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Gerichtsverhandlung startet Das müssen Sie zum Euribor-Skandal wissen

Christian Bittar Quelle: REUTERS

Ihre Arbeitgeber mussten bereits Milliardenstrafen zahlen, nun stehen etliche Banker im Skandal um Zinsmanipulationen vor Gericht. Mit den Tricksereien konnten sich Banken Millionen an Extragewinnen erschleichen.

In London wird an diesem Montag ein weiteres Kapitel im Skandal um manipulierte Zinssätze aufgeschlagen: Händler mehrerer Großbanken, unter anderen der Deutschen Bank, sollen über Jahre bei der Berechnung von Libor und Euribor getrickst haben - zugunsten ihrer Arbeitgeber und eigener Boni. Für den Prozess sind drei Monate angesetzt, mit einem Urteil wird im Sommer gerechnet.

Was sind Libor und Euribor?

Diese Referenzzinssätze geben an, zu welchen Konditionen sich Banken gegenseitig Geld leihen. Sie sind Maßstab für Geschäfte in Billionenhöhe - vom Baukredit bis zu Derivate-Geschäften, etwa auf Rohstoffe.

Wie werden die Zinssätze berechnet?

Der Libor (London Interbank Offered Rate) wurde seit Mitte der 1980er Jahre an jedem Bankarbeitstag vormittags von der British Bankers' Association (BBA) in London festgelegt. Für die Berechnung gaben die nach Marktaktivität wichtigsten Banken weltweit an, welche Zinsen sie für Kredite der Konkurrenz zahlen müssen. Der auf dieser Basis für verschiedene Währungen errechnete Libor ist vor allem für Geschäfte in Dollar wichtig. Im Jahr 2014 übernahm der US-Börsenbetreiber ICE die Verantwortung für die Libor-Berechnung.

Für Geschäfte in Euro ist seit Einführung des Euro als Buchgeld zum 1. Januar 1999 entsprechend der Euribor (Euro Interbank Offered Rate) der Maßstab. Zu dessen Berechnung melden täglich mehr als 30 ausgewählte Banken, welches der höchstgebotene Zinssatz dafür ist, dass eine Bank einer anderen Bank mit guter Bonität einen unbesicherten Euro-Kredit gewährt. Die Europäische Zentralbank (EZB) treibt derzeit Pläne für einen eigenen Geldmarkt-Referenzzins voran.

Warum stehen nun Banker wegen Euribor/Libor vor Gericht?

Ihnen wird vorgeworfen, bei der Berechnung der wichtigen Zinssätze über Jahre getrickst zu haben und diese damit in eine für sie vorteilhafte Richtung getrieben zu haben. Das war deshalb möglich, weil die beteiligten Mitarbeiter die Zinssätze fast ohne Kontrolle festlegen konnten. Denn statt realer Daten - also Kosten von tatsächlichen Krediten - waren Umfragen Grundlage der Berechnung: Händler schätzten, zu welchem Zins sich ihr Haus von anderen Banken Geld leihen könnte. Wie realistisch diese Angaben waren, war kaum nachprüfbar. Für die Händler waren Tricksereien verlockend: Selbst geringe Abweichungen konnten Banken Millionen an Extragewinn bescheren - und den Bonus der Händler in die Höhe treiben.

Welche Rolle spielten Großbanken?

Etliche Institute mussten wegen Zinsmanipulationen hohe Strafen zahlen - die Deutsche Bank gleich mehrfach: Im Dezember 2013 verhängte die EU-Kommission 1,7 Milliarden Euro Bußgelder gegen mehrere Geldhäuser, die Deutsche Bank musste den Löwenanteil von 725 Millionen Euro tragen. Im April 2015 verglich sich Deutschlands größte Bank mit Behörden in den USA und Großbritannien: 2,5 Milliarden Dollar wurden fällig - die höchste bis dato verhängte Buße im Libor-Fall.

Im Oktober 2017 schaffte die Deutsche Bank in den USA Libor-Klagen von Börsenhändlern und 45 Bundesstaaten gegen Zahlung von 300 Millionen Dollar aus der Welt, im Februar 2018 einigte sich das Institut mit Investoren wie der Stadt Baltimore und der Yale-Universität auf einen Vergleich und akzeptierte eine Zahlung von 240 Millionen Dollar. Es laufen noch weitere Zivilverfahren, bei denen Firmen und Privatleute von der Deutschen Bank Schadenersatz als Ausgleich für Verluste wegen Zinsmanipulationen durchsetzen wollen.

Welche Konsequenzen zog die Deutsche Bank?

In einer eigenen Untersuchung kam der Konzern 2015 zu dem Ergebnis, dass „kein gegenwärtiges oder ehemaliges Vorstandsmitglied Kenntnis über das Fehlverhalten im Handelsbereich hatte oder daran beteiligt war“. Allerdings sah sich die Bank gezwungen, interne Abläufe und Aufsichtsmechanismen zu verschärfen. In dem aktuellen Londoner Verfahren ist die Deutsche Bank nicht beschuldigt, sondern ehemalige bzw. ein noch aktueller Mitarbeiter des Instituts sowie Mitarbeiter der britischen Barclays und der französischen Société Générale.

Was sagen die angeklagten Händler?

Der prominenteste der ehemaligen Deutsche-Bank-Händler in dem Londoner Prozess, Christian Bittar, erklärte sich nach Angaben der britischen Strafverfolgungsbehörde SFO (Serious Fraud Office) für schuldig, den Euribor manipuliert zu haben. Bittar hatte vor Jahren für Schlagzeilen gesorgt, weil er für das Jahr 2008 sagenhafte 80 Millionen Euro Bonusanspruch angehäuft hatte. Sein Arbeitsvertrag garantierte ihm einen festen Prozentsatz der von ihm erzielten Spekulationsgewinne. Die Hälfte des Rekordbonus behielt die Bank wegen der Ermittlungen in Sachen Zinsmanipulation ein.

Bittars Londoner Anwalt sagte auf die Frage nach seinen Erwartungen an das beginnende Gerichtsverfahren: „Es wäre nicht richtig, vor dem Prozess gegen die verbleibenden Angeklagten und vor der Verurteilung von Herrn Bittar Stellung zu nehmen.“ Dem Franzosen Bittar, der derzeit in U-Haft sitzt, drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis.

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