimer?

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Theodor Weimer schloss seinen Vortrag mit einem Bonmot: Der Hafen, so laute eine Weisheit, sei für ein Schiff der sicherste Ort. Aber ob er auch der beste sei? Schließlich ist ein Schiff doch dafür gemacht, um über Meere, Seen und Flüsse zu gleiten. Weimer übertrug die Weisheit sodann auf die Deutsche Börse, als deren Chef er amtiert: „Wir sind auch nicht dafür gemacht, uns zurückzuziehen.“ Man darf hinzufügen: Er kann es sich auch gar nicht erlauben. 

Theodor Weimer, den Beobachter zuletzt sogar als Aufsichtsratschef der Deutschen Bank handelten, leitet mit der Börse einen der wenigen deutschen Finanzkonzerne, die noch nicht als Problemfälle gelten. Im Gegenteil: Die Börse, die den hiesigen Leitindex Dax berechnet und zugleich dessen Mitglied ist, wächst seit Jahren. Und Weimer hat ihr ambitionierte Ziele verordnet, die ein Umsatz- und Ergebnisplus von zehn Prozent vorsehen – pro Jahr. Ist das nicht ein bisschen viel Vertrauen ins eigene Können? 

Am Donnerstag, als die Börse ihre Zahlen für das abgelaufene Jahr vorstellt, zeigt sich: Der Konzern hat sich nicht überschätzt. Bloß: Wie nachhaltig ist Weimers Erfolg – und reicht das, um die enteilte Konkurrenz einzuholen?

2021 ist es Weimer gelungen, einen Umsatz von mehr als 3,5 Milliarden Euro und einen operativen Gewinn von mehr als zwei Milliarden Euro zu erzielen. Das entspricht gegenüber dem Vorjahr einem Zuwachs von neun Prozent. Das darf als Zielerreichung und als Erfolg gelten: Die Analysten hatten der Börse zuletzt nur mehr als acht Prozent zugetraut. Weimer konnte ihre Erwartungen unter anderem deshalb übertreffen, weil die zum Konzern gehörende Energiebörse EEX besonders gut abgeschnitten hat. Sie hat von gestiegenen Gaspreisen profitiert.

Trotz der guten Zahlen stellt sich mit verschärfter Dringlichkeit die Frage, ob sich die 2021er-Ergebnisse in den kommenden beiden Jahren wiederholen lassen. So lange läuft nämlich noch die „Compass 2023“ genannte Strategie, die Weimer Ende 2020 ausgerufen hat.

Der Finanzkonzern profitiert von Sondereffekten

Der Börsenchef hat am Donnerstag selbstredend erneut klargemacht, dass er fest an seine eigenen Ziele glaubt. Jedoch hat er diese im vergangenen Jahr vor allem erreicht, weil sein bislang größter Zukauf ISS erstmals in das Zahlenwerk einging. ISS ist ein US-amerikanischer Stimmrechtsberater und Lieferant von Finanzinformationen: Das Unternehmen, das Weimer für umgerechnet 1,5 Milliarden Euro erworben hatte, berät Großanleger wie Fondshäuser, wie diese bei Investorentreffen abstimmen sollen, etwa bei Aufsichtsratswahlen. Zudem bewerten die Amerikaner, wie nachhaltig Konzerne sind – ein absolutes Trendthema. 

Obendrein hat Weimers Zahlenwerk von einer weiteren Übernahme und von Sondereffekten profitiert. So hat die Börse den Wert von Töchtern höher angesetzt als zuvor. Das ist völlig legitim, sagt aber nichts darüber aus, wie gut das eigentliche Geschäft läuft. 

Weimer muss auf höhere Zinsen setzen

Weimer kann nicht damit rechnen, dass sich die Sondereffekte wiederholen und er ähnlich erfolgreiche Übernahmen tätigen kann – was für ihn besonders ärgerlich ist, weil es in einigen Geschäftsbereichen mau ausschaut, etwa im Kerngeschäft.

Dieses umfasst unter anderem die Derivatebörse Eurex: Der Umsatz des Marktplatzes für Finanzabsicherungen, der für ein Drittel der Gesamteinnahmen steht, fiel um zehn Prozent, das Ergebnis sackte gar um 20 Prozent ab. Seine Anteilseigner werden Weimer diesen Einbruch nur bedingt anlasten, weil das Geschäft der Eurex im hohen Maße davon abhängt, ob die Börsen stark oder wenig schwanken. Gleichwohl zeigt das: Weimers künftiger Erfolg wird von Entwicklungen bestimmt, die er selbst nicht beeinflussen kann. 

Die Börse soll unabhängiger von der Börse werden

Er muss auch darauf hoffen, dass sich Investoren wegen unruhigerer Finanzmärkte wieder stärker absichern, indem sie Derivate über die Eurex kaufen. Zudem muss er darauf setzen, dass die Zinsen wie erwartet steigen. Davon würde der Konzern profitieren: Er darf das Geld von Kunden, das diese als Sicherheit für Transaktionen hinterlegen, in risikoarme Anlagen investieren, die derzeit aber kaum Zinsen abwerfen.

Mehr Schwankungen und höhere Zinsen sind für Weimer auch aus einem weiteren Grund wichtig: Die Resultate seines Plans sind bislang durchwachsen, in neue Geschäftsbereiche vorzustoßen und die Börse unabhängiger von der Börsenentwicklung zu machen. Aus diesem Grund hat er auch ISS gekauft: Investoren zahlen für die Daten, selbst wenn die Märkte fallen.

Die 2021er Zahlen von ISS sind zwar besser ausgefallen als ursprünglich von Weimer in Aussicht gestellt. Das ist ein Indikator dafür, dass sich der Zukauf gelohnt haben könnte. Allerdings schwächelt der als zukunftsträchtig gepriesene Bereich Qontigo, der wie ISS auch Finanzdaten verkauft. Statt den Umsatz um mehr als 15 Prozent zu steigern, wuchs Qontigo nur mit 4 Prozent.    

Die Investoren dürften Weimer daran messen, ob er diese börsenunabhängigeren Geschäftsbereiche in den Griff bekommt. Gelänge das, könnte auch der Aktienkurs des Konzerns endlich dauerhaft über sein Vor-Corona-Hoch von 155 Euro steigen.

Weimer, der als überaus ambitioniert gilt, ist sicherlich nicht glücklich damit, dass die Aktien anderer Börsenbetreiber wie der Amsterdamer Euronext, der ICE aus Atlanta und der New Yorker Nasdaq deutlich stärker hinzugewonnen haben. Während sich die Aktie der Deutschen Börse seit Weimers Amtsantritt im Januar 2018 um circa 60 Prozent verteuert hat, legte die Aktie der Nasdaq doppelt so stark zu.

Es besteht kein Zweifel: Weimer wird allzu bald in keinem Hafen der Welt verweilen wollen. 

Mehr zum Thema: Unser Leser hält Aktien von Nestlé und Roche, deren Kursgewinne bei ihm steuerfrei sind. Geht dieser Vorteil auf einen Erben über? Fachanwältin Susanne Thonemann-Micker antwortet.

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