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Finanzskandale Der Deal mit den Denunzianten

Ein Informant packt gegenüber den Aufsichtsbehörden aus – und beschert der Deutschen Bank womöglich einen handfesten Skandal. Worum es in dem Fall genau geht und warum bald noch mehr „Whistleblower“ plaudern dürften.

Die New Yorker Börse an der Wall Street: Die Behörden erhoffen sich von Informanten Hinweise auf Unregelmäßigkeiten. Quelle: dpa

DüsseldorfAufsichtsbehörden rund um die Welt setzen verstärkt auf Hinweise von Informanten. So ruft etwa die US-Aufsicht SEC Belohnungen für Hinweise auf Unregelmäßigkeiten aus. Nun werfen sogenannte „Whistleblower“ der Deutschen Bank vor, ihr Portfolio von Kreditderivaten zu hoch bewertet zu haben.

Ein ehemaliger Risiko-Analyst, Eric Ben-Artzi, packt aus, dass die Bank zeitweise diese Papiere mit einem Nennwert von 120 bis 130 Milliarden im Portfolio hatte, aber nicht korrekt bewertete. Der Schritt half der Bank demnach dabei, gesünder auszusehen. Den Vorwürfen zufolge versteckte die Bank bis zu 12 Milliarden Dollar an Papier-Verlusten im Derivatehandel.

Konkret geht es um die Bewertung von sogenannten „Leveraged Super Senior Tranches“ - das sind Teile von komplexen Finanzinstrumenten, mit denen die Ausfallrisiken von Anleihen gehandelt werden können. Dies gleicht einer Art Kreditversicherung. Als „Senior-Tranchen“ werden die Teile von Wertpapier-Emissionen  mit dem niedrigsten Risiko bezeichnet. Im Falle von Zahlungsschwierigkeiten werden diese Tranchen vorrangig bedient.

Die hier betroffenen Papiere unterscheiden sich von regulären Senior-Tranchen dadurch, dass der Verkäufer des Papiers weniger Sicherheiten bieten muss. „Wenn man eine Super-Senior-Tranche im Nennwert von einer Milliarde Dollar zehnfach hebelt, muss der Verkäufer der Kreditversicherung nur 100 Millionen Dollar Sicherheit stellen“, erläutert der Ben-Artzi im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen“. „Damit sind die Papiere aber auch weniger wert als reguläre Tranchen.“

Die Deutsche Bank bewertete die Papiere Ben-Artzi zufolge während der Kreditkrise aber wie reguläre Tranchen, also zu hoch. Den Unterschied zwischen diesen Wertpapieren nennt man Gap-Option. Das ist ein Begriff für das vertraglich festgelegte Recht des Verkäufers, der ja nur für einen kleinen Teil der Transaktion haftet, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen. Diese Option muss bewertet werden. Das hat die Bank Ben-Artzi zufolge aber unterlassen. Die Deutsche Bank bezeichnete die Anschuldigungen als unbegründet, die vorgenommenen Bewertungen seien korrekt gewesen.

In der Zukunft könnten noch weitere solcher Whistleblower-Fälle auftauchen. Denn der jüngste Fall folgt einem neuen Programm in den USA, dass im Zuge der Finanzmarktreform entwickelt wurde. Es ist speziell dazu angelegt, Insider zur Preisgabe von Tipps zu bewegen.


Zwischen 10 und 30 Prozent Belohnung

Falls ein Whistleblower neue Informationen bereitstellt, die der Börsenaufsicht SEC erfolgreich bei der Verhängung von Sanktionen über ein Million Dollar helfen, gibt es eine Belohnung. Sie beträgt zwischen 10 Prozent und 30 Prozent, abhängig von vielen Faktoren - etwa, wie einzigartig die Informationen sind.

Das Programm ist seit dem Sommer 2011 in Kraft. So langsam kommen die Resultate ans Tageslicht. Im August zahlte die SEC bereits ihre erste Belohnung aus - eine Summe von 50.000 Dollar als erste Anzahlung in einem Fall, bei dem Sanktionen über eine Million Dollar verhängt worden waren.

Gleichzeitig verweigerte die SEC einem zweiten Whistleblower in demselben Fall die Belohnung, weil dessen Informationen nicht direkt zu den Sanktionen geführt hätten. Die SEC-Abteilung für Whistleblower erklärte vergangenen Monat in ihrem ersten Jahresbericht, sie habe im Fiskaljahr 2012 insgesamt 3001 Tipps bekommen.

SEC-Kommissar Luis Aguilar sagte im Oktober, dass die Flut an Tipps die Mitarbeiter keinesfalls in nutzlosen Sackgasse- Ermittlungen ertränkt habe. „Unsere Mitarbeiter sagen, dass sie einen deutlich erkennbaren Unterschied in der Qualität der Informationen, die sie bekommen, beobachten“, erklärte er bei einer Rede. „Das ist wichtig. Die Qualität der Informationen bestimmt, wie schnell unsere Mitarbeiter handeln können. Also ob wir unsere Chancen steigern können, die wahren Köpfe zu fassen. Und ob wir verhindern können, dass es noch zu größeren Schäden kommen wird.“

Rund 18 Prozent der SEC-Tipps, die im Fiskaljahr 2012 bei der US-Aufsichtsbehörde eingegangen waren, standen in Verbindung zu Unternehmens- und Finanzmitteilungen - so wie im Fall der Deutschen Bank.

Auch die EU-Kommission hat sich entschieden, den Verrat von Interna zu belohnen. Die neuen Regeln zur Bekämpfung von Wirtschaftsdelikten sehen „finanzielle Anreize für Personen vor, die besonders wichtige Informationen über Verstöße“ den Behörden melden. Mit anderen Worten: Es geht um eine Prämie für Informanten.

„Whistleblowern“ haftet aber nicht nur der Nimbus der Aufdecker von Skandalen auch. Zugleich umweht sie aber auch der Ruf des Verräters. So stoßen die Brüsseler Pläne in der Wirtschaft auf Ablehnung. Die Manager verweisen auf firmeneigene Lösungen zur Aufdeckung von Missständen. Belohnungen für Denunzianten stoßen da auf Skepsis.

Mit Material von Bloomberg.

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